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30 Stunden auf Rhodos im April 2017

Von Klaus Bötig | 23.Juni 2017

 

Ende April. Mietwagen für drei Tage gebucht. Einmal rund um die Insel – und auch mal kreuz und quer. Wir suchen Neuigkeiten, besuchen alte Freunde – und wollen nachholen, was wir bei früheren Rhodos-Reisen versäumten.

Der Koffer ist schon da, als wir zur Gepäckausgabe kommen. Winter-Speed ohne Touristenschlangen. Zehn Minuten später sitzen wir im Mietwagen. Erstes Ziel, obwohl noch früh am Vormittag: Die kleine Weinkellerei Triandafillou. Inhaberin Anastasia ist schon da. Den Plan mit den Bioweinen haben sie aufgegeben – zu viel Bürokratie wäre damit verbunden. Neu im Sortiment ihres kleines Ladens haben sie Seifen aus einem Vorort Athens: veredelt mit marokkanischem Arganienöl, griechischer Mastix-Essenz von der Insel Chios oder mit Eselsmilch aus Nordgriechenland. Neue Ideen braucht das Land – bravo!

Anastasias Sohn Jason hat in Bordeaux die Oinologie studiert und verwaltet jetzt weite Teile des Weinguts. Wir fahren hin, es liegt direkt vor dem Eingang zum Straußenpark. Die Rebstöcke stehen in langen Reihen auf sanft bewegtem Gelände vor der Kulisse des 800 m hohen Profitis Ilias. Mittendrin steht ein schicker Bau im Landhaus-Stil: Eine Taverne für Weinverkoster. Stolz zeigt uns der junge, fließend Englisch und Französisch sprechende Jason sein Destilliergerät: Als einziger Mensch auf den Inseln des Dodekanes darf er hier ganz legal Souma brennen, die typische Spirituose der Inseln vor der kleinasiatischen Küste. Anders als beim kretischen Raki oder festländischem Tsipouro ist seine Basis nicht Trester, sondern Wein. In manchen Dörfern wird er schon lange gebrannt, darf aber nicht in etikettierte Flaschen abgefüllt werden. Jason ist den nächsten Schritt gegangen und darf seinen Souma jetzt überall ganz offiziell verkaufen. Auch sonst ist der junge Mann sehr findig. Zwei Pferde gehören zum Rebgarten. Wer mag, kann auf ihnen das Anwesen durchstreifen.

Weiter geht’s zu meinem langjährigen Freund Theophilos. Er ist 83. Seit über 60 Jahren betreibt er am unteren Eingang zum Schmetterlingstal eine Taverne. Für Marschall Tito hat er einst Spaghetti bolognese nach dem Rezept der italienischen Inselbesatzer gekocht. Sie sind noch immer ein Traum. In der backstubenähnlichen Küche steht seine Frau, bereitet im Backofen täglich frisch ihr Moussaka zu. Sohn Dimitri und die Schwiegertochter helfen im Service, doch ans Aufhören denkt Theophilos nicht. >Im Winter ist er immer krank<, sagt der Sohn, <aber pünktlich zu Saisonbeginn wird er immer wieder ganz gesund<. Dimitri geht mit uns zum nahen Bach, will uns die Flusskrebse zeigen.  Er hat beobachtet, dass sie vor einsetzenden Regenfällen ihre Erdlöcher im Bachbett verlassen und sich in den Wald zurückziehen. Er hat auch eine Theorie, warum sie das tun: Bei heftigen Regenfällen könnte der Bach durch Schwemmgut ihre Höhleneingänge verstopfen. Noch eins will uns Dimitri zeigen: Dass der Bach nur noch extrem wenig Wasser führt. Die vielen Trinkwasser-Bohrlöcher überall auf Rhodos hätten den Grundwasserspiegel so stark sinken lassen…

Vom Naturphilosophen zum Theologen. Ich sitze mit Junior-Wirtin Tzenny in der Taverne Artemida bei Psinthos auf der Terrasse. Meine Frau schläft im Auto. Musik erklingt aus der Umgebung: Man feiert ein Kirchweihfest. Die Rhodier denken praktisch: Im Winter feiern sie ihre Panigiria am helllichten Festtag, im Sommer dann wie sonst in Hellas üblich am Vorabend des Patronatsfestes. Ein Pickup hält, ein Muster-Priester steigt aus. >Ouzo?< ruft ihm Tzenny im Scherz fragend zu – wie so oft habe ich das Gefühl, dass Griechen jeden Satz ohne Witz schrecklich langweilig finden. Der Priester bejaht, bekommt aber nur Kaffee und Wasser serviert. Zehn Minuten später ist die Prozession da, die die heilige Festtagsikone ins Dorf bringen will. Der Priester erhebt sich und geht ihr für den Rest des Weges voran. >Ist er ein Faulpelz?<, frage ich Tzenny. >Er wird morgen im Krankenhaus am Knie operiert<, sagt sie mir.

Auf dem Weg hinauf auf den Profitis Ilias fällt mir erstmals ein hölzerner Wegweiser auf: zur Taverne Fountoukli. Ein guter Waldweg bringt uns zu einem stattlichen Blockhaus auf einer Lichtung mit Fernblick. Ein für die Ägäis ganz ungewöhnlicher Bau – wie kommt er hierher. Wirt Nikos löst das Rätsel: Der Vater seiner litauischen Frau hat es erbaut. Alles hier ist so naturnah. Der Strom kommt nicht vom Inselkraftwerk, sondern aus der eigenen Photovoltaik-Anlage. Das Fleisch kommt ausschließlich von rhodischen Züchtern. Geöffnet ist nur zwischen September und Mai und auch dann nur an Wochenenden von mittags bis gegen 19 Uhr. Die Gäste sind fast nur Rhodier, denn Werbung macht Niko nicht.

Eine Stunde vor Sonnenuntergang sind wir im höchstgelegenen Hotel der Insel am Profitis Ilias. Die italienischen Besatzer haben es in den 1930er Jahren im Chalet-Stil erbaut. Schon wieder Norden im Süden. Im großen Hotelcafé sitzen viele Rhodier bei Kaffee, Kuchen und Torten. Draußen toben Kinder oder drehen Runden auf den Mountainbikes des Hotels, die Gästen kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Nach Sonnentergang sind wir im Hotel mit dem schwarzafrikanischen Faktotum allein. Schon seit 12 Jahren lebt der junge Mann auf der Insel. Nach Deutschland weiterziehen will er nicht, obwohl seine Schwester dort lebt: >Hier ist es so schön wie in meinem afrikanischen Dorf!<

Am nächsten Morgen fahren wir erstmals eine Runde um den Gipfel des Profitis Ilias. Im Wald blühen die Asphodelien so dicht wie bei uns Schneeglöckchen, zwischen Blumen und Bäumen liegen Felsbrocken im Wald verstreut, als sei er die Spielwiese von Riesenkindern gewesen. Märchenhaft kommt uns auch das Weihnachtsdorf weiter unten am Dorfrand von Salakos vor: Da wird die biblische Weihnachtsgeschichte in einem Budendorf mit Geburtshöhle für Kinder so lebendig wie auf keinem deutschen Weihnachtsmarkt.  Sogar das Haus des Weihnachtsmanns ist aufgebaut, steht jetzt im April aber leer. Nun gut, dann gehen wir halt ins Kafenio am Dorfplatz von Salakos. Im gelben Bau aus italiensicher Besatzungszeit residiert heute die Ortspolizei. Ein Ficus benjamina und vier Maulbeerbäume spenden Schatten. In der >Traditional Cafe Bar To Sintravani< sitzt außer uns nur noch ein einziger anderer Gast. Etwa 45, ganz offensichtlich taubstumm. Er hat nur eins im Kopf: Frauen. Der Wirt nennt ihn >to kalo pedi<, das gute Kind. Hört sich doch besser an als das bei uns übliche >Dorftrottel<…

In Fanes, einem Hot Spot der Kite Surfer im Sommer, sind wir wieder am Meer. Wir suchen ein kleines, im Sommer 2016 neu eröffnetes Hotel mit nur drei Apartments. Wir finden es nicht. Gute Ausschilderung war noch nie der Griechen Ding. In der Strandtaverne Old Kamiros wird uns der lebende Lobster zum Sonderpreis von 68 statt 80 Euro angeboten. Wir lassen ihn leben, setzen uns stattdessen in die Taverne Althemis am Fischerhafen von Skala Kamirou. Wieder ein >kalo pedi<, die erwachsene Tochter des Hauses. Sie füttert eine Ende und sagt betrübt: >Gestern waren es noch zwei. Eine hat der Fuchs geholt<. Auf der Terrasse liegt ein winziges Boot schön drapiert: Mit ihm ist der Tavernenbegründer bis 1957 noch selbst fischen gegangen. Der griechische Salat ist mit eingelegten Kapernzweigen angereichert: man spürt, dass hier Traditionen noch etwas gelten.

Traditionen schätzt auch Manolis, der Wirt der Taverne an der Burg von Kritinia. Er ist einer der vielen jüngeren Männer Griechenlands, die sich angesichts der Krise ganz bewusst für ein Leben auf dem Dorf entschieden haben. Tagsüber wartet er hier an der Festung auf einige Urlauber. Abends betreibt er ein Kafenio im Bergdorf Kritinia, um das sich tagsüber seine Frau kümmert. Da  serviert er nahezu ausschließlich Rhodiern Mezedakia zu Wein, Ouzo und Souma. Namen haben beide Lokale nicht. Wozu auch, man findet sie auch so.

Unser Tag endet im Dorf Gennadi an der Ostküste. Im Hotel Summer Breeze bekommen wir ein ordentliches kleines Zimmer inklusive Frühstück für 20 Euro – da sind deutsche Jugendherbergen teurer. Der junge Wirt, ein äußerst kräftig gebauter Mann, hat einmal zehn Jahre lang im Sauerland gewohnt und stammt ursprünglich aus der Mani. Seine Frau ist Polin. Wir erzählen ihm von unserer Art zu reisen. Er schüttelt sich vor Graus: >Ich verlasse mein Dorf fast nie. Und am allerliebsten bin ich in meinem Hotel!< Wir hingegen freuen uns schon auf den nächsten Tag voller Begegnungen auf einer Insel, die trotz partiellem Massentourismus noch so viel Ursprüngliches und Liebenswertes zu bieten vermag.

 

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