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Die Kantina – eine Institution an Griechenlands Fernstraßen

Von Klaus Bötig | 22.Dezember 2016

Eine deutsche Kantine und eine griechische >kantina< haben nur das Prinzip der Selbstbedienung gemein. Kantinen sind in Behörden und Fabriken angesiedelt, >kantinas< stehen im Freien. In Kantinen arbeiten fast immer Angestellte, in >kantinas< fast immer die Inhaber und ihre Familien. Kantinen werden wohl immer legal betrieben, bei <kantinas< kann man in dieser Beziehung öfters Zweifel hegen. Trotzdem sind mir >kantinas< lieber als Kantinen.

213 m hoch über dem weltberühmten Strand von Porto Katsiki auf Lefkas betreiben Christos und seine Frau die >Kantina Panorama<. Aus einem umgebauten Wohnwagen heraus verkaufen sie Getränke und Snacks. Der Aussicht wegen halten zwar viele Touristen, aber nur wenige leisten sich zumindest ein Fläschchen Wasser für 50 Cent. Da freut sich Christos, das ich heißen Kaffee bestelle, und sprudelt 20 Minuten lang los: über die Korruptheit griechischer Politiker jeder Ebene, über die mangelnde Effizienz griechischer Polizisten und Gerichte, über die vielen Touristen aus den ehemaligen Ostblockstaaten, die kaum Geld in der Tasche haben. Er beklagt das Ausbleiben von Deutschen, Österreichern und Norditalienern. Die ganze Region sei nach dem letzten Erdbeben 2015 verarmt, da nicht einmal wichtige Zufahrtsstraßen zu den Stränden wieder instandgesetzt würden. Warum der Bilderbuchstrand Egremnos noch nicht wieder zu Fuß erreichbar ist, glaubt er ganz genau zu wissen: Der Besitzer des Schiffes, das im Sommer bis zu 1500 Leute pro Tag dahin gebracht habe, sei gut mit den entscheidenden Kommunalpolitikern vernetzt.

Eine >kantinierissa< auf Zakinthos ist weniger kritisch, vertraut der Inselverwaltung. Die hat ihrer Kantina gerade gewaltigen Auftrieb verschafft, indem sie ein großes Hinweisschild aufstellte: >Spa with Sulphur Springs and Collagen<.  Da halten viele und suchen den Wellness-Tempel. Der ist geplant, mehr noch nicht. Doch wer hinunter geht an den kleinen Xigia Beach, kann zu zwei Quellen in der Felswand schwimmen, aus denen heilkräftiges kaltes Wasser sprudelt und das Meer je nach Strömung mal hier, mal dort milchig verfärbt. Schon mal da, bleibt so mancher ein Stündchen am Strand. Da steht meist ein junger Mann, nimmt Bestellungen auf und gibt sie per Handy an die Frau oben in der Kantina weiter. Die macht sie fertig und liefert sie mit einem selbst gebastelten Lastenlift an den Strand hinab. Der Lift wäre patentwürdig: Als Laufrad dient das Vorderrad eines Fahrrads, mit dessen Pedalen es über die Fahrradkette mit Muskelkraft angetrieben wird. Am Seil hängt ein geflochtener Korb, in dem Kaffees und Kaltgetränke Platz finden.

Weit weniger romantisch geht es an der Via Egnatia zu, der neuen Autobahn vom Evros nach Igoumenitsa. Autobahnraststätten in unserem Sinne gibt es da nicht, wohl aber zwei Kantinas: Eine westlich von Kavala, die andere westlich von Thessaloniki. Deren findige Kantinieres haben die Marktlücke genutzt und jenseits des Parkplatzzauns ihre rollende Kantina aufgestellt. Dafür benötigen sie keine Genehmigung der Autobahnbetreiber. Verkauft wird über Leitplanke und Zaun hinweg. Dass auf dem Parkplatz ein paar Klappstühle und bewegliche Bänke stehen, ist reiner Zufall.

Panayotis im äußersten Nordwesten Kretas träumt von einer Kantina. Bisher hat er es nur zu einem kleinen Verkaufsstand am Parkplatz hoch überm Balos Beach gebracht. Da verkauft er Raki und Honig, Kräuter und Salben. Wir trinken einige Gläschen Rakomelo gemeinsam, auch ein Mokka wird mir gebrüht. Der starke Wind wirbelt eine Plastiktüte auf, trägt sie davon. >Die fliegt jetzt erst nach Piräus. Da wechselt der Wind, bringt sie auf den Peloponnes und später wieder nach Kreta zurück. Sie hat es gut!<, sagt er ein wenig wehmütig. Auch Kantinieres haben halt ihre Träume…

 

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