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Chalki – ein Trabant von Rhodos

Von Klaus Bötig | 14.Oktober 2019

Chalki ist ein Trabant von Rhodos. Der Unterschied zwischen beiden Inseln ist fast so groß wie der zwischen Erde und Mond. >Ankommen und entschleunigen< lautet auf Chalki das Urlaubsmotto. Der 50 km/h schnelle Katamaran <Dodekanisos Express< bringt  uns in 80 Minuten von der Stadt Rhodos hinüber nach Chalki. Er ist ein angenehmes Schiff, denn anders als auf den meistens Ägäis-Sprintern darf man hier am Heck noch auf dem Oberdeck Freien sitzen. Lange fahren wir an der Westküste von Rhodos entlang, passieren die Hotelhochhäuser von Ixia, den geschäftigen Flughafen, das Kraftwerk von Soroni und schließlich den winzigen Hafenort Kamiros Skala, der mehrmals täglich per Personenfähren mit der Insel Chalki verbunden ist. Von hier aus sind es nur 12 Seemeilen bis Chalki, von der Stadt Rhodos aus hingegen 35.

Am Fähranleger von Chalki holt uns Michalis ab,  der über die Hälfte seiner 29 Lebensjahre in New York City verbrachte, und geleitet uns die 150 m zu unserem kleinen Ferienhaus fast direkt an der Uferpromenade. Nahe unserer Haustür sitzen zwei Fischer unter einer Tamariske und pulen ihren Tagesfang: Die meist <symiaka< benannten kleinen Krabben. Die sind noch winziger als der norddeutsche Granat, den Ost- und Nordfrieslands Fischer allerdings nicht mehr selber pulen, sondern zu diesem Zweck nach Polen oder gar Marokko schicken. Die beiden Fischer hier sind bald mit der Arbeit fertig, gehen zu ihren nahen Boot zurück, wiegen da die Krabben kiloweise ab und füllen sie in Plastiktüten. Eine davon kaufen wir zum Preis von 30 Euro. Am Abend werden wir sie kurz in Butter braten und auf unserem Balkon genießen.

 

Wohlstand dank Schwämmen

So wie die Krabben ihren Namen von der Insel Symi bekamen, erinnert der ganze Ort an die weitaus bekanntere Schwesterinsel dicht vor der kleinasiatischen Küste. Wie dort sind die Häuser meist zweigeschossig, in angenehm sanften Pastelltönen gestrichen und mit roten Ziegeln gedeckt. Auch hier umziehen sie den Hafen, staffeln sich am Hang übereinander. Mittendrin ragen ein Kirch- und ein Uhrturm auf, letzterer ebenso wie das pompöse Rathaus  gleich nebenan ein Geschenk einst ausgewanderter und im Ausland zu Wohlstand gekommener Chalkier an ihre Heimatinsel. Der zweite auffällige Turm im Ortsbild ist der Kirchturm der Nikolaus-Kirche, deren Kirchhof mit besonders schönen, auf dem ganzen Dodekanes üblichen schwarz-weißenKieselstein-Mosaiken aus dem Jahr 1867 bedeckt ist.

Über dem Ort thronen die Stümpfe dreier Windmühlen auf einem Bergkamm, am Kai dümpeln Fischerboote und einige ganz wenige Segelyachten herum. Anders als auf Symi tummeln sich auf Chalki aber nicht Hunderte von Tagesausflüglern  aus Rhodos im Ort. Hier verkauft niemand Schwämme und Meeresschneckengehäuse, bietet nur ein einziger Laden ein paar altmodische Souvenirs an. Es gibt im Gegensatz zu Symi keinen Juwelier und keine Bank, keine Auto- und keine Mopedvermietung.

Chalki ist eine stille Insel. Bei der letzten Volkszählung 2011 gaben zwar 478 Griechen Chalki als ihren Erstwohnsitz an; im Winter dürfte die Insel aber nur etwa 150 Bewohner haben, ein Drittel davon albanische Immigranten. Deren Kinder stellen den Großteil der Schüler an Grund- und Mittelschule, an der etwa zehn Lehrer vier Handvoll Schüler unterrichten.

Vor 100 Jahren hingegen lebten noch etwa 1300 Menschen auf Chalki. Für die meisten von ihnen waren Schwammtaucherei und Schwammhandel die Lebensgrundlage. In den 1920er Jahren wanderten viele von ihnen nach Florida aus, ihre Häuser verfielen. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten wurden viele von ihnen wieder hergerichtet, aber auch Ruinen fallen beim Ortsrundgang durchaus noch ins Auge.

 

Kleiner Spaziergang

Wir bummeln zunächst einmal von der kleinen Marina aus an der Hafenfront entlang. Nur auf etwa 250 m Länge wird sie von Cafés und Tavernen gesäumt. Keins dieser Lokale ist wie anderswo üblich mit Lounge-Möbeln aufgepeppt, alle wirken eher konservativ, altbacken und schlicht. Aus keinem Lokal dringt laute Musik, keins wirbt mit Leuchtreklamen. Auch die Preise hier sind angenehm normal. Die hausgemachten kurzen Chalki-Nudeln mit karamellisierten Zwiebeln und einem sehr milden Feta-Käse werden hier zu unserem Lieblingsgericht werden. Beim stundenlangen Sitzen in Tavernen und Cafés fällt eines besonders auf: Auf Chalki gibt es keinerlei streunende Hunde – und in 48 Stunden haben wir nur eine einzige Katze gesehen. Die Kastrationsbemühungen der Tierfreunde scheinen hier fast zum Aussterben der Miezen geführt zu haben, die doch eigentlich zum Land gehören wie Ouzo und Souvlaki.

Am anderen Ende der Uferpromenade sitzt man auf der Terrasse des einzigen Inselhotels besonders schön und hat den ganzen Ort vor Augen. Erbaut wurde der gesamte Gebäudekomplex des >Aretanassa< im vorletzten Jahrhundert als kommunales Schwammlager. In den 1980er Jahren nutzte es die Gemeinde als Gäste- und Seminarhaus, denn damals trug Chalki den von der UNESCO verliehenen Titel >Insel der Freundschaft der Jugend der Welt<, war für kurze Zeit internationale Begegnungsstätte. Dann verfiel der Bau. Zwei Millionen Euro aus EU-Fördermitteln ermöglichten schließlich den Umbau zum schicken Hotel, das jetzt seit drei Jahren von der Gemeinde an private Pächter vergeben ist.  Drei junge Einheimische haben hier Arbeit gefunden.

 

Wenig Strand

Ein Grund dafür, dass Chalki von Touristenmassen verschont bleibt, sind die sehr bescheidenen Bademöglichkeiten. Vor dem Hotel Aretanassa und einigen Ferienhäusern nahe der Marina kommt man über Stufen und Leitern ins Meer, kann man sich auf kleinen Terrassen sonnen. Brauchbare Badestrände sind nur der Potamos und der Kania Beach. Zu beiden fährt mehrmals täglich der kleine Inselbus Den Potamos Beach erreicht man vom Hafen aus aber auch in15-20 Minuten zu Fuß. Die Straße dorthin hat ein in Florida zu Geld gekommener Chalkier finanziert; sie heißt denn auch Boulevard Tarpon Springs. Der Potamos Beach ist nur etwa 70 m lang, aber feinsandig. Er fällt ganz kinderfreundlich sanft ins Wasser ab. Liegestühle unter 60 Sonnenschirmen stehen auf einer baumfreien Terrasse über dem Strand, eine Taverne liegt am Strandende. Von deren Wirt kann man sich den Weg zur fünf Minuten entfernten Kapelle Agii Anagyri zeigen lassen, die in einem kleinen Olivenhain liegt. In der Antike stand an ihrer Stelle ein Apollon-Tempel, von dem Steinblöcke in den umliegenden Feldmauern verbaut wurden.

Noch viel kleiner als der Potamos Beach ist der grobsandig-kieselige Kandia Beach, wo sich knapp 50  Liegestühle dicht aneinander drängen. Einige von ihnen stehen sogar im Schatten einer Tamariske und eines Ölbaums. Eine schlichte Ouzeri sorgt hier fürs leibliche Wohl – vor allem mit frischem Fisch und sonnengetrocknetem Oktopus. Unterkünfte liegen an beiden Stränden nicht.

 

Kein Besichtigungsstress

Sehenswürdigkeiten mit Baedeker-Stern hat das ausgesprochen felsige und baumarme Chalki auch nicht zu bieten. Wer die Mühe nicht scheut, kann am Potamos Beach vorbei vom Hafen aus in etwa 50 -60 Minuten auf den 305 m hohen Kastro-Hügel hinaufwandern (der Inselbus fährt außer im heißen Hochsommer nur freitags hinauf). Ihn krönen die Ruinen einer Burg aus der Zeit der Johanniterritter, die ja zwischen 1209 und 1521 von Rhodos aus über den gesamten Dodekanes herrschten. Gleich unterhalb der Burg stehen die verfallenen Häuser des Chorio, des alten Hauptorts der Insel. Er soll einmal 4000 Bewohner gezählt haben. In den 1960er Jahren verließen ihn seine letzten Bewohner. Jetzt wohnen wieder ein paar Menschen hier, haben alte Häuser restaurieren lassen. Zwischen Kastro und Chorio sind einige antike Quader in Mauern verbaut, Archäologen haben auch die Überreste eines Apollon-Heiligtums ausgemacht. Dem Laien sagen sie nichts.

Als zweite Sehenswürdigkeiten gilt das alte Kloster Agios Ioannis Alarga im äußersten Inselwesten, rund 8 km vom Hafen entfernt. Auch dahin fährt manchmal der Inselbus. Am Kloster lebt heute nur noch eine Viehzüchterfamilie, aber die Gebäude sind recht gepflegt. In der Klosterkirche haben sich mittelalterliche Fresken erhalten.

Wer länger auf Chalki bleibt, kann einmal in der Woche auch an einem etwa fünfstündigem Bootsausflug zur unbewohnten Insel Alimnia teilnehmen, wo man an einem Kiesstrand mit Kiefernwäldchen baden kann. Mehr an Zerstreuungsmöglichkeiten hat Chalki dann aber wirklich nicht zu bieten. So kann, wer’s erträgt, hier wirklich vollkommen zur Ruhe kommen – wahrscheinlich mehr als auf irgendeiner anderen Inseln in der Ägäis. Wir haben es nicht ausprobiert, sondern sind nach 48 Stunden weitergefahren nach Tilos. Mehr darüber in Ihrer nächsten Ausgabe der Griechenland Zeitung!

 

TIPPS

Fährverbindungen: Mehrmals täglich mit Kamiros Skala auf Rhodos. Mit Rhodos-Stadt, Tilos, Nisyros und Kos 2-3 x wö. per Katamaran (www.12ne.gr). Mit Rhodos-Stadt auch 1-2x wö. mit der großen Autofähre Prevelis. Die Prevelis fährt 1-2x wö. außerdem nach Piräus, Milos, Anafi, Santorin, Kasos, Karpathos sowie Sitia und Iraklio auf Kreta.

Unterkünfte (Auswahl): www.aretanassa-hotel.gr, www.admiralshouse.gr, www.nissiaholidays.com

Karten: www.anavasi.gr (1:20.000, erschienen 2014, aber immer noch aktuell)

Tauchbasis: www.chalkidive.com

 

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