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Antifaschistische Buchempfehlung: Der blaue Mantel

Von Klaus Bötig | 9.Oktober 2015

Angesichts des Rechtsrucks in allen europäischen Nationen hier ein schon vor längerer Zeit von mir für die Griechenland-Zeitung geführtes Interview mit Prof. Schminck-Gustavus, der sich intensiv mit deutschen Kriegsverbrechen in Griechenland beschäftigt hat, verbunden mit einer Buchempfehlung:

Christoph U. Schminck-Gustavus, Ordinarius für Rechts- und Sozialgeschichte an der Universität Bremen, hat sich schon mehrfach mit der griechischen Geschichte während des Zweiten Weltkriegs – oder, besser gesagt, mit Menschenschicksalen in den Jahren deutscher und italienischer Besatzung und des Bürgerkriegs in Griechenland auseinandergesetzt. Schminck-Gustavus ist nicht der Typ, der jahrelang nur Archive durchforstet und hinterher ein trockenes Stück Geschichtsschreibung abliefert. Er tritt an Zeitzeugen heran, hört ihnen ausgiebig zu, zeichnet die Gespräche auf Band auf und macht daraus Bücher, die spannend zu lesen sind wie ein Kriminalroman. Er verfolgt das Schicksal der Erzählenden weiter bis zum Ende seiner Arbeiten am Manuskript, lässt den Leser auch teilhaben an Stimmungen und Erlebnissen am Rande des Themas und an konkreten Umständen seiner Interviews.
2004 veröffentlichte der ungewöhnliche Professor im Bremer Donat-Verlag sein zuvor schon in Italien und Griechenland erschienenes Werk >Kephalloniá 1943-2003. Auf den Spuren eines Kriegsverbrechens<. Darin erzählt vor allem ein italienischer Überlebender des Massakers an der Divisione Aqui durch Deutsche und Österreicher. Jetzt hat der gleiche Verlag sein Buch >Der blaue Mantel. Von Dachau nach Sibirien – Zeugnisse griechischer KZ-Häftlinge 1943-1993< herausgebracht, das zuvor schon teilweise als Raubdruck unter dem Namen des Textdiebs in Athen erschienen war. Der hatte das Gesprächsprotokoll im Archiv in Dachau entdeckt, wohin der Professor es geschickt hatte, weil dort noch keinerlei Aussageprotokolle griechischer Häftlinge vorlagen.
Den Großteil der 144 Seiten nimmt die Schilderung von Dimitrios Sotiriadis aus Ioannina ein, der als Schüler von den Italienern wegen des Verteilens von Flugblättern verhaftet worden war. Die Deutschen brachten ihn nach dem Seitenwechsel ihrer Verbündeten nach Dachau, wo er bis Kriegsende blieb. Dort begegnete er auch dem Kommunistenführer Nikos Sachariadis. Dessen Rolle in KZ und Bürgerkrieg wird in Griechenland bis heute kontrovers diskutiert. Ihm wird sogar vorgeworfen, mit den Deutschen kollaboriert, die Goldzähne jüdischer Opfer gewogen und im Winter den blauen Mantel eines ermordeten Juden getragen zu haben – daher der Titel des Buches. Schminck-Gustavus geht der Frage im zweiten Teil seines Werks nach, schildert ausführlich die Schwierigkeiten von Recherche und Wahrheitsfindung so viele Jahre nach den Ereignissen. Zur Klärung der Vorwürfe kann zwar auch Schminck-Gustavus nicht beitragen – aber es wird zumindest deutlich, dass sich die Frage nach der Rolle des Kommunistenführers in Dachau und im Bürgerkrieg wohl nie mehr endgültig klären lassen wird. Auch das macht Buch und Autor ungewöhnlich: Er stellt keine Theorie auf mangelnder Faktenbasis auf, sondern gibt schlicht das Scheitern eines Klärungsversuchs zu.

Interview:

GZ: Herr Professor, wieso interessieren Sie sich so sehr gerade für die griechische Geschichte seit 1940?

SG: Ich hatte das Glück, auf der Schule sieben Jahre lang mit Altgriechisch und neun Jahre lang mit Latein gequält worden zu sein. Dann führte uns unsere Abiturreise nach Rom. Ich beherrschte zwar die Landessprache nicht, konnte mich aber mit einer Nonne ausgiebig unterhalten: Ich sprach Latein, sie antwortete auf Italienisch. Für mich war klar: Ich will nach Italien zurück und hatte das Glück, ein Promotionsstudium in Rom zu ergattern. Da wollte ich Italiener werden. Irgendwann aber wurde ich des Landes überdrüssig. Ich war Mitte 30, dachte, ich muss noch mal was Neues anfangen. Ein griechischer Kommilitone lud mich in sein Dorf bei Ioannina ein. Ellada faszinierte mich. Im Dorf erzählten mit alte Leute vom Albanien-Feldzug, von der Zeit der deutschen und italienischen Besatzung. Ich nahm ein Forschungssemester und ließ mich danach beurlauben, war insgesamt zwei Jahre vor allem im Epirus. Da begegnete ich dem Sohn eines Landarztes aus Ioannina, der mir in den Dörfern Türen und Herzen öffnete. Viele Leute erzählten mir ihre Geschichte, Dutzende von Kassetten waren das Resultat.

GZ: Wo kann man denn das alles nachlesen?

SG: Auf Griechisch in den drei Bänden von „Mnímes Katochís“ (Μνήμες Κατοχής), erschienen im Isnáiri-Verlag (ISBN 978-960-89527-3-7).

GZ: Was hat sie an „Oral History“, also „Erzählter Geschichte“, als Darstellungsform interessiert?

SG: Erzählte Geschichte ist ein Begriff, der mir anfangs überhaupt nicht geläufig war. Ich habe in Griechenland aber bald bemerkt, wie dankbar die Leute reagiert haben, wenn ich versuchte, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Ich selbst bin noch Kriegskind gewesen, 1942 geboren. Ich habe zwar keine Erinnerungen mehr an den Krieg, aber viel von meinen Eltern darüber gehört. Deswegen fand ich die Frage nach dem Kriegsalltag immer sehr wichtig. Man kann sich als Historiker mit den alten Römern beschäftigen, aber da gibt es keine Zeitzeugen mehr. Mich hat das Alltagszeugnis von Menschen interessiert. Der polnische Zwangsarbeiter, der italienische Kriegsgefangene, der griechische KZ-Häftling.

GZ: Und daran findet auch der Leser großes Vergnügen…

SG: Das ist mein eigentliches Ziel. Ich versuche Bücher zu schreiben, die nicht irgendwo in einer wissenschaftlichen Uni-Bibliothek stehen, sondern Bücher, die man auch als Normalmensch lesen kann.

GZ: Und wie erreichen Sie das?

SG: Ich bringe die ohnehin schon interessanten Aussagen in eine gut lesbare Form. Häufig kann man das Gesagte nicht so verwenden, wie es geäußert wurde. Man muss es schon ein wenig bearbeiten, behutsam, aber lesbar machend. Man muss die Aussagen umarbeiten und darf, denke ich, auch manchmal durch Verschiebungen Spannungsbögen erzeugen. Wenn das Pulver schon am Anfang verschossen wird, ist das Buch ja nicht mehr spannend.

GZ: Sind sie in all ihren Gesprächen auch auf Ressentiments gegenüber Deutschen und Österreichern gestoßen?

SG: Nein, keineswegs. Niemand hat von Entschädigung gesprochen, niemand zeigte mir die kalte Schulter. Immer wieder hörte ich: Es ist gut, dass du gekommen bist. Höre zu und erzähle es weiter!

GZ: Danke für dieses Gespräch.

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