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Ein Rundgang durch das Ikonenmuseum Antivouniotissa in der Stadt Korfu

Von Klaus Bötig | 21.Oktober 2015

 

Das Ikonenmuseum auf Korfu ist eins der wichtigsten in ganz Griechenland – und sicherlich das stimmungsvollste. Es ist nämlich in der im 15. Jh. erbauten Kirche Antivouniotissa in der Altstadt der Inselmetropole untergebracht. Den Rundgang untermalen leise byzantinische Gesänge vom Band. Hier eine Führung – gern auch zum Ausdrucken und Mitnehmen auf der nächsten Korfu-Reise (der Blog wird im März 2016 wieder gelöscht): 

Priesterhaus

Die Museumskasse ist am winzigen Kirchhof im ehemaligen Priesterhaus angesiedelt. Der kleine, zweigeschossige Bau aus dem 16. Jh., der auch als Sakristei genutzt wurde, beherbergt in einem Raum im Obergeschoss eine Ausstellung von liturgischen Gewändern und Gerätschaften sowie einige Ikonen, darunter eine bewegte, schon Einflüsse der italienischen Renaissance zeigende Darstellung des heiligen Abendmahls aus der Zeit um 1600.

 

Nördlicher Narthex

Marienikone (Nr. 170)

Den Auftakt zur Ikonensammlung bildet eine Marienikone aus der 2. Hälfte des 15. Jh. Sie ist noch streng byzantinisch. Maria trägt das Kind auf ihrem linken Arm und weist mit ihrer rechten Hand auf das Kind als den rechten Weg: Diesen Typus bezeichnet man entsprechend als Odigítria (Hodegetria), die >Wegweisende<.

Christusikone (Nr. 160)

Die Ikone  daneben zeigt Christus als Pantokrátoras, als >Allesbeherrschenden<.  Sie stammt aus der Zeit um 1500. In der Linken hält Christus ein prächtig gebundenes Evangelium, die linke Hand segnet den Betrachter. Daumen, Ring- und kleiner Finger berühren sich und stehen so für die Heilige Dreifaltigkeit, der ausgestreckte Zeige- und Mittelfinger für die beiden Naturen Christi, die menschliche und die göttliche. Das Kreuz im reich verzierten Nimbus ist nur im Heiligenschein Christi zu finden. In den beiden Kreisen links und rechts oben stehen die Initialen IC für Jesus und XP für Christus.

Heiliger Georg (Nr. 186)

Die übernächste Ikone ist besonders schön. Das Werk aus der Zeit um 1500 zeigt den prächtig gewandeten hl. Georg auf einem weißen Ross mit rotem Zaumzeug vor einer typisch byzantinisch stilisierten Felslandschaft. Mit in sich gekehrtem Blick stößt er seine Lanze in den Rachen des Drachens. Hinter ihm sitzt eine kleine Figur: der Teeausschenker. Er war von Räubern entführt worden, auf Bitten seiner Mutter wurde er von Georg befreit und nach Hause zurück gebracht.

Die Gottesgebärerin Hoffnung für Alle (Nr. 149)

Die wiederum übernächste Ikone stammt aus der Mitte des 16. Jh. und zeigt die thronende Gottesmutter mit dem Kind auf ihrem Schoß. Die aufwendige Marmorbauweise des Throns weist schon stark auf italienische Einflüsse hin. Ein aus Italien übernommenes Motiv sind auch die vier Propheten in Akanthusblättern auf der Throneinfassung, die Schriftrollen in den Händen halten.

Das Wunder der Kóllyva und Szenen aus dem Leben des hl. Theódoros (Nr. 191)

Genau gegenüber hängt eine sechsteilige, sehr erzählfreudige Ikone aus der Zeit um 1600. Im linken oberen Bildfeld erscheint dem liegenden Eudoxius, 360-370 Patriarch von Konstantinopel, der hl. Theódoros im Traum. Die gemalte Kulisse Konstantinopels erinnert mit ihrer dreischiffigen Basilika eher an Korfu als an die Stadt am Bosporus. Der Heilige klärt den Patriarchen darüber auf, was der byzantinische Kaiser Julian (361-363) plant und gibt ihm Handlungsanweisungen. Im rechten oberen Bildfeld thront links der Kaiser, der das Heidentum stärken wollte, und gibt Anweisung, auf den Märkten der Stadt alle Fastenspeisen (kóllyva) mit Blut von heidnisch geopferten Tieren zu entweihen. Marktstände sind rechts unten in diesem Bildfeld zu sehen.  Im linken mittleren Bildfeld steht der Patriarch auf der Kanzel einer Kirche und informiert die Gläubigen über seinen Traum, damit sie nicht auf den Märkten einkaufen. Im rechten Bildfeld teilt er nicht verunreinigte, eigens hergestellte kóllyva nur aus gekochtem Weizen an die Gläubigen aus. Im linken unteren Bildfeld sieht man den Heiligen links bei der Zerstörung der Kultgegenstände in einem heidnischen Tempel und rechts bei seinem Gang zum Feuerofen, in dem er zwischen 286 und 305 verbrannt wurde.

Höllenfahrt Christi (Nr. 162)

An der gleichen Wand hängt als fünfte Ikone ein Werk aus dem ersten Viertel des 16. Jh., dessen Thema der Abstieg Jesu in die Unterwelt ist. Dieses bis zu Albrecht Dürers Zeiten auch im Westen häufig dargestellte Ereignis, das im Neuen Testament nur mit einem Halbsatz erwähnt wird, ist das zentrale Auferstehungsbild der orthodoxen Kirche. Das Geschehen wird durch eine Felslandschaft mit mehreren schwarzen Höhlen als Symbole des Todes lokalisiert. Jesus, dessen Wundmale deutlich herausgearbeitet sind, steht auf den über Kreuz liegenden Flügeln der Tür zur Unterwelt, die er gewaltsam aufgebrochen hat. Zwischen Schlüsseln, Türbeschlägen und Schlössern bindet ein Engel gerade den besiegten Hades, Herr des Totenreichs. Christus zieht als Ersten Adam aus seinem Sarkophag, neben ihm stehen Eva und andere Tote bereit. Im Rücken Christi warten Könige und Propheten auf ihre Erlösung.

Gastmahl des Abraham (Nr. 164)

Gleich daneben hängt eine Darstellung des Gastmahls des Abraham aus der Zeit um 1600. Drei Engel – prototypisch als Vordeutung für die Offenbarung der Heiligen Dreifaltigkeit – sitzen an einem Tisch und werden von Abraham und seiner Frau Sarah bewirtet. Wie alle vorigen Ikonen wird auch diese Meistern der Kretischen Schule zugeschrieben.

 

Empore

Eine Treppe führt nun vom westlichen Narthex auf die ehemalige Frauenempore (grch.: gynaikóntis)  hinauf, die einen schönen Blick hinein in den Kirchenraum ermöglicht.  Ihre Wände sind wie der Kirchenraum wie eine Tapete bemalt. Hier hängen vier Ikonen, die den Unterschied zwischen Werken des kretischen und des ionischen Stils besonders deutlich machen. Die über 1 m breiten Bilder aus der 2. Hälfte des 18. Jh. zeigen die Geburt Jesu, Anbetung durch die hll. Drei Könige, die Enthauptung Johannes des Täufers und die Darbringung Jesu im Tempel. Es sind Sakralgemälde, keine Ikonen. Ihnen fehlt die Beschriftung, die Heiligen haben keinen Nimbus. Viele theologisch bedeutsame Details fehlen. Dramatik und räumliche Perspektive stehen im Vordergrund, nicht theologische Aussage.

 

Westlicher Narthex

Kommt man die Treppe wieder herunter, steht man im westlichen Narthex und damit wieder in einer byzantinischen Welt.

Die hll. Bacchus, Justina und Sergius (Nr. 141)

Die erste Ikone an der linken Wand ist ein Werk von Michaíl Damáskinos, dem bedeutendsten Maler der kretischen Schule. Es zeigt die hl. Justina zwischen den Heiligen Sergius und Bacchus. Die drei stehen auf einem von ihnen erlegten, dreiköpfigen Drachen. Er symbolisiert das Osmanische Reich, das die Venezianer und ihre Verbündeten 1571 am Patronatstag dieser drei Heiligen in der Seeschlacht von Lepanto vernichtend geschlagen hatten. Kurz darauf gaben wohl korfiotische Adlige, die für die Schlacht vier Schiffe zur Verfügung gestellt hatten, diese Ikone in Auftrag.

Heilige Dreifaltigkeit (Nr. 151)

Daneben hängt eine Ikone aus der 2. Hälfte des 16. Jh. Links sitzt Christus, rechts Gottvater. Zwischen beiden schwebt eine weiße Taube mit Heiligenschein, die den Heiligen Geist repräsentiert.

Südlicher Narthex

Im südlichen Narthex hängen Ikonen aus dem 17. und 18. Jh.

Der Eremit Johannes (Nr. 142)

Auf dieser Ikone von Jeremías Palladás aus der ersten Hälfte des 17. Jh. steht der Eremit groß im Zentrum der Darstellung. Szenen aus seinem Leben beginnen rechts oben mit der Darstellung eines Segelschiffs: Der Heilige war zusammen mit 98 Gleichgesinnten aus Ägypten gekommen und blieb zunächst allein auf dem südlich von Kreta gelegenem Inselchen Gávdos zurück. Von dort brachte ihn ein wundersames Gefährt übers Wasser zu seinen Mitreisenden nach Kreta weiter. Am unteren Rand wird von einem Wunder erzählt, das der Eremit an einem Schweinehirten vollbrachte. Links unten schießt versehentlich ein anderer Hirte mit Pfeil und Bogen auf ihn und bittet in der Szene darüber um Vergebung. Ganz links oben liegt der Heilige tot in einer Grotte, zwei Engel stehen neben dem Leichnam.

Vitenikone des hl. Nikólaos (Nr. 148)

Der aus Kreta stammende, in Korfu und Venedig arbeitende Hagipgraph Theódoros Poulákis (1620-1675) schuf diese Ikone, in deren Mitte der hl. Nikolaus thront. 10 Darstellungen von Ereignissen aus dem Leben des Bischofs von Myra in der heutigen Türkei umrahmen ihn. Links oben wird er zum Bischof gesalbt. Im Uhrzeigersinn folgen nun die Darstellung seiner Gefangenahme, seine Freisprechung durch Kaiser Konstantin und die Zerstörung heidnischer Symbole durch Nikólaos. In der Szene darunter schenkt er einem Vater Beutel voller Geld, damit sich dessen drei Töchter nicht mehr prostituieren müssen. Rechts unten in der Ecke speist er einen ausgehungerten Kaufmann, links daneben greift er einem Henker ins Schwert, der drei unschuldig Verurteilte hinrichten will. In der linken unteren Ecke erscheint er Kaiser Konstantin im Traum, darüber errettet er Seeleute aus Seenot. Das letzte Bildfeld zeigt ihn auf seinem Sterbebett, zwei Engel tragen seine als gewickeltes Kind dargestellte Seele bereits gen Himmel.

Auffindung des Heiligen Kreuzes (Nr. 177)

An der gleichen Wand folgt kurz darauf eine kleine, im 3. Viertel des 17. Jh. gemalte Ikone von Emmanouíl Skordílis im Stil der kretischen Schule. Auf typisch byzantinische Weise sind hier zwei nicht zeitgleiche Ereignisse simultan dargestellt. Die byzantinische Kaiserin Helena sitzt links auf einem Thron. Sie war um 320 ins Heilige Land gereist, um das wahre Kreuz Christi zu finden. Zwei Arbeiter vor ihr sind gerade damit beschäftigt, das Kreuz Jesu und der beiden mit ihm Gekreuzigten freizulegen. Darüber wird das gefundene wahre Kreuz Christi vom Jerusalemer Patriarchen entgegengenommen und wieder aufgerichtet.

Fußwaschung (Nr. 199)

Gleich daneben hängt eine der jüngsten Ikonen des Museums, die vom Korfioten Spirídon Sperántzas (1733-1818) in der 2. Hälfte des 18. Jh. gemalte Fußwaschung. Sie ist stilistisch der Ionischen Schule zuzurechnen. Ihr fehlen Eleganz und Würde byzantinischer und kretischer Ikonen.

 

Kirchenraum

Das auffälligste Merkmal des Innenraums der Kirche ist ohne Zweifel die Gestaltung der Wände.  Das schablonenhaft aufgetragene Dekor erinnert an Leder- oder Brokat-Tapisserien, ist aber nur aufgemalt.  Es ist ein einzigartiges Merkmal korfiotischer Kirchen und hängt wohl auch damit zusammen, dass anders als im übrigen Griechenland traditionelle byzantinische Wandmalereien auf den Ionischen Inseln unter venezianischem Einfluss aus der Mode gerieten. Typisch für die Ionischen Inseln ist auch die flache Decke, hier >Ouránia<, Himmel, genannt. Sie kann bemalt sein, aber auch wie hier nur aus Kassetten mit vergoldeten Reliefs bestehen.

Szenen aus dem Alten Testament Nr. 41-44)

Die vier auffälligsten Ikonen im Kirchenraum hängen an den Längswänden. Sie bestehen aus jeweils vier Bildfeldern und wurden 1699 von Konstantínos Kontarínis geschaffen. Die Erzählung beginnt mit der Ikone links vorn. Sie zeigt links oben Gottvater am Ende des 5. Schöpfungstages mit zahlreichen Tieren. Rechts oben erschafft er Adam, links unten Eva. Rechts unten ist die Versuchung dargestellt. Die Ikone rechts vorn zeigt im ersten Bildfeld, wie Adam und Eva ihre Scham nach dem Sündenfall mit Blätter bedecken. Darauf folgen die Vertreibung aus dem Paradies, Noahs Opfer nach dem Überleben der Sintflut und der Abel tötende Kain. Die Ikone rechts hinten setzt die Erzählung fort. Links oben versucht Kain, vor Gott zu fliehen. Rechts oben beginnt der Bau der Arche Noahs, die links unten auf dem Wasser inmitten Ertrinkender schwimmt. Rechts unten opfert Noah noch einmal Gott zum Dank. Die Ikone links hinten schließt den Zyklus ab. Links oben ist die Geburt Isaaks zu sehen, rechts oben zeigt Isaaks Opfer durch Abraham. Links unten träumt Jakob von der Jakobsleiter, rechts unten segnet Isaak den Jakob.

 

TIPP

Sowohl an der Kasse des Antivouniótissa-Museums als auch im Museumsshop in der Alten Festung ist der prächtig bebilderte Band >The Antivouniotissa Museum Corfu< von Stamátios T. Chondrogiánnis (Thessaloníki 2010) für nur 30 Euro wahlweise auf Englisch, Italienisch oder Griechisch erhältlich. Auf 300 Seiten werden die Schätze ausführlich beschrieben und in exzellenten Fotos dargestellt – ein gehaltvolleres und schöneres Ikonenbuch ist auf dem internationalen Buchmarkt kaum erhältlich.

 

 

 

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