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Chalkidiki: Afytos und die Kassandra-Halbinsel

Von Klaus Bötig | 22.August 2013

Afytos ist ein für die Chalkidiki äußerst ungewöhnliches Dorf. Es liegt nahe am Meer, aber ist kein Küstenort – und es ist nicht nur knapp 90, sondern über 2000 Jahre alt. All seine viel jüngeren Geschwister sind daran zu erkennen, dass sie vor ihrem Namen die Vorsilbe >Nea< oder >Neos< tragen. Davon gibt es hier über Zwanzig. Die drei Finger, die die Hellenen >podia<, also Beine nennen, und die Küstenebenen gehörten bis 1923 überwiegend den Athos-Klöstern. Dörfer gab es kaum. Im Zuge des Bevölkerungsaustausches nach der Kleinasiatischen Katastrophe überließen die Klöster ihre Ländereien den Flüchtlingen aus Kleinasien und vom Schwarzen Meer zur Besiedlung. Ihren neu gegründeten Dörfern gaben die Übersiedler zumeist den Namen ihrer alten Herkunftsregion und setzten ihm ein >Neu< voran.

Magie des Steins

Afytos hingegen hat eine lange Geschichte. Die parkähnlich und sehr besucherfreundlich gestalteten Ausgrabungen eines Heiligtums für Dionysos, Ammon Zeus und Asklipios direkt am Meer unterhalb des Nachbarortes Kalithea zeugen davon. Direkt vor der Dorfkirche, die immerhin auch schon 1859 entstand, legten Archäologen vor einigen Jahren einen antiken Friedhof frei. Wie nahezu alle Häuser in Afytos ist auch die Dorfkirche aus Naturstein erbaut, der hier dicht unter der Oberfläche gewonnen werden kann. Der leidenschaftliche Bildhauer Vassilis Pavlis konnte in seiner Zeit als Bürgermeister das Dorf davon überzeugen, bei dieser Bauweise zu bleiben, so dass der ganze Ort heute als homogene architektonische Einheit erscheint. Gassen und Straßen entstanden nicht nach Plan, sondern sind gekrümmt und gebogen gewachsen, die Platia ist ein schattiger Ort voller Leben wie in alten Zeiten. In die Steinmauern, die zur Höhenpromenade direkt am Steilufer führen, sind alte Mühlsteine und Reliefs des Ex-Bürgermeisters eingefügt – und am Ende der Höhenpromenade hat der Wirt der Cocktailbar Mageia, die wie ein Amphitheater mit Panoramablick wirkt, kürzlich sogar einen Baum aus thassischem Marmor gepflanzt. Stein fasziniert die Bevölkerung und die Besucher.

Baden so oder so

In Afytos führen eine schmale Straße und eine lange Treppe zum Strand hinunter. Bade- und Dorfleben sind hier strikt voneinander getrennt. Das ist in vielen anderen  Ferienorten der Kassandra anders. So säumt in Haniotis und Pefkochori eine schmale, nur im Hochsommer autofreie Uferpromenade den nicht viel breiteren, stets gut besuchten Strand. Landseitig reihen sich Tavernen, Grillbuden und simple Geschäfte aneinander . Wer hier Urlaub macht, hat weder Idylle noch Ruhe gesucht. Anders an der fast 2 km langen, weißen Crouso-Strandsichel von Paliouri: Da säumt kein einziges festes Gebäude den Hauch von Südsee. Hotels und Pensionen stehen weiter landeinwärts. Bäume umhüllen beschämt das verfallende alte Xenia-Hotel, das vom Unvermögen der Verantwortlichen zeigt, ehemaligen Staatsbesitz zu privatisieren (gelungene Beispiele für die private Wiederbelebung ehemaliger Xenia Hotels in bester Lage gibt es m.E. nur auf Kos und Patmos). Landschaftlich ebenso einzigartig sind die Strände an den beiden Nehrungen, die nur eine schmale Einfahrt in die Lagune von Glarokavos ganz in der Nähe zulassen. Doch sie sind von einem Problem geprägt, dass man auch anderswo abseits der Hotel- und Ortsstrände findet: Wohnmobilisten und wilde Camper hinterlassen hier gern ihre Abfälle…

Baden kann man auf der Kassandra nicht nur im Meer und in den Pools der Großhotels. Südlich von Paliouri lockt das moderne Thermalbadezentrum von Loutro (Agios Nikolaos) vor allem griechische Kur-Urlauber an. Es steht auf einem Küstenfelsen, das schwefelhaltige warme Wasser wird aus einer heißen Quelle nahe dem Meer herauf gepumpt. Da füllt es ein Innen- und ein Außenbecken, auch Wannenbäder und Massagen werden angeboten. Touristen können den gesunden Badespaß auch ohne vorherige Arztkonsultation sehr preiswert genießen.

Gratwanderungen

Eine sehr gut ausgebaute Rundstraße reiht alle Küstenorte wie mehr oder minder schön geformte Perlen an ein Band. Es gibt jedoch noch eine zweite Möglichkeit, die Halbinsel der Länge nach zu queren. Vom stillen Binnendorf Agia Paraskevi, das zwischen Paliouri und Loutra liegt, führt ein außer von Jeeps auch von kleineren Pkw vorsichtig zu befahrender, nicht befestigter Höhenweg 20 km weit bis ins Binnendorf Kassandrino im Norden der Kassandra. Kaum ein Fahrzeug ist hier unterwegs, eher sind schon Mountainbiker anzutreffen. Früher einmal führte der Weg streckenweise durch dichte Kiefernwälder, doch verheerende Brände haben sie 2006 alle vernichtet. Ihre Spuren sind weitgehend beseitigt, so dass der hier Reisende jetzt einen traurigen Vorteil der Katastrophe genießen kann: Den immer wieder wechselnden Blick auf beide Küsten der Halbinsel, auf abgezirkelte Getreidefelder und junge Olivenhaine an den Hängen weiter drunten. Und kurz vor Kassandrino, wo im Sommer gut bestückte Grilltavernen auf Besucher warten, zeigen dann überlebende Kiefernwälder, was für die Bauern auf der Kassandra vor 2006 eine wichtige Nebenerwerbsquelle war. Durchsichtige Plastikbeutel hängen da an den wie Kautschuk-Bäume angeritzten Stämmen. Langsam, aber stetig tropft das Harz der Aleppo-Kiefer in sie hinein, das zur Produktion eines guten Retsina benötigt wird.

Dieser Blog erschien zuerst in der Griechenland-Zeitung vom 21. August 2013

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