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Griechenland: Flüchtlinge und Urlauber – Tagebuch einer Reise von Kos nach Samos im Juni/Juli 2016

Von Klaus Bötig | 10.Juni 2016

Ich war vom 11. Juni bis zum 2. Juli 2016 zwischen Kos und Samos unterwegs – mit Zwischenstopps auf Nissyros, Kalymnos, Leros und Patmos. Hauptreisezweck war die Recherche für Aktualisierungen meiner Reiseführer Marco Polo Kos, Marco Polo Samos, DuMont Direkt Kos, DuMont Direkt Samos, DuMont-Reisetaschenbuch Kos und nördlicher Dodekanes sowie Go Vista! Rhodos/Dodekanes. Ganz wichtig war es mir aber auch, vor Ort zu recherchieren, ob es Flüchtlinge gibt, wo sie untergebracht sind, wie es ihnen ergeht, was die einheimische Bevölkerung tut und denkt – und wie sich die Flüchtlingsfrage 2016 auf den Tourismus auswirkt.

EIN FAZIT VORNEWEG: Für einen Urlaub auf diesen Inseln ist dieses Jahr hervorragend geeignet. Mit der Flüchtlingsproblematik wird der Urlauber nirgends auch nur im Geringsten konfrontiert. Die Insel verzeichnen heuer zwar einen Gästerückgang zwischen 30 und 50%, leer und langweilig sind sie aber keineswegs. Also: Nichts wie hin!

Samstag, 11. Juni 2016/Bremen-Kos

Um 6:30 startet der Airbus von Germania zum Nonstop-Flug ab Bremen nach Kos. Ein Airbus A-321 mit 215 Plätzen. Er ist zu 80% gefüllt. Für Hin – und Rückflug habe ich 238 € bezahlt. 20 kg Freigepäck, Kaffee, Soft Drinks und eine Stulle gibt es kostenlos. Der Captain heisst Vassilis Stafidis, spricht den Namen des Zielflughafens richtig aus: Koss wie Kuss, nicht Kohs wie Moos.
Beim Aufsetzen zeigt mein phone 9:38 Uhr. Schon um 9:52 Uhr rolle ich meinen Koffer durch den Ausgang. Um 10 Uhr soll ein Flughafenbus für 3,20 € in die Stadt fahren. Der Busfahrer kommt mir zu Fuss entgegen. “Fährst du gleich um 10?”, frage ich ihn. “Es ist gleich 11″, antwortet er. Auf dem Phone hatte sich die griechische Zeit noch nicht eingestellt…
Also nehme ich ein Taxi. Als ich meine Zigarette löschen will, meint der Fahrer, ich solle erst einmal in Ruhe zu Ende rauchen. Die Fahrt kostet offiziell 35 €. Vor zwei Jahren habe ich 30 € bezahlt, weil ich nicht auf einer Quittung bestand. Diesmal soll ich 33 € bezahlen, weil der Fahrer unterwegs getankt hat. Quittung bekomme ich aber auch nicht. Unterwegs stehen -kostypisch- viele magere Kühe auf abgeernteten Feldern.

Bei der Ankunft in meinem Lieblingshotel, dem Afendoulis, sitzt die ganze Familie in der kleinen Lobby, die im Sommer zugleich ihr Wohnzimmer ist. Alexis, der Wirt, und seine Frau Dionysia, genannt Denise. Bruder Hippokrates und Tochter Kyriaki ( dt. Sonntag). Und auch deren Verlobter Dimitri, den ich noch nicht kenne. Er hat in Australien studiert, ist der Krise wegen 5,5 Jahre lang dort geblieben. Aber Kyriaki konnte ihn nur einmal jährlich besuchen. Deshalb ist er nach Kos zurückgekehrt. Einen Job hat er nicht gefunden. Er sieht das Positive daran: No work, no stress!

Wir kommen aufs wichtigste Sommerthema zu sprechen: Wie oft habt ihr heuer schon im Meer geschwommen? Die Antwort informiert nicht über die Wassertemperatur, sondern über die Lebensqualität des Antwortenden. Kyriaki und Dimitris waren in diesem Jahr schon dreimal schwimmen.

Schnell aufs Zimmer, warme Jacke und Koffer deponieren. Entlang der wie am anderen Seeufer liegenden Küste Kleinasiens ins Kafenio im Gerichtsgebäude (Mo-Sa 7.30-14 Uhr). Den schönen Bau haben die italienischen Faschisten errichten lassen. Heute beherbergt er die zentrale Polizeiwache, das Amtsgericht, etliche Zellen und eben mein Kafenio. Der 40-jährige Wirt erkennt mich sofort, obwohl ich 2 Jahre nicht hier war. Griechischer Kaffee 1,50, grosse Flasche Mythos mit Tellerchen Wurst, Käse, Tomaten und Zwieback 2,50. Wenn hier montags Gerichtsverhandlungen stattfinden, stehen die Türen zum Verhandlungssaal weit offen, man kann den Verhandlungen Kaffee schlürfend beisitzen. Neben der Terrasse des Kafenios liegen die vergitterten Zellenfenster auf Bodenniveau. Insassen mit Geld öffnen das Fenster und riefen dem Wirt ihre Bestellung zu. Jetzt sind die Zellen leer. Im letzten Herbst waren sie bei geöffneten Türen Unterkünfte für Flüchtlinge, die auch im romantischen Innenhof des Gebäudes kampierten. Damals quollen die umliegenden Gassen und Grünflächen über von Flüchtlingen. Jetzt ist kein einziger mehr hier. Damals war das Kafenio voll von sogenannten Journalisten, die weder Griechisch noch Arabisch sprachen, aber die Wünsche ihrer Chefredakteure kannten. Also lockten sie halbwegs zufriedene Syrer und Afghanen an Müllhalden, um sie dort gegen Bezahlung herzerweichend heulen zu lassen, erzählt der Wirt.
Jetzt bin ich schon 2 Stunden auf Kos und habe immer noch keinen Flüchtling gesehen. Da kommt eine schwarze Mama mit einem Knaben im Buggy angeschoben, der krampfhaft seinen kleinen Schniedewitz zuhält. Natürlich darf sie mit ihm aufs Klo, ohne dafür bezahlen zu müssen. Sie bedankt sich in perfektem Englisch, ist alleinerziehende Touristin aus Oxford. Sind eben nicht alle Andersfarbigen Flüchtlinge…

Weiter geht’s. Mittagessen im Fish House. Kellnerin aus dem Kaukasus, angenehm scharfes Kraken-Stifado, leckere fava. Nächstes Ziel: mein Lieblingsjuwelier und Griechenlands eifrigster Spiegel-Leser Theodoros. Die beiden letzten Hefte liegen aufgeschlagen auf dem Tisch. Kir Royal für mich steht gleich ungefragt daneben. Und schon philosophieren wir. Theodoros weiss, warum die Ausländer kaum noch Schmuck bei ihm kaufen: Varoufakis und Tsipras sind Schuld.Beide hätten im Ausland den Eindruck hinterlassen, die Hellenen seien Schurken und absolut unzuverlässig – und bei solchen Leuten will natürlich niemand Schmuck kaufen. Theodoros hat auch eine Erklärung für die Frustration der griechischen Linken: Sie hätte jetzt ihre vierte grosse Niederlage erlitten: Die erste im Zweiten Weltkrieg, die zweite im Bürgerkrieg, die dritte während der Junta-Zeit und nun die vierte durch die 180-Grad-Wende von Alexis Tsipras. Er sieht für die griechische Politik jetzt allerdings auch eine Chance, hofft, dass es nach den nächsten Wahlen zu einer Drei-Parteien-Koalition kommt, in der die Parteien sich gegenseitig kontrollieren und zuviel Schmuh verhindern. Und er lobt den Spiegel: 10 Minuten Spiegellesen sei informativer als drei Jahre lang Privatsender zu gucken.

Nach einigen Akualisierungsrecherchen setze ich mich ins Cafe der Frauengenossenschaft auf der grossen Platia vor der Markthalle, komme mit dem Leipziger Ergotherapeutenpaar am Nebentisch ins Gespräch. Sie waren jetzt zwei Wochen lang mit dem Rucksack auf dem Dodekanes unterwegs, hatten nicht das geringste Problem, haben keinen einzigen Flüchtling gesehen – und in der Stadt Kos ein ordentliches Hotelzimmer mit Frühstück für 16 Euro pro Nacht gefunden…

Nun gehe ich zurück in mein kleines Hotel. Unterwegs sehe ich noch ein originelles T-Shirt. “Fichtel Mountains” steht drauf. Und der deutsche Träger stammt tatsächlich aus dem Fichtelgebirge. Alexis und sein Bruder Hippokrates sitzen vor blühendem Jasmin auf der Terrasse. Sie fragen mich, ob ich Hunger habe. Naja, ein Schweinekotelett käme mir jetzt recht. Alexis geht in die gegenüberliegende Taverne und bestellt für uns drei ein Essen. Der Wirt bringt zehn Minuten drei Teller: zwei mit Hühnerfilet, einen mit einem Rinderkotelett. Auch okay. Besteck bringt er nicht mit, das hat Alexis ja selbst in der Küche. Ich entdecke ein Programm des nahen Freilichtkinos Orfeas: Da wird vom 20.-24. Juni ein “World Refugee Festival” stattfinden! Mit Unterstützung des UN Refugee Agency sollen da Spiel- und Dokumentarfilme zum Flüchtlingsthema laufen. Ich werde hingehen und berichten…

 

Sonntag, 12. Juni 2016/Kos-Kalymnos

Schock am frühen Morgen: Ich komme nicht mehr auf meinen Blog, kann nicht Tagebuch schreiben. Mittags finde ich einen Umweg, um doch noch reinzukommen. Ich bin inzwischen mit dem Katamaran weiter gefahren auf die Insel Kalymnos (35 Minuten, 16 Euro). Da steht direkt auf der Mole noch ein 16-teiliges Containerdorf, letztes Jahr für Flüchtlinge errichtet. Es wohnt aber keiner mehr drin, sind auch keine Liegen mehr drin. Ich beziehe ein Einzelzimmer direkt am Hafen in meinem Stammhotel Olympic (35 Euro ohne Frühstück), vor dem zwei Flaggen wehen: die griechische und die australische. Als ich kurz darauf das Hotel wieder verlasse, umfängt mich sofort der typisch urige kalymnische Lebensstil. Allerlei ambulante Händler ziehen herum und bieten alles mögliche feil. Einer hat seine Verkaufsfläche auf ein Kinderwagengestell gebastelt, verkauft ausgerechnet hier auf der Insel der Schwammfischer Kunststoffschwämme für  den Küchengebrauch. Im Kafenio Kalymnos gleich neben dem Hotel sitzen wie immer viele ältere Männer und spielen Karten, ich schlürfe da einen heissen Neskaffee (2 Euro). Einige sonst in Griechenland selten gewordene Dreiräder und zahlreiche Vespas fahren vorbei, auf jeder zweiten sitzen zwei Erwachsene und ein Kind, manchmal auch zwei. Auch Greise werden damit transportiert. Ich sehe, wie zwei auch schon ältere Männer eine Vespa festhalten, auf die sie zuvor einen uralten Mann gehievt haben. Er rutscht jetzt mit hundert kleinen Rucken auf dem Sattel nach hinten. Dann setzt sich der etwas jüngere vor ihn und fährt mit ihm los.

Jetzt sitze ich im Internetcafe Neon. Der Bildschirm steht direkt am Fenster, ich blicke beim Schreiben auf die Gasse hinaus. Durch ein zweites Fenster habe ich den Flachbildschirm im Blick, auf dem gerade die Türkei gegen Kroatien spielt. Aus den Lautsprechern erklingt moderner griechischer Rock, an mehreren Computern hinter meinem Rücken machen Kinder Videospiele. Man zahlt hier 3 Euro/Stunde, Ausdrucke in s/w kosten 0,20, in Farbe 0,40 Euro. Die Inhaberin ist eine mit einem Kalymnier verheiratete Französin, bei ihr werde ich mir gleich einen Pastis bestellen…
Schräg gegenüber vom Internet-Cafe hat im Juli 2015 Anastasios seinen Laden eröffnet. Er ist Tischler, war vor der Krise vor allem beim Innenausbau von Villen kreativ. dann blieben die Aufträge aus. Er erwog, nach Australien auszuwandern. Dann kam er auf die Idee mit dem Laden. Hier verkauft er jetzt sehr schöne, von ihm selbst gefertigte traditionelle Truhen, Schaukelpferde und Kleinmöbel, dazu fremde Schnitzereien aus Olivenholz. Die Flüchtlingskrise, die kurz nach seiner Geschäftseröffnung anschwoll, macht ihm zu schaffen – aber er hat Geduld, Rückhalt in der Familie und freut sich, auf Kalymnos statt in Australien zu sein.
21:20 Uhr. Es ist dunkel geworden. Auf dem breiten Teil der Uferpromenade, die hier die Platia ersetzt, schlagen Kinder Rad, spielen mit Bällen unmittelbar vor den Cafes. Wie in den Jahren geht ein Mann von Lokal zu Lokal, trägt einen Korb voller Eis, auf dem ein sehr grosser Fisch liegt. In der anderen Hand hält er ein blaues Schulheft und einen Kuli. Er veranstaltet fast jeden Abend eine Tombola, deren einziger Preis der Fisch ist…
Ich werde gleich EM schauen, D vs. Ukraine. Mal sehen, welche Bemerkungen zum Thema Deutschland, Merkel und Schäuble fallen.

 

Montag, 13. Juni 2016/Kalymnos
05:50 Uhr. Bin nach der Halbzeitpause ins Bett gegangen. Politik war beim Fussballschauen kein Thema, nur die Frage, ob die Ukrainer orthodox, katholisch oder protestantisch sind Jetzt läuft gerade ein Fischkutter ein, umkreist von laut schreienden Möwen. Weitaus zahlreicher sind am Ufer jedoch die Tauben. Auch ein paar Kormorane und Krähen sind zu sehen. Die Spatzen, die sich gestern am Brotkorb auf meinem Tisch satt gepickt haben, schlafen anscheinend noch. Dafür schwebt gerade eine Dash-8 übers Städtchen zum Inselflughafen ein. Heute verbindet sie Kalymnos zweimal mit Athen und je einmal als Inselhüpfer mit Kos und Leros.
06:55 Uhr. Das Cafe Dejavu an der Uferpromenade ist schon geöffnet, Euronews informiert mich über das Ergebnis des Fussballspiels. Der Wirt heisst wie das bekannte Wallfahrtskirche auf Symi Panormitis. Wahrscheinlich ist seine Mutter mach einer Pilgerfahrt dorthin schwanger geworden und hat den heiss ersehnten Sohn bekommen. Er ist jetzt 58 Jahre alt, wie mir das WLAN-Password verrät. Einziger Gast ausser mir ist der Inhaber der benachbarten Apotheke. Punkt 7 steht er auf und öffnet sein Geschäft. Als Ersatz kommt der ambulante Obst- und Gemüsehändler. Seinen als bunten Verkaufsstand hergerichteten Kleinlaster parkt er direkt vorm Cafe.
08:00 Uhr. Automiete ist angesagt. Gestern habe ich einen kleinen Suzuki Alto reserviert (25 €/Tag). Heute ist mir aber nach Jeep, Suzuki Jimmy. “Der ist aber teuer”, warnt die junge Vermieterin, die am gleichen Tag Geburtstag hat wie Hermann Hesse, Halldor Laxness und ich. Bescheidene 35 € soll er kosten. Ich nehme ihn.
Und folge nun so manchem braunen Wegweiser, die das Kultusministerium hier wie überall in Hellas massenhaft aufgestellt hat. Manchmal führen sie einen nur zu einem unscheinbaren Steinhaufen, manchmal aber auch zu winzigen archäologischen Stätten oder alten Kapellen. Dumm nur, dass auf ihnen nie die Entfernung angegeben ist. Manchmal ist man schon nach 100 m am Ziel, manchmal erst nach mehreren Kilometern. Dumm auch, dass so mancher Bischof nicht den Sinn von archäologischen Hinweisen auf heidnische Stätten einsieht und darum zusätzliche, täuschend ähnliche braune Wegweiser zu neuen Betonkapellen aufstellen lässt. Naja, ich entdecke so heute die Ruine einer mir bisher unbekannten frühchristlichen Basilika mit Resten schöner Mosaikfussböden und einem gut erhaltenen Baptisterium im Mandarinental von Vathy und später bei Emborio geringe Reste eines frühbyzantinischen Badehauses. In Emborio checke ich ein paar  von mir in meinen Reiseführern empfohlene Lokale. Alles unverändert. Im Cafe Artistico, wo Wirt und Gäste oft für Live-Musik sorgen, fällt mir ein Schild auf: “When you can walk, you can dance, and when you can speak, you can sing”. Ich für mein Teil würde da nicht zustimmen…

12:00 Uhr. Die Westküstenstrasse von Kalymnos ist jetzt eine Oleanderallee, bei der Fahrt hinüber nach Palionissos auf der anderen Seite begleiten mich blühende Thymiankissen. Palionissos ist ein einsamer Weiler, der erst 2008 an eine von der EU finanzierte, überdimensionierte Asphaltstrasse angebunden wurde. Bis dahin kam man nur über einen Feldweg per Moped, Jeep oder zu Fuss hin. Alles, was gebraucht wurde, kam per Boot. Mein Freund Nikos, Lehrer in der Inselhauptstadt, betrieb dort nachmittags und abends sowie die ganzen Somnmerferien über die einzige Taverne und kümmerte sich dort auch um seine alte Mutter, die mit nur fünf anderen Menschen ganzjährig im Weiler zu Hause war. Es gab weder Strom noch fliessend Wasser, erschien manchen als Paradies. Auch Niko, der seine Taverne “Nikos Paradise” nannte. Mit der Strasse hat sich alles geändert. Zwei weitere Tavernen und eine Kantina haben direkt am Ufer aufgemacht, während Nikos Lokal etwa 250 m landeinwärts liegt. Segler und Touristen füllen jetzt die anderen Lokale, zu Nikos kommen nur noch alte Bekannte. Die Wirte untereinander grüssen sich nicht einmal, so hart ist die Konkurrenz. Nikos Frau Themelina bedauert das  am meisten. Sie ist in einer Taverne in einem kleinen Westküstendorf aufgewachsen, hat da schon mit 9 Jahren fleissig mitgeholfen. Dort war es damals anders: Die Wirte besuchten einander, tranken mal hier, mal da Kaffee. Und wenn einer viel zu tun hatte, kamen die anderen, um ihm zu helfen…

Themelina, die ich bisher nicht kannte, ist sehr gesprächig. Sie schleppt auch gleich ein Album heran mit Fotos ihrer drei Söhne. Der eine ist Koch, arbeitet im Sommer im Robinson Club auf Kos. Der andere ist bei der Küstenwache. Bis vor kurzem war er auf Kalymnos stationiert. Doch da ging es ihm auf die Nerven, weil sie jeden Morgen nach Imeia hinüber fahren mussten, um zu schauen, ob da wieder verrückte Türken ihre Flagge gehisst hatten (1996 kam es deshalb fast zum Krieg zwischen Griechenland und der Türkei). Mit Hilfe von Freunden wurde er nach Piraeus versetzt. Die meisten Fotos im Album stammen von der Hochzeit ihres dritten Sohns hier auf Kalymnos. 1300 Gäste waren geladen. Die Hochzeit fand in einer grossen Kirche statt, die die Schwiegereltern einige Jahre zuvor hatten erbauen lassen. Der Schwiegervater ist der Besitzer der kleinen Personenfähre, die täglich von Kalymnos nach Pserimos hinübe fährt.

Themelina ist eine fromme Frau. Jeden Morgen schwenkt sie in der Taverne das Weihrauchgefäss. Sie fühlt sich Christus ganz nah. Und sie ist stolz darauf, dass ihr ihr gerade vor zwei Tagen geborenes Enkelkind schon vor 7 Monaten dreimal im Traum erschien und seine Ankunft verkündete. Die Schwiegertochter wusste da noch gar nicht, dass sie schwanger ist…

14:00 Uhr. Zum Mittagessen bin ich in Vlichiada im Inselsüden, wo es ist die schönsten kleinen Grobsandstrände gibt. Sie werden von alten Tamarisken beschattet. Stavros Valsamidis, ein ehemaliger Schwammtaucher hat da schon vor Jahrzehnten sein eigenes Meeres- und Schwammtauchermuseum eröffnet. Er starb 2013, seine Kinder führen das Museum weiter und auch die Taverne gleich nebenan. Da bestelle ich eine mir bisher unbekannte kalymnische Spezialität: Mououri. Gefülltes Lamm oder Zicklein soll es sein. Ich erwarte eine Art Rollbraten, erhalte jedoch eine Art Paella – einige riesige Portion aus Reis, magerem Lammfleisch, kleinen Stückchen Lammleber und viel Ei. Das ganze ist etwas süsslich und mit Zimt gewürzt. Lecker, aber viel zu viel – und das für 10 Euro. Auf der Karte steht auch Galeos skordalja, Dornhai mit Knoblauch-Kartoffel-Püree. In der englischen Übersetzung auf der Karte steht dafür “Fried sharks with skordalia”, also “gebratene Haie”.

19:00 Uhr. Ich sitze wieder im Internetcafe. Und mit diesem Satz ist für heute Feierabend…

 

Dienstag, 14. Juni 2016/Kalymnos

08.00 Uhr. Der Himmel ist verhangen, Regenschauer prasseln nieder. Palmzweige schwingen im Wind, die vielen griechischen Flaggen knattern kräftig. 8 Beaufort sind fuer heute Mittag vorhergesagt. Und ich habe gestern Abend noch einen typischen Anfängerfehler begangen und mir schon ein Ticket für eine kleine Personenfähre nach Leros für heute Mittag gekauft. Das werde ich wohl verfallen lassen, selbst wenn sie fährt…

10.00 Uhr. Ich gehe in den Salon Giorgio, brauche dringend einen Haarschnitt. “Waschen, Schneiden, Fönen für 10 Euro”, das klingt nach günstigem Angebot. Giorgio empfängt mich. Der Haarwaschstuhl ist ein Massagesessel, während der Waschprozedur rollt die Massagerolle vom Nacken bis zum Steiss. Äusserst angenehm! Anfangs sprechen wir Griechisch, bald aber Englisch: Giorgios Familie lebt in der vierten Generation in Indiana. Sein Urgrossvater ging zum Eisenbahnbau hinüber, dann fanden seine Nachkommen in der Stahlindustrie Arbeit. Die ging Pleite, die Familie eröffnete ein Geschäft. Giorgio ging nach New York und arbeitete da als Barbier. Vor 26 Jahren kam er erstmals nach Kalymnos und blieb. Hier verdient er zwar wenig, hat aber keinerlei Stress. Der Rentenversicherung wegen arbeitet er pro forma auch weiterhin in der amerikanischen Firma seiner Brüder. Hier auf Kalymnos hat er vier Mitarbeiterinnen. Die kommen, wenn es zu tun gibt – und haben während ihrer Periode grundsätzlich frei. Giorgio hält das für eine vorbildliche soziale Maßnahme. Auf das Schneiden folgt das Fönen. Das dauert ungewöhnlich lange; denn wenn Giorgios spricht, stellt er den Fön ab, damit ich ihn besser verstehe. Er hat viel zu erzählen. Ich höre geduldig zu, denn ich darf natürlich während der gesamten Prozedur rauchen!

11:30 Uhr. Besuch bei einem anderen Giorgos, dem offiziellen Tourismus-Manager der Insel. Was ist mit den Museen auf der Insel los, will ich von ihm wissen. In der nächsten halben Stunde ringt er um Worte. Mir scheint, er würde jeden Moment zu weinen beginnen. Das neue Archäologische Museum? Hat nur dienstags bis freitags von 7-15 Uhr geöffnet. Man hat ihm wegen zu geringer Besucherzahlen nur einen einzigen Wärter zugebilligt und der ist mit 4 Arbeitstagen pro Woche voll ausgelastet. Das Nautische und das Volkskundliche Museum, beide im gleichen Gebäude am Hafen untergebracht und allgemein als Schwammtauchermuseum empfunden? Die beiden Museen liegen im Dauerclinch miteinander, haben auch schon gegeneinander prozessiert. Das Nautische, also das eigentliche Schwammfischermuseum, dessentwegen viele Besucher aus Kos herüberkommen, ist ganz geschlossen. Und das Volkskundliche Museum hat nach Lust und Laune der Wärterinnen geöffnet. Das Vouvalis-Haus, einstige Residenz eines besonders wohlhabenden Schwammhändlers, ist wegen Baufälligkeit geschlossen. Ein sehr reicher australo-Kalymnier hat jetzt aber viel Geld für dessen Restaurierung gestiftet. Und das neue Neoclassico-Museum im einstigen Wohnhaus einer anderen wohlhabenden kalymnischen Familie? Ist sehr privat und speziell. Es erzählt vor allem die Geschichte einer Familie, die Ende der 1800er Jahre nach St. Petersburg auswanderte und von dort nach der Oktoberrevolution floh. Und die 16 Flüchtlingscontainer auf der Hafenmole? Die werden nach Giorgos Meinung wohl als unfreiwillige museale Einrichtung noch viele Jahre lang nicht abgebaut werden…

12:00 Uhr. Von Giorgos Büro gehe ich 500 m bis zum Internet-Cafe. Ich bin jetzt fast 48 Stunden auf der Insel – und werde unterwegs so oft gegrüsst wie in Bremen auf 5 km nicht. Kurzes Schwätzchen mit einer grau-blonden Zimmervermieterin, die ich seit Jahren kenne. Sie wird ihre Pension, das Greek House,  wohl nächstes Jahr dicht machen, weil keine Gäste mehr kommen. Mit der flotten Autovermieterin, die wissen will, ob mein gestriger Autotag schön war. Dann rufe ich ins Reisebüro hinein, ob die von mir gebuchte Fähre trotz des kräftigen Winds fährt. Die Agentin schaut schnell in den Computer und antwortet “Ja”. Ich beschliesse, dennoch lieber auf Kalymnos zu bleiben. Ins Hotel rufe ich kurz hinein, dass ich noch eine Nacht länger bleibe. Als ich beim Tabakgeschäft reinschaue, ist der Inhaber gerade am Telefonieren und bestellt die nächste Zigarettenlieferung (der Großhändler auf Kos liefert einmal wöchentlich). Ich bin also gerade rechtzeitig da, um ihn an die Bestellung meiner Camel ohne Filter zu erinnern, die auf der ganzen Insel nicht erhältlich sind. Dann ist erst einmal Zeit für einen Freddo Espresso im Cafe Yakinthos. Da war ich heuer noch nicht. Der Wirt spricht etwas Deutsch: seine Frau stammt aus NRW, genauer aus Herten.

17:30 Uhr. Ich sitze auf dem Balkon meines Zimmers in der ersten Etage. Direkt darunter steht ein Kiosk. Ein Mann fährt auf seinem Moped vor, ruft der Frau im Kiosk “Marlboro rot hart” zu und wedelt mit einem 20-Euro-Schein. Sie bringt ihm die gewünschte rote Hartpackung Marlboro und das Wechselgeld ans Moped und schaut ihn böse an. “Doulevo”, sagt er als Entschuldigung, “ich arbeite”.

17:45 Uhr. Immer noch auf dem Balkon. Eine schicke kleine Motoryacht macht fest. Die estnische Flagge hängt am Heck. Zwei junge Blondinen, ein starker Blonder mit Sonnenbrille und ein kleines Kind sind an Bord. Auf dem Kai warten zwei Festmacher, ein Hafenmeister und eine Frau mit Papieren unterm Arm. Das Festmachen erfolgt estnisch-langsam, die jüngere der beiden Blondinen dolmetscht. Sobald die Gangway das Ufer erreicht, geht sie an Land, super sexy in Hotpants und bauchfreiem Shirt. Dann gibt sie jedem der vier wartenden Griechen herzlich die Hand und macht dabei jeweils einen ausgeprägten Knicks.

18:15 Uhr. Ich schlendere am Kai entlang. Da liegt die Captain Hook, ein schönes hölzernes Ausflugsschiff im Piraten-Look. Sie unternimmt jeden Tag von Kos aus eine 3-Insel-Tour nach Platy, Pserimos und Kalymnos. Heute ist sie ohne Passagiere gekommen und bleibt über Nacht. Besitzer und Crew sind Kalymnioten. Heute soll ihr Schiff für die bevorstehende Sommersaison gesegnet werden. Etwa 20 Menschen umringen den Priester auf dem Achterdeck. Ein kleiner Altar mit den Ikonen der Panagia und des hl. Nikolaus ist improvisiert. Der Pope rezitiert seinen Sermon, schwenkt das Weihrauchgefäss. Dann nimmt er einen Basilikumstrauss in die Hand, taucht ihn immer wieder in Weihwasser und besprenkelt damit die Anwesenden. Danach wird die Luke zum Maschinenraum geöffnet, denn auch der muss Weihwasser abbekommen. Danach ist der Bartresen an der Reihe. Schließlich geht der Pope rund ums Boot, erklimmt auch das Oberdeck. Dann kehrt er zum Altar zurück, klappt ein Buch zu, legt seine Stola ab und lässt sich ein Eis am Stiel geben, wie es jetzt an alle Gesegneten verteilt wird.

 

Mittwoch, 15. Juni 2016/Kalymnos-Leros
07:00 Uhr. Wieder blauer Himmel, kaum Wind. Ladothalassa – ein Meer wie Öl. Weiterreisewetter!

07:25 Uhr. Mal ein kleines Ratespiel für Griechischlernende. Wie heisst dieses Cafe? ΕΝΤΕΛΒΑΙΣ…

07:40 Uhr. Frisch gesegnet (s. o.) verlässt die “Captain Hook” den Hafen Richtung Kos.
Das Schnellboot der griechischen Küstenwache hingegen liegt schon seit meiner Ankunft vor 92 Stunden festvertäut am Kai. Es ist auch nachts nicht unterwegs – Flüchtlinge werden ganz einfach nicht mehr erwartet.

9:30 Uhr. Ich checke aus. Draussen ist Seenebel aufgezogen. “Schäubles Ausdunstungen”, kommentiert das ein Freund des Hoteliers, der gerade Kaffee mit ihm trinkt. Ich frage den Hotelier, ob im letzten Herbst viele seiner Zimmer an Flüchtlinge vermietet waren. “Das Hotel war voll mit denen, den Zimmern hat’s nicht gut getan”, antwortet er. Die meisten haben ihre Zimmer selbst bezahlt. Das UNHCR hat nur die Rechnungen für Angehörige von Ertrunkenen, für besonders Geschwächte und Traumatisierte übernommen.

10:15 Uhr. Schäuble hat aufgehört zu schwitzen, der Himmel ist wieder blau. Ich kaufe mir ein Ticket für den Katamaran nach Leros um 11:40 Uhr. es kostet 20 Euro. Wie überall in Hellas hat jede Reederei ihre eigenen Tarife: mit der Anna Express hätte ich 10 Euro berappt, mit der Nisos Kalymnos 9,90, mit der grossen Autofähre von Blue Star 9 Euro.

11:15 Uhr. Ich bin in der Warteraum-Cafeteria auf dem Kai. Wirt Michalis, inzwischen 55, ist nicht da. Seine Mitarbeiterin erzählt, er sei für etwa 4 Wochen mit anderen zum Schwammtauchen im Bereich der Kykladen unterwegs, zur Zeit bei Anafi.

12:40 Uhr. Der Katamaran legt mit ein paar Minuten Verspätung in Agia Marina auf Leros an. Etwa 40 Touristen gehen von Bord. Ein Bus und einige Taxis warten schon auf sie. Die ganze Gruppe ist ins Crithoni Paradise gebucht, das grösste und beste Inselhotel. Individual- oder gar Rucksackreisende sehe ich nicht. Ich nehme mir ein Taxi nach Alinda, den einzigen Touristenort der Insel und steige da im Alea Mare direkt an der schmalen Uferstrasse ab (schönes DZ als Einzel mit grossem Balkon, direktem Meerblick und Frühstück 30 Euro). Der sehr junge Taxifahrer erzählt vom vergangenen Herbst und Winter. Da waren zeitweise 6000 Flüchtlinge auf Leros – bei nur 8000 Einwohnern, davon die Hälfte Rentner und Kinder. Die Strassen waren voll, die Dörfer, die Strände. Das sei einfach zu viel gewesen. Jetzt sind noch etwa 400 Flüchtlinge hier, untergebracht im Hot Spot in Lepida auf dem Gelände immer noch als Psychiatrische Klinik genutzten Kasernen aus der Zeit der italienischen Besetzung des Dodekanes (1912-1943).

15:30 Uhr. Ich habe mir einen Kleinwagen gemietet (fabrikneu, 25 €) ung fahre mach Plefoutis im Inselnorden in die Taverne I Thea Artemis. Die Wirtin heisst Frideriki, ihr Taufpate war Royalist. Sie hat Anfang der 1970er Jahre kurz in Bremen-Vegesack gearbeitet, spricht etwas Deutsch. In ihrer Bucht sind im Winter zwei Flüchtlingsboote angelandet, mit etwa 30 bzw. 50 Menschen besetzt. Sie wurden eingesammelt und nach Lepida gebracht.

19:0 Uhr. Ich sitze an der kleinen Bar auf der Hotelterrasse, knapp 10 m vom Wasser entfernt. Bis eben stand der junge Jorgos aus Athen hinterm Tresen, der den Sommer über hier jobbt. Jetzt hat ihn die junge Issidora abgelöst, für die das Bartendern ein sommerlicher Zweitjob ist. Hauptberuflich arbeitet diese fesche Lerierin als Frisörin. Als ich vorhin an die Bar kam, sass nur eine ältere Dame an einem der Tische. Sie ist Türkin, wohnt in Istanbul, ist aber in Bodrum aufgewachsen. Sie will vier Wochen lang auf Leros bleiben. Hier sei es so wie in Bodrum vor 50 Jahren. Etwas später tauchte ein total besoffener deutscher Rentner auf, verunziert durch masslos viele Tattoos, mindestens einen Ring an jedem Finger und Kettchen um den Hals. Er sprach nur Deutsch, bestellte erst nur ein Wasserglas voll Ouzo für sich, dann noch einmal zwei Gläser für sich und den Barmann. Der hatte sich nämlich gerade als Alkoholverächter
geoutet. Dann wollte er ein Taxi, kannte aber den Namen seines Hotels nicht. Dann endlich zog er schimpfend weiter. Dann kam Agapios, 62, SAP-Programmierer bei Intel in Sacramento/California. Barmann Jorgos kredenzte ihm sofort kostenlos den vom Deutschen für ihn bestellten Anisschnaps. Agapios Vorfahren waren Griechen aus Istanbul und von der türkischen Schwarzmeerküste. Er selbst wurde in Piräus geboren, wanderte mit 25 in die USA aus und heiratete dort eine US-Amerikanerin. Jetzt macht er mit seiner 21-jährigen Tochter ein paar Tage Urlaub auf Leros. Die spricht kaum ein Wort Griechisch und weigert sich weiterhin, solch eine “nutzlose” Sprache zu lernen.

 

Donnerstag, 16. Juni 2016/Leros
08:15 Uhr. Heute ist mein erstes Ziel der Hot Spot in Lepida. Auf über 3 km stehen hier unterschiedlich grosse italienische Bauten. Manche nur noch Ruinen, viele ziemlich heruntergekommen, nur ganz wenige intakt und frisch gestrichen. Neben einer grossen Kasernenruine erkenne ich schon von weitem ein Hüttenlager: das muss der Hotspot sein. Anders als früher versperrt keine Schranke die Einfahrt zu dem Areal. Zunächst durchfahre ich das Gelände der Psychiatrischen Klinik. Verwildertes Grün, betreute Wohngemeinschaften in übel aussehenden Häuschen, fröhlich grüssende Männer und Frauen. Wer nicht grüsst, gehört wahrscheinlich zum Personal.
Unmittelbar angrenzend steht ohne jedweden Naturschatten das umzäunte Hüttendorf. Es sind wohl um die 70 “Häuser”. Dazwischen hängt ein wenig Wäsche. Ich erspähe etwa 8 Flüchtlinge und einen Polizisten. Übervölkert ist der Hot Spot jedenfalls nicht. Ich fahre wieder raus, halte am alten blauen Kiosk gegenüber der Einfahrt. Frage die junge Frau, die dort Dienst tut, ob auch Flüchtlinge zu ihrer Kundschaft gehören. “Manchmal kommen welche, um Zigaretten zu kaufen”, sagt sie, “alles andere bekommen sie im Camp umsonst.” Auf der Strasse kehren gerade zwei junge Flüchtlingsfamilien ins Lager zurück. Die Kleinsten sitzen in Buggies. “Heute morgen hatte sie ein Bus ins Städtchen Lakki gebracht, um Papierkram zu erledigen”, erklärt mir die Kioskbetreiberin. Ob die Flüchtlinge manchmal am kleinen Strand vor dem Camp baden gehen, will ich noch wissen. “Kaum”, sagt sie, “aber gestern Abend hat eine grössere Gruppe von ihnen am Strand gegrillt .”

18:00 Uhr. Ende der Recherchen. Retsina Georgiadis steht auf dem Tisch, Fanta auch. Gleich kommt ein Tellerchen mit gavros ksidato, salzig-sauer eingelegten Filets von kleinen Fischen, dazu als Gruss aus der Küche ein kleines Töpfchen mit warmer fava. Am Strand auf der anderen Strassenseite liegen noch ein paar Urlauber in der milder werdenden Sonne, im Wasser schwimmen Einheimische und Touristen. Ich muss an eine Mail denken, die ich letzte Woche erhielt. Ein 32-jähriger Deutscher fragte mich, welche andere griechische Insel ich ihm als Samos-Liebhaber empfehlen würde. In der östlichen Ägäis, wo in den letzten Monaten so viele Menschen ertrunken seien, wolle er in diesem Sommer nicht baden…

21:00 Uhr. Abendessen in der Taverne To Steki in Alinda, die ich in meinem DuMont-Reisetaschenbuch Kos/Nördlicher Dodekanes wegen ihrer Saucen hoch gelobt habe. Inhaber ist immer noch der diplomierte Koch Dimitri; gerade hat auch sein Sohn Kostas auf Rhodos sein Kochdiplom gemacht. Doch das Essen ist eine einzige Enttäuschung. Ein Rundgang um die anderen Tische zeigt mir: auch da sieht es nicht besser aus. Wieder einmal zeigt sich: Eigene Vor-Ort-Recherche muss sein. Internet, Tripadvisor und Lesermails geben oft nützliche Hinweise, aber ersetzen nicht den persönlichen Test. Den Wirt hier ficht es übrigens nicht an, daß ich fast alles überlasse. Er fragt nicht einmal nach dem Grund. Dieses Lokal wird als Empfehlung umgehend gestrichen!

 

Freitag, 17. Juni 2016/Leros-Kos
07:45 Uhr. Die ersten Tassen Kaffee mit Blick hinüber nach Kleinasien. Immer wieder faszinierend der Gedanke, dass man von da aus bis nach Singapur, Wladiwostok oder auch Kapstadt oder Lissabon wandern könnte, ohne ein Meer überwinden zu müssen. Apropos Kleinasien: Die Wirte hier auf Leros warten aufs Wochenende. Da werden die Tavernen besser gefüllt sein, weil dann viele Türken mit ihren Yachten herüberkommen. Die bestellen nicht nur Griechischen Salat (5-6 €), sondern auch frischen Fisch (45-50 €/kg) und lebende Lobster (70-80 €/kg).

09:30 Uhr. Vier Tassen nervenschonenden Kaffees, 60 Euro für zwei Nächte mit Kreditkarte bezahlt, ordentliche Rechnung bekommen, kurz dem Autovermieter gesagt, dass mein Katamaran 35 Minuten früher fährt als von ihm vermutet. Neben seinem Minimarkt sass der besoffene alte Deutsche am einzigen Tisch, Dose Bier in der Hand, rote Shorts, rotes ärmelloses T-Shirt, rote Schlägermütze.

09:45 Uhr. Ich schaue kurz bei Takis vorbei, dem Inhaber der Taverne Mylos an der im Wasser stehenden Windmühle von Leros. Der war mal sauer auf mich, weil ich in einem Reiseführer empfohlen hatte, bei ihm kleine Fische zu bestellen – weil die mir hier besonders gut geschmeckt hatten. “Jetzt bestellen fast alle Deutschen bei mir nur noch die kleinen, billigen Fische; kein Deutscher bestellt mehr einen grossen teuren.” Daraufhin empfahl ich in der nächsten Auflage sein mit Kalamar statt Hackfleisch gefülltes Moussaka. Das hat er jetzt aber nicht mehr auf der Karte. Es war ihm zu arbeitsaufwändig. Während wir miteinander plaudern, klingelt sein Handy. Er schaut aufs Display und sagt “Güneidin”. Türkische Stammgäste melden sich für heute Abend zum Grossfischessen an. “Fahrt direkt in den Hafen”, sagt er auf Englisch. “Ich schick euch dann den Agenten, der euch zuerst zur >face control< zur Hafenpolizei bringt und dann gleich zu mir!”

11:20 Uhr. Ich sitze im Cafe auf dem Anleger zwischen etlichen Wartenden. Wer mit dem Katamaran fahren will, ist leicht zu erkennen: Diese Leute zahlen sofort, wenn das Getränk kommt. Wer bleibt, zahlt beim Gehen, lässt meist einfach den Betrag auf dem Kassenbon auf dem Tisch liegen.

11.55 Uhr. Der Katamaran ist pünktlich, der Autovermieter nicht. Ich deponiere den Autoschlüssel unter der Fussmatte, Fahrertür und -fenster bleiben offen. Das ist hier so Usus. Der Katamaran, der über Samos, Ikaria, Fourmi und Patmos hierher gekommen ist, ist recht voll: am Sonntag ist Pfingsten. Das Handy eines Griechen klagt, will an die Steckdose. Ein Doppelstecker an der Decke ist schnell gefunden. Da wird das Handy angeschlossen, pendelt wie eine Hängelampe über einer Sitzreihe. Wenn es klingelt, nimmt der Besitzer das Gespräch entgegen, ohne das Handy zu entbinden.

14:00 Uhr. Ich bin wieder in meinem Lieblingshotel auf Kos, dem Afendoulis. Im Bad begrüsst mich die Badematte wie üblich zum Papierschiffchen gefaltet auf dem Klodeckel, auf den Kopfkissen haben die Badelaken die kunstvolle Form von Schwänen angenommen.

14:30 Uhr. Alexis lädt mich zum Mittagessen mit seiner Familie ein. Zwei Tische sind in der Lobby, die ohnehin auch Frühstücksraum ist, schnell zusammengerückt. Nach fünf Minuten ist der Tisch für sechs Personen gedeckt. Eine Schüssel Spaghetti, die die Griechen makaronia nennen, eine Schüssel mit grünen und Schwarzaugenbohnen, eine Schüssel mit gekochten kalten Kartoffeln und gekochten Eiern. Dazu kleinere Schüsselchen: eine mit Sauce Bolognese, eine mit geriebenem Käse, eine mit Senf-Mayonaise-Sauce. Dazu zwei Lieferungen aus der nahen Pizzeria: Hackfleischbällchen mit Pommes und Schweinegulasch mit Reis. Getrunken wird dazu um diese Zeit nur Wasser.

17:00 Uhr: Nach einigen Recherchen und einem Eis im Aigli, dem exzellenten Kaffeehaus der Frauengenossenschaft auf der zentralen Platia, sitze ich auf einer Bank vor der Kirche Agia Paraskevi. Gleich neben der Bank ist der Eingang zur Terrasse der preiswerten Taverne Alexandros, die erst um 18 Uhr wieder öffnet. Zwei Holländerinnen kommen von der Terrasse, halten mich für den Wirt. Sie fragen mich in schlechtem Englisch, ob sie für 20 Uhr einen Tisch für vier Personen reservieren können. Ich versuche ihnen klarzumachen, dass sie keine Reservierung brauchen, weil sowieso nur wenig los ist. “Please”, insistieren sie, nennen mir noch Lisa als Namen und schauen mich ganz lieb an. “Okay, 8 o’ clock”, bestätige ich. Sie gehen zufrieden davon. Ich schreibe dem Wirt den Reservierungswunsch auf die Papiertischdecke des Tisches, der dem Taverneneingang am nächsten steht. Da wird er ihn hoffentlich lesen…

21:00 Uhr. Hat er getan. Ich sitze jetzt in einer anderen Taverne direkt am Hafen. Wie fast alle Lokale hier beschäftigt auch sie einen “krachtis”, einen Aufreisser, der alle Passanten anspricht und ins Lokal locken will. Hier ist es eine flotte junge Dame namens Eleni, wie ich vom albanischen Kellner erfahre. Wenn Familien vorbeigehen, ruft sie ihnen “Hello family” zu. Das habe ich nie zuvor gehört. Ich frage Eleni, woher sie kommt. Sie ist Greco-Kubanerin: Vater Seemann aus Kos, Mutter Kubanerin aus dem Süden von Fidels Insel.

 

Samstag, 18. Juni 2016/Kos

08:00 Uhr. Frühstücksraum und -terrasse bei Alexis sing gut gefüllt, über die Hälfte der Zimmer ist belegt. Ich fahre gleich zum Flughafen, um meine Frau abzuholen. Alexis hat mir seinen Suzuki-Jeep für drei Tage geliehen, mit dem ich in der Vergangenheit schon so manches Abenteuer auf koischen Pisten erlebte. Er hat extra meinetwegen eine neue Batterie bekommen, weil er allzu oft nur noch mit Starterkabel in die Gänge kam.

12:15 Uhr. Wir haben uns für 2 Tage in einen viergeschossigen Hotelkasten direkt am Altdorfrand und Strand von Kardamena einquartiert, auch weil davor Parkplätze frei waren (DZ Ü/F 50 €). Hier wohnen heuer vor allem Polen und Tschechen.

16:00 Uhr. Wir sind im ehemaligen Kloster Agios Jannis auf der Kefalos-Halbinsel. Da gibt es gleich neben der kleinen, neu gut ausgemalten Klosterkirche ein neues Kafenio. Es gehört der Kirche, wird von Katerina, einer Frau um die 40, bewirtschaftet. Die Kirche hat ihr diese Aufgabe überlassen, weil sie
zwei chronisch schwerkranke Töchter hat, die sie ernähren muss. Katerina ist bestens gelaunt, obwohl sie ausser uns nur einen Gast hat: den Bauern Aleko aus der näheren Umgebung. Der sitzt mit einer Flasche Bier auf einem Mäuerchen. Aus dem Kofferradio, dass er sich mitgebracht hat, erschallt laut griechische Musik.

17:00 Uhr: Kurzer Zwischenstopp am Cafe “Grosse Mühle, dass ein deutsches Ehepaar seit Jahren vor einer stattlichen Windmühle ohne Flügel betreibt. Als mich ein Mitarbeiter des ZDF-Magazins im frühen Frühjahr bat, ihm Deutsche zu nennen, die als Auswanderer zufrieden auf Kos lebt, hatte ich ihm u.a. diese beiden empfohlen. Ketzt schneien immer wieder deutsche Urlauber herein und begrüssen sie mit “Hallo Filmstars”. Zufrieden sind sie immer noch, beziffern den Urlauberrückgang auf Kos gegenüber dem Vorjahr auf etwa 50%.

19:50 Uhr. Wir sitzen in der Star Light Beach Bar in Kardamena, seitlich spielt Island gegen Ungarn, keiner schaut hin. Direkt vor uns steht der fast volle Mond über der Ägäis, in die sich halblinks die Türkei hineinschiebt. Halbrechts sind Tilos und Nissyros, Griechenlands weitgehend unbekannte Vulkaninsel, deutlich zu erkennen. Über Nissyros gehen die Kos anstrebenden Jets in eine Linkskurve, um drei Minuten später auf Kos aufzusetzen. Von jetzt bis Mitternacht werden noch 14 Maschinen landen. Flightradar verrät mir, woher sie kommen: East Midlands, St. Petersburg, London, Glasgow, Paris, Deauville, London, Köln, Hannover, Manchester,Dublin, Athen, München und Birmingham. Wenn die Koer Glück haben, setzen sie etwa 2500 Portmonnaies auf der Insel ab.

 

Sonntag, 19. Juni 2016/Kos
9:10 Uhr. Ans Auto, Türen weit öffnen, zum Kiosk gegenüber gehen. Wasser kaufen, auf einem der beiden Plastikstühle am niedrigen Tischchen Platz nehmen, auf Christiane warten. Ein Grieche kommt, kauft zwei grosse Flaschen Wasser und fünf Tüten Chips. Ich frage ihn, ob er zum Strand geht. “Thalassa doulevo”, antwortet er, “ich arbeite mit dem Meer.” Wahrscheinlich ist er Sonnenschirmvermieter… Im untersten Regal aussen am Kiosk entdecke ich einen kleinen Flachbildfernseher, Keule daneben. Auf meinen fragenden Blick hin meist Kioskmann Kostas nur: “Juro”. Damit ist die EM gemeint.

10:30 Uhr: 37 Grad sind heute angesagt und fast völlige Windstille. Im Wald beim Geisterdorf Paleo Pyli liegt eine Schafherde schon jetzt völlig erschöpft im Baumschatten. Nicht einmal durch Steinchenwürfe lassen sich die Tiere aufschrecken.

11:00 Uhr: Kurze Einkehr bei Georgios, dem Wirt der Taverne Old Pyli nahe dem Geisterdorf. Ich erzähle ihm von den Schafen. Er hat natürlich eine Erklärung: “Wir haben Vollmond. Da fressen die Schafe nachts, damit sie sich in der Tageshitze nicht bewegen müssen.”
Georgios ist auf der Insel Thassos geboren und auf der Insel Skopelos aufgewachsen. Einer Frau wegen ist er auf Kos gelandet. Bis dahin hatte seine grosse Leidenschaft dem Fischen gehört. Jetzt musste er einen Job annehmen und wurde zusätzlich Stadtbusfahrer. 1990 kam eine neue Vorschrift heraus, die Stadtbusfahrern keine zweite Beschäftigung erlaubte. Er musste sich zwischen Fischen und Busfahren entscheiden. Er wählte das Fischen.
Das allein versprach allerdings kein ausreichendes Einkommen. Also beschloss er, auf einem Grundstück seiner Frau in den Bergen von Kos eine Fischtaverne zu bauen. Seine Ersparnisse von umgerechnet etwa 7000 Euro reichten zum Kauf des Baumaterials aus. Fast alle Arbeiten führte er allein aus. Als alles fertig war, fehlte ihm nur noch der Anschluss ans Stromnetz. Dafür wollte die staatliche Elektrizitätsgesellschaft 8000 Euro haben. Er besaß keinen einzigen Cent mehr. Was tun?
Georgios ging zum stellvertretenden Bürgermeister seiner Gemeinde, der drunten am Meer eine Fischtaverne betrieb: “Wenn du im Namen der Gemeinde bei der Provinzregierung den Antrag stellst, die bisher mit Diesel betriebene Wasserpumpe eines Viehbrunnens ganz in der Nähe meiner neuen Taverne auf Strom umzustellen, so dass dorthin eine Stromleitung gelegt werden muss, beliefere ich dich ab sofort kostenlos mit Fisch. Nur wenn ich mal absolut pleite bin, musst du mir dafür ein bisschen Geld geben.”
So geschah es. Die kurze Abzweigung von der neuen Gemeindeleitung zu seiner Taverne kostete dann nur noch 500 Euro, die Georgios gerade noch aufbringen konnte.

22:30 Uhr. Noch immer 25 Grad bei völliger Windstille. Zu heiss, um viel Tagebuch zu schreiben. Ab morgen soll es wieder etwas kühler werden…

 

Montag, 20. Juni 2016/Kos
06:40 Uhr. Blick vom Hotelbalkon. An der Kreuzung stehen etliche Frauen in Dienstkleidung. Sie warten auf die Busse, die das Frühstücks- und Reinigungspersonal für die zu beiden Seiten von Kardamena gelegenen Grosshotels einsammeln. Aus dem Ellinadiko Saray Club, das kurz vor Mitternacht aufgemacht hat, tragen drei Männer schwarze Müllsäcke hinaus. Ein vierter fährt mit dem clubeigenen Kleintransporter vor und lädt sie ein, um sie zur Müllkippe zu bringen.

08:55 Uhr. Das Auto dürstet. Während der Tankwart dessen Durst stillt, setze ich mich zu seinem 5 m entfernt an einem Tisch rauchenden Kumpel. Ich frage ihn, ob der 300 m abseits liegende große Quellbrunnen, den wir kurz zuvor entdeckt hatten, früher einmal der Hauptbrunnen des Dorfes war. “Weiß’ ich nicht. Bin erst seit 35 Jahren hier. Komme aus Kreta!”

09:30 Uhr. Zeit, nach dem Hot Spot von Kos zu suchen. Am kleinen Gänseteich von Linopotis solle ich von der Hautstrasse Richtung Flughafen dem Wegweiser ins Binnendorf Pyli folgen und dann nach dem Weg fragen. Drei albanische Gastarbeiter am Straßenrand geben mir eine korrekte Auskunft. Wir biegen 1,0 km nach dem Gänseteich in Richtung Old Pyli ab, nochmals 600 m weiter nach links, einem grün-roten Wegweiser mit der Aufschrift >Mesovouno< folgend. 500 m weiter sind wir am Ziel. Zu erkennen sind nur ein großer silbern glänzender Wassertank und Rote Kreuz-Zeichen. Das Containerhüttenlager ist mit Draht und Stacheldraht umzäunt, aber keine Schranke hindert uns an der Einfahrt. Auf dem zentralen Platz sehen wir etwa 40 Männer und sechs Frauen in wohl afghanischer traditioneller Kleidung. Wie schon auf Leros ist der Hot Spot gnadenlos der Sonne ausgesetzt. Aber alles wirkt sauber; keinerlei Spannung liegt in der Luft.

12:00 Uhr. Wir sitzen in Mastichari in der Taverne, es stinkt. Massenweise Seetang wartet hier auf den Abtransport. Aus Rhodos kommt eine Mail von Elpida, die dort eine Ranch hat. Sie fragt mich, ob ich jemanden kenne, von dem sie 1,2 t einer bestimmten Heusorte für ihre Pferde besorgen kann. Ich gebe die Frage an den Kellner weiter, den ich erst seit 2 Minuten kenne. Der geht kurz weg und ist nach einer Minute mit Dimitri zurück, dem Bruder des Worts. Der hat eine Farm mit 15 Pferden auf
Kos. 8 € kosten 20 kg Heu zur Zeit. Ich maile Elpida seine Telefonnummer; mal sehen, was draus wird.

12:30 Uhr. Ein paar Häuser weiter hat Pia seit langem ein schönes Geschäft. Sie ist auf Kos auch im Tierschutz organisiert. Bisher konnte sich bei ihr melden, wer eine Transportpatenschaft für einen Hund übernehmen wollte. Das geht auch heute noch, aber die Tierschützer auf der Insel sind inzwischen so gut organisiert, dass so etwas perfekt übers Internet läuft.

13:10 Uhr. Unser Sohn (36) ist gelandet. Wir fahren zusammen in die Stadt Kos, werden wieder eine Nacht bei Alexis im Hotel Afendoulls verbringen.

14:00. Uhr. Mail von Elpida aus Rhodos. Ihr Ehemann Takis hat bei Dimitri wegen des Heus angerufen. Der hat nur gesagt, er solle später wieder anrufen. Die Heuknappheit auf Rhodos scheint gross zu sein: Elpida würde sogar die hohen Kosten für eine Lieferung aus Nordgriechenland tragen.

18:55 Uhr. Das Sommerkino von Kos, das Cine Orfeas, liegt nur 200 m vom Hotel entfernt. Dort findet heute Abend die Hauptveranstaltung zum heutigen Weltflüchtlingstag statt. Wann genau, ist den im Hotel und anderswo ausliegenden Prospekten zum damit verbundenen, fünftägigen Flüchtlingsfilm-Festival nicht zu entnehmen. Draußen fährt jetzt aber ein grosser Minibus des UNHCR mit Flüchtlingen in Richtung Kino vorbei. Kurz darauf geht eine Gruppe junger männlicher Flüchtlinge in schicken UNHCR-T-Shirts in die gleiche Richtung. Uns dünkt, wir sollten uns jetzt auch dorthin aufmachen.

19:35 Uhr. Das Sommerkino ist gut gefüllt. Am Eingang liegen bisher nicht gesehene griechisch-englische Programmhefte aus, denen ich entnehme, das die Eröffnungszeremonie um 19.30 Uhr pünktlich begonnen hat. Am Eingang ist auch ein Tisch mit griechischen und nahöstlichen Snacks aufgebaut. Die Rohstoffe hat die Markthalle gespendet, zubereitet wurden sie seit 14 Uhr gemeinsam von Flüchtlingen und griechischen Helfern.
Wir gehen nun hinein. Die Plätze sind gut gefüllt – allerdings überwiegend mit Flüchtlingen, die das UNHCR hergebracht hat. Manche tragen wie die vielen Helfer die offiziellen T-Shirts zum Weltflüchtlingstag. Etliche tragen auch wie Neugeborene oder AI-Urlauber ein Plastikarmband. Andere tragen Zivil. Auch ein paar moslemische Frauen in traditionellem Gewand sind anwesend. Koische Bürger sehen wir kaum, auch keine Touristen. Der einzige anwesende ausländische Journalist bin ich. Auf der Bühne sitzen eine europäische und eine arabische Frau, geben zusammen ein kleines Konzert. Helfer verteilen kostenlos Wasserflaschen, ich bestelle mir an der Kinobar ein kleines Bier.

19:50 Uhr. Die Redner kommen auf die Bühne. Als erster der Parlamentsabgeordnete für Kos, Ilias Kamazaros (Syriza). Als letzter der alte Inselbäcker Dionysis Arvanatakis. Er hat Tausende von Broten kostenlos an Flüchtlinge verteilt, als die Not am größten war. Alle Reden werden nach Bedarf ins Griechische oder Englische sowie ins Arabische übersetzt. Zwischendurch wird eine Schweigeminute zum Gedenken an die vielen Ertrunkenen eingelegt. Alle erheben sich von ihren Plätzen.

20:10 Uhr. Ich komme mit einem Syrer ins Gespräch, der ein schlafendes Kleinkind auf dem Arm hält. Sein Englisch ist jedoch schlecht, er holt eine junge, bildschöne syrische Frau hinzu. Nairouz ist ihr Name. Ich frage sie, wie viele Flüchtlinge zur Zeit im Hot Spot leben. Nach ihren Angaben sind es etwa 200 Syrer, 300 Iraker, drei kurdische Familien und über 400 Pakistani. Die sind ein Problem, da es fast nur Männer sind, während Syrer und Iraqis als Familie kommen.
Für die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung ist Nairouz sehr dankbar. Die sich nur sehr langsam drehenden Mühlen der europäischen Bürokratie aber sind nervtötend und ärgerlich. Sie ist jetzt seit einem Monat im Hot Spot auf Kos, zuvor war sie schon vier Wochen im Hot Spot auf Chios. Ihr Mann ist schon in Amsterdam. “Such dir eine neue Frau”, hat sie kürzlich scherzhaft zu ihm am Telefon gesagt, “bis du mich wiedersiehst, bin ich ein altes Weib.”
Keineswegs zu Scherzen aufgelegt ist der Syrer mit dem Kind auf dem Arm. Im Hot Spot gibt es keine Sprechstunden mit Fachärzten. Bei seinem Sohn hat der “Lagerarzt” ein schwerwiegendes Problem festgestellt und ihm ein Attest ausgestellt, dass das Kind unbedingt in Athen operiert werden müsse. Nichts passiert…

22:00 Uhr. Wir trinken noch einen Nightcup direkt an der Uferstraße nahe dem Sommerkino. Die Fernseher laufen, man schaut EM. Im Sommerkino sehen überwiegend Flüchtlinge die Flüchtlingsfilme…

23:15 Uhr. Christiane und Jonathan sind schon auf ihren Zimmern. Ich setzte mich zu Alexis und Ippokratis auf die Hotelterrasse. Zusammen schauen wir die letzte halbe Stunde eines EM-Spiels. Heute sind nur drei von den 18 Zimmern vermietet. Eins an ausländische Touristen, eins an einen Athener Taxifahrer, der hier eine Woche lang Urlaub macht und eins an zwei Griechen, die beruflich auf der Insel unterwegs sind. “Die Taverne nebenan hat heute schon um 22.30 Uhr zugemacht”, sagt Alexis, “sonst hat sie nie vor Mitternacht geschlossen.”

23:45 Uhr. Ich sitze auf dem Balkon unseres Zimmers und schaue auf die Terrasse einer zweiten Taverne direkt gegenüber. Das Wirtsehepaar verabschiedet gerade die einzigen Gäste des Abends mit herzlichen Umarmungen. So etwas habe ich in Spanien, Portugal oder Italien noch nie gesehen, von Malle ganz zu schweigen…

 

Dienstag, 21. Juni 2016/Kos-Nissyros
11:00 Uhr. Geruhsamer Vormittag auf der Jasminterrasse des Hotels Afendoulis. Es sind zwar nur 4 von 23 Zimmern belegt, aber Alexis ficht das nicht an. Er hat keine Schulden bei der Bank, die Familie ist gesund, das Haus als Mitgift für die Tochter ist fertig. Es steht natürlich direkt neben dem Elternhaus, “Big Fat Greek Wedding” lässt grüßen.
Als Optimist hofft Alexis, dass der Tourismus bald wieder in die Gänge kommt. Wenn nicht, wird er sein Hotel eben eigenhändig weisseln. Dann hat er nur die Materialkosten von 500 Euro und spart die 5000 für einen Malereibetrieb.

15:30 Uhr. Nach 45-minütiger Fährt mit dem Katamaran (16 €) sind wir auf Nissyros angekommen. Bei Manos direkt am Anleger wird für morgen ein Jeeplein reserviert, dann geht es zu Fuß etwa 10 Minuten weit ins Hotel Porfyris direkt im Hauptort Mandraki und dort Gleich in den Pool.

23:00 Uhr. Auf dem schönen Dorfplatz waren in den Tavernen am Dorfplatz um 20 Uhr insgesamt zwei Tische besetzt. Wir essen beim Captain direkt über der hier heute heftigen Brandung. Als wir gegen 21 Uhr kommen, sitzt ein ausländisches Pärchen an einem Tisch, später kommen noch drei Griechen. Die Bars an der Ufergasse sind gegen 23 Uhr gut gefüllt – ausschließlich mit Griechen. Zur Zeit finden mehrere Uni-Seminare und eine Übungswoche für Geodäsie-Studenten auf der Insel statt mit insgesamt etwa 100 Teilnehmern.

 

Mittwoch, 22. Juni 2016/Nissyros
08:45 Uhr. Auf dem Weg zur Autovermietung sind die Gassen von Mandraki voll von Landvermessern. Die haben nach Studienabschluss gute Berufschancen bei Banken. Die lassen nämlich grundsätzlich alle Grundstücke neu vermessen, die ihnen in diesen Krisenzeiten massig anheimfallen.

11:00 Uhr. Wir sind in Emborio, einem der beiden Dörfer auf dem Kraterrand. Hier leben heute nur noch etwa 20 Menschen, viele ehemals stattliche Natursteinhäuser sind nur noch Ruinen. Wir gehen ins einzige Kafenio, den “Balkon von Emborio”. Es duftet nach frisch gekochtem Essen: Oktopus-Stifado und Suzukakia stehen heute auf der Karte. Auf der Terrasse mit Blick hinein in die riesige Caldera sitzt ein alter Herr. Nick, 95 Jahre alt, 1921 in Emborio geboren. Emborio hatte damals 3500 Bewohner. Sechs Jahre ging Nick hier zur Schule. Unterrichtssprache war Italienisch, denn die Italiener hatten 1912 den ganzen Dodekanes besetzt u d wollten den Griechen alle Griechische austreiben. Mit 14 Jahren wanderte der kleine Nick in die USA aus. Mit italienischen Papieren; einen griechischen Pass hat er nie in seinem Leben besessen. 1942 schickten ihn die Amis als GI in den Pazifik. Ein Bauchschuss rettete ihm das Leben. Nach Nissyros kehrte er seit 1992 erstmals zurück. Jetzt verbringt er jedem Winter in Florida, jeden Sommer auf seiner Geburtsinsel und die Monate dazwischen jeweils in New York.

16:30 Uhr. Nach ausgiebigen Recherchen steht jetzt mein erstes diesjähriges Bad im Meer auf dem Programm.

21:45 Uhr. Bad war gut. Aber zu essen ist mehr mein Ding. Heute in der Taverne Kleanthis in Mandraki. Die Brandung tost bei nur ganz leichtem Wind schon kräftig gegen die Ufermauer, konkurriert akustisch heftig mit der sanften griechischen Musik aud dem benachbarten Cafe Ta Liotrida in einer alten Ölmühle. In der Küche sitzen die Söhne des Hauses ihrer kochenden Mutter zu Füssen. Sie sind Fischer und pflücken gerade kleine Fische (athrinia) aus dem Netz. Fangfrischer können sie nicht in die Pfanne kommen.

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Donnerstag, 23.Juni 2016/ Nissyros-Kos
09:30 Uhr. Rechnung ist beglichen: 40 fürs Doppel, 35 fürs Einzel, jeweils mit Frühstück. Beim Frühstück heute saßen überwiegend Frauen um die 30 an den Tischen: Teilnehmerinnen an einem zehntägigen Seminar des Mediterranean Film Institute zum Thema “Drehbuch schreiben für Dokumentarfilme”. Eine Ungarin erzählt mir, es gebe fünf Gruppen a jeweils 5-6 Teilnehmern.

10:30 Uhr. Ich verabschiede mich von Hotelbesitzerin Maria und beglückwünsche Sie dazu, dass sie jedes Jahr die Gäste dieses Seminars empfangen darf. Sie zieht die Augenbrauen hoch: “Das Institut hat noch nicht einmal die Zimmerrechnungen der letzten beiden Jahre beglichen. Aber was soll ich tun? Wenn diese Gäste nicht hier wären, wäre das Hotel ja leer!”

12:30 Uhr. Wir sind wieder auf Kos, bleiben für eine Nacht im Hotel Astron am Hafen (DZ/Fr. 50 €). Das Hotel bietet einen Pool. Am Kai liegen fünf kleine verrottende Boote – haben wohl letztes Jahr Flüchtlinge hergebracht. Wir mieten ein Auto, fahren zur Beach Bar Tam Tam, einem Hauch Sylt in Hellas. Dann bringen wir noch unseren Sohn zum Airport – und danach nichts wie ins Bett. Jeden Tag 35 Grad, das geht an die Substanz.

 

Freitag, 24.06.2016/Kos-Samos
13:30 Uhr. Wir fahren mit dem Katamaran in fünf Stunden über die Inseln Kalymnos, Leros, Lipsi, Patmos, Ikaria und Fourni nach Pythagorio auf Samos (44 €). Hier nehmen wir uns ein Zimmer im direkt am Hafen gelegenen Hotel Polyxeni (58 €).

19:30 Uhr. Ich sitze in der Corner Bar am Hafen. Von den 30 Tischen sind vier besetzt. Der Autovermieter, bei dem ich vorher war, spricht von 50% Besucherrückgang. Andere Touristiker beziffern den Rückgang auf 20-30%. Alle sind sich einig, dass vor allem die langjährigen Stammgäste kommen. Eine Deutsche erzählt mir, sie habe unbedingt nach Samos gewollt und habe in einem Reisebüro nach einem Flug gefragt. “Was wollen Sie da denn?”, wurde sie vom Expedienten ganz entsetzt gefragt…

 

Samstag, 25.06.2016/Samos
10:00 Uhr. Wir sitzen in Potokaki in der Beach Volley Bar. 33 Grad. Gefühlte 42, sagt die App. Keiner spielt Beach Volley. Blick auf die Anzeigetafel des Flughafens: Heute landet als einzige Maschine aus dem Ausland ein Jet aus Kopenhagen auf Samos. Morgen wird es auch nicht viel besser: da landen gegen 12 Uhr dicht hintereinander zwei TUI-Jets aus Stockholm. Die werden wohl überwiegend Halbpensionsgäste bringen.

21:00 Uhr. Wir sitzen in meiner Lieblingsbar ‘Ef Zin’ am stillen Remataki Beach am Hafenrand von Pythagorio. Mein Magen mochte die heutige Hitze nicht. Darum frage ich nach einem Fernet Branca. Den gibt es mangels Nachfrage nicht, erklärt de Kellner. Ich bestelle nun ganz gesundheitsbewusst ein Tonic Water und eine Campari nur mit Eis. Als Entschuldigung für die Lücke im Getränkeregal bringt er uns beiden kostenlos einen Masticha. Der ist auch toll bei leichten Magenproblemen.
Nun ist es an der Zeit, für alle Samos-Kenner zusammenzufassen, was ich in der Region Pythagorio/Ireon/Mykali Neues gehört und gesehen habe. Eva vom Webstuhl in Koumaradei übergibt den Laden an die Österreicherin Monika, die schon seit 27 Jahren auf der Insel lebt. Eva will Rente beziehen. Die bekommt sie aber wie alle Griechen nur, wenn sie nicht weiterarbeitet…
In Ireon findet das Rock Festival heuer vom 7.-9. August statt. Am 28. Mai haben Emmy und Jorgo, die bis 2014 die Taverne Synanthissi in Chora betrieben, ihr neues Lokal Eptastadio an der Strasse zum Pappa Beach eröffnet. Superlage, Superessen, Musikfarbe Jazz. Thomas vom Taurus in Ireo ist weiterhin für die besten Steaks der Insel gut. Auch Lammrücken und Lammbratwurst gibt es bei ihm – und neuerdings auch ein paar griechische Gerichte.
Zur leidigen Flüchtlingsfrage: Hier ist von ihrer Anwesenheit nichts zu bemerken. Morgen werden wir in die Inselhauptstadt Vathy fahren, wo auch der Hot Spot eingerichtet wurde.

 

Sonntag, 26. Juni 2016/Samos
12:00 Uhr. Wir sind heute in der Frühe über Mytllinii, wo es im Sommerkino Rex bei einem Eintrittspreis von nur 7,50 € noch immer für Jeden warme Krapfen in Honig und Sesam (loukoumades) kostenlos obendrein gibt, in die Inselhauptstadt Vathy gefahren. Schon von weitem ist der Hot Spot direkt am Stadtrand zu erkennen. Er wirkt aus der Entfernung wie ein großes, terrassenförmig angelegtes Hotel. Wir fahren zunächst zum neuen Fährkai auf der der Stadt gegenüber gelegenen Seite der Bucht, weil ich dort am ehesten einen Schiffsfriedhof für Schlepperboote vermute. Richtig getippt! Sieben Boote liegen weiter verrottend an Land. Christiane steigt aus, um zu fotografieren, ich fahre weiter. Als ich sie wieder aufnehme, erzählt sie, es sei sehr schnell ein Auto der Hafenpolizei gekommen. Man habe ihr gesagt, Fotografieren sei hier verboten, denn die Boote seien als Tatwerkzeuge von Kriminellen sicher gestellt.
Ein paar Meter weiter schauen wir dann deutschen Bundespolizisten bei einer Rettunsübung zu. Sie lassen an einem kleinen Kran eine Art Float zu Wasser, auf das sich Schiffbrüchige retten könnten. Zwei Boote der Bundespolizei mit Heimathafen Rostock sind zur Zeit in Vathy stationiert. Sie heißen “Uckermark” und Börde”.
Wir setzen uns in die kleine Taverne Zen an der Uferstrasse den deutschen Küstenwachbooten direkt gegenüber. Ab und zu schlendern Flüchtlingsfamilien auf Sonntagsspaziergang ordentlich gekleidet vorbei. Einmal sind es Oma, Opa, Mama, Papa und sechs Kinder. Papa trägt ein blaues T-Shirt mit großer deutscher Flagge auf der Brust.

14:00 Uhr. Wir fahren zum Hot Spot, den wir nur deshalb leicht finden, weil wir ihn heute morgen von oben leicht ausmachen konnten. Man nimmt die Strasse nach Flamari, überquert die sinnlose Umgehungsstraße von Vathy und biegt etwa 250 m weiter dem Wegweiser “Profitis Ilias” folgend links ab. Nach einer Minute ist man am weit offen stehenden Tor im ansonsten vollständig mit einem hohen, von Stacheldraht bekrönten Drahtzaun. Hinein kommen wir nicht, mit draußen unter Bäumen sitzenden Flüchtlingen aber können wir ungestört Kontakt aufnehmen. Unterhalten kann ich mich mit ihnen aber aus sprachlichen Gründen nicht. Eine gemeinsam gerauchte Zigarette muss reichen…
Wie auf Leros und Kos ist das Containerhüttenlager gut vor den Blicken Neugieriger versteckt. Nur liegt es hier anders als auf Kos kaum 1 km vom Stadtzentrum und der Uferpromenade entfernt. Darum sieht man hier in Vathy – und nur hier, sonst nirgends auf Samos – auch spazierende Flüchtlinge oder vor allem im winzigen Stadtpark auch männliche Jugendliche mit ihren Smartphones. Ihr beliebtester Treff dort scheint eine Gebrauchtkleidungsausgabe in einem kleinen Häuschen zu sein.

18:50 Uhr. Kurz vor der Fussballübertragung blättere ich noch in einer samiotischen Zeitung und lese, dass eventuell ein zweiter Hot Spot anderswo auf der Insel entstehen soll. Der erste ist überfüllt, obwohl schon länger gar keine neuen Flüchtlinge mehr eintreffen. Dagegen gab es letzte Woche in Vathy eine kleine Demo.

19:00-21:00 Uhr. Während des Fussballspiels unterhalte ich mich mit verschiedenen Leuten. Einen zwölfjährigen einheimischen Jungen frage ich, ob das Thema “Flüchtlinge” in der Schule aufgearbeitet werde. “Überhaupt nicht”, antwortet er.
jemand, der nicht genannt werden möchte, sagt mir, momentan kämen monatlich immer noch etwa 400 Flüchtlinge an. Ich schaue später auf die leider recht chaotische Website der UNHCR: Da ist für die beiden Wochen Mitte Juni sogar von 40-60 Flüchtlingsankünften täglich die Rede. Wie sie ankommen, sagt mir keiner. Im Straßenbild haben sie sich jedenfalls nicht bemerkbar gemacht.

22:30 Uhr. Nach einem kleinen Happen bei griechischer Live-Musik im Tarsanas direkt am Meer ist es Zeit, schlafen zu gehen. Morgen soll es in den Inselwesten gehen, Übernachtung dann wohl in Kokkari…

 

Montag, 27. Juni 2016/Samos
08:00 Uhr. Start. Wir schauen uns drei gute Ferienwohnungen am
Rand von Pythagorio an, fahren dann mit nur einer Kaffeepause nach Drakei im Inselwesten. wo die Strasse endet. Die letzten Kilometer dorthin geht es durch eine ganz alpine Landschaft mit Meerblick. Im 70-Seelen-Dorf gibt es drei Tavernen. Eine gehört Athina, der Frau des Dorfpopen. Doch schon seit mehreren Jahre muss er werktags die Taverne zusammen mit einer Verwandten alleine führen. Athina muss dreimal wöchentlich zur Dialyse. Die wird nur in der über 60 kurvenreiche Kilometer entfernten Inselhauptstadt angeboten. Also hat sie sich dort ein kleines Zimmer genommen und kommt nur noch am Wochenende ins Dorf.
-1:00 Uhr. Wir sind nun in Balos und treffen dort Kyriakos, den etwa 35- jährigem Inhaber der versteckt gelegenen Taverne Stella. Er ist einer der besten und kreativsten Köche der Insel und auf jeden Fall der leidenschaftlichste Koch. Er benutzt fast nur Öko-Gemüse aus dem von seinem Vater Nikos gehegten Garten und Fleisch und Fisch von der Insel. Für seine Rezepturen greift er auf die als Kind von seiner zyprischen Mama abgeschauten Kniffe ebenso zurück wie auf das in 11 Jahren in Deutschland in Lehre und Job erlernte. So gibt es bei ihm manchmal Ochsenschwanz oder Ochsenbäckchen, aber auch langsam im Holzbackofen gegartes Zicklein. Salate stehen bei ihm nicht auf der Karte: jeder Gast stellt sie sich selbst zusammen. Warum sind nur so wenige griechische Köche so kreativ?

13:00 Uhr. Es muss ja nicht unbedingt hohe Kochkunst sein, wie wir
bei Kostas in Votsalakia feststellen. Er hat heuer die Pit@Pitz@ erfunden: Pita-Brot, wie man es vom Gyros kennt, belegt nach Wunsch und mit dreierlei Käse wie Pizza gebacken. Wir sind begeistert. Seine Frau Fotini freut sich auch schon drauf. Sie ist allerdings nur während aller deutscher Schulferien hier – ansonsten verdient sie als Lehrerin in Deutschland das nötige Kleingeld, um die Old Fashioned Beach Bar in Votsalakia am Leben erhalten zu können. Sie lohnt den weitesten Weg, wenn man einen Hauch von Hippie-Ära zu schätzen weiß.

16:00 Uhr. Ankunft im Hotel Venus Beach in Kokkari (DZ 55 €, toller Pool, saumässiges Frühstück). Ich frage die Hotelbesitzerin, auf wieviel Prozent sie den Gästeschwund schätzt. “Das rechne ich lieber nicht aus, dann bekomme ich nur Depressionen”, sagt sie. “In der ersten Juliwoche werden nur 14 meiner 38 Zimmer besetzt sein.”

23:45 Uhr. Ich durfte den Sieg der Fischer über die Multimillionäre bei Christos und Ulrike im Cafe Cavos in Kokkari bejubeln. Auch der 13-jährige Sohn der beiden war da. Ich frage ihn, ob denn in seiner Klasse über das Flüchtlingsthema gesprochen wurde. Ja! Die Schüler mussten im Internet nach Fotos und Berichten suchen, über die dann im Unterricht diskutiert wurde.

23:59 Uhr. Absacker in einer sehr liebevoll und mit viel gutem Geschmack eingerichteten Cocktailbar direkt am Wasser. Hier sitzen fast nur noch junge Griechen. am Tresen stehen zwei sehr chic gekleidete, etwa 15-17 Jahre alte Mädchen. Durch ihre Art, das Kopftuch zu tragen, sind sie leicht als Syrerinnen zu erkennen. Der Vater haust noch im Hot Spot, die Mutter ist tot. Die griechische Inhaberfamilie der Cocktailbar hat sie bei sich aufgenommen, damit sie dem Hot Spot entkommen.

 

Dienstag, 28. Juni 2016/Samos
08:00 Uhr. Flughafencheck. Auslandsankünfte gestern: Jets von Air Berlin aus Frankfurt, Hamburg, Düsseldorf, München und Zürich sowie von Niki aus Wien. Heute Air Berlin aus Nürnberg und Tegel, ausserdem Maschinen aus Rom, Billund, Helsinki, Oslo, Göteborg und Amsterdam. Morgen nur eine Niki aus Wien…

09:30 Uhr. Wir sitzen in der Waldtaverne >Ta Aidonia< (Die Nachtigallen) in Valeondades und lauschen dem Konzert der Zikaden in diesem urwaldhaften Tal. Nach einem kurzen Blickkontakt kommt Wirtin Efymia zu uns an den Tisch und beginnt sofort zu erzählen. Dazu habe sie aber nur Zeit, betont sie, weil in diesem Jahr die Touristen ausbleiben. Normalerweise würde sie zu dieser Stunde hin und her hetzen, um Omelettes und Frühstück an die Tische zu bringen. Aber für sie sei das kein grosses Problem. Die Taverne gehöre ihr, ihr Mann beziehe eine kleine Rente, letzte Woche fand im Lokal eine grosse Hochzeitsfeier statt, am 19. Juli stünde ein grosses Kirchweihfest mit Live-Musik und Tanz im Lokal an. Da könne sie sogar noch ihre beiden Töchter und sechs Enkel ein wenig finanziell unterstützen.

10:30 Uhr. Manolates, schönstes und interessantestes Bergdorf der Insel. Doro Schell, durch ihre Doktorarbeit auf der Insel hängengeblieben, finden wir wie üblich im Museun Shop. Im gegenüberliegenden AAA trinken wir Freddo Cappuccino. Doro erzählt viel, u.a. auch, wie sie hier auf Samos ganzjährig einigermaßen über die Ru den kommt: Mit etwas Weinanbau, Sommerarbeit im Shop, etwas Deutschunterricht für Griechen u d etwas Griechischunterricht für auf Samos lebende Ausländer, einem uralten Moped und einem mietfreien Mini-Häuschen.

20:00 Uhr. Bar Manos auf der winzigen Platia von Kokkari. Der junge Kellner Gerassimos, schon länger auf Samos lebender Sohn russisch-ukrainischer Eltern, erinnert sich an unsere gestrige Bestellung und bringt nach wortloser Bestätigung meinerseits wieder das gleiche. Er spricht den Namen meines Lieblings-Gins übrigens korrekt als Bom-beh aus und nicht wie die Griechen als Bom-bai. Er jobbt hier für 3 Euro die Stunde. Vom Verdienten wird er den kommenden Winter über leben müssen. Wie das angesichts der Touristenflaute und dadurch ausbleibende Trinkgelder gehen soll, weiss er nicht. Ihm ist Angst und Bange. Er erzählt auch, kein Grieche traue sich abends mehr in den kleinen Stadtpark von Vathy: Der sei dann das Revier Messer mit sich tragender Pakistanis und Afghanis. Er erzählt auch, dass Pakistanis ihre Töchter als Prostituierte auf die Straße schicken würden.

22:45 Uhr. Wir haben sehr gut italienisch gegessen im Piccolo Porto und geniessen Wärme und Ruhe. Und wir müssen wieder an etwas denken, was Doro heute Morgen erzählte: Es machen zunehmend Israelis und sogar Ägypter Urlaub auf Samos. Sie geniessen einfach das Gefühl, ohne Angst vor Bombenattentaten in Hotels einchecken, in Restaurants sitzen und in Busse einsteigen zu können.

 

Mittwoch, 29. Juni 2016/Samos
10:30 Uhr. Wir sitzen am Hafen von Karlovassi im Nordwesten der Insel. Der Wind weht mit 29 km/h, in den Cafes herrscht nahezu Flaute. Es sind Semesterferien, die Studenten der hier angesiedelten Mathematischen Fakultät der Ägäis (inkl. Informatik) sind weg. Und Touristen bleiben auch weg. Karlovassi ist noch öder als sonst. Es gehört ohnehin zu den wenigen Orten in Hellas, den ich niemandem für einen Urlaub empfehlen würde. Aber natürlich hat auch Karlovassi seine Liebhaber und Stammgäste.

12:30 Uhr. Im zwölften Geschäft finde ich endlich meine Zigarettenmarke, Camel ohne, und kaufe alle vorrätigen Packungen auf. Die Händler haben fast nur noch die Mainstream-Marken vorrätig, in vielen Dörfern gibt es überhaupt keine Glimmstengel mehr. Der Grund: Anders als früher müssen die Einzelhändler Lieferungen sofort bei Erhalt bezahlen und nicht erst wie früher Monate später.

16:00 Uhr. Wir haben ein (dringend renovierungsbedürftiges) Zimmer im kleinen Hotel Tarsanas direkt an der Fährmole von Pythagorio genommen (40 €). Weil Focus und Blick heute verbreiteten, die Strände auf Samos seien leer (und ein Video dazustellten, das überwiegend den Großmeisterpalast auf Rhodos zeigte), zähle ich mal hier am Tarsanas Beach. Von etwa 80 Liegen sind 29 besetzt.

 

Donnerstag, 30. Juni 2016/Samos-Patmos
08:30 Uhr. Mit dem Katamaran nach Patmos, Fahrtdauer eine Stunde. Auch hier ist relativ wenig los. Wir verdösen diesen Tag weitgehend.

 

Freitag, 1. Juli 2016/Patmos-Kos
09:30 Uhr. Check-out im kleinen Hotel Galini in Skala. In dieser Nacht waren zwei der elf Zimmer belegt – und das Anfang Juli! Als ich gerade zahle, kommt über booking.com eine Reservierung für eine Nacht für ein Doppel rein. Die Wirtin zuckt mit den Wimpern: Besser als gar nichts, aber die kassieren vom Zimmerpreis (40 €) auch noch 17% Provision!

 

Samstag, 2. Juli 2016

Um 12 Uhr startet unsere Maschine Richtung Bremen – wir freuen uns aufs norddeutsche Wetter! Und auf unsere einwöchige Reise nach Westkreta Ende August sowie unsere fünfwöchige Reise zu den Ionischen Inseln im September/Oktober…

 

Ergänzende Infos von anderen Inseln:

fb-Freund Heinz schreibt zur Lage auf Simi und Rhodos: “Der neben dem Uhrturm von Simi aufgestellte Empfangs-Container hat zwischenzeitig als Ersatz für das kürzlich völlig ausgebrannte und Anfang Juli komplett renovierte Zollgebäude gedient. Für Flüchtlinge wird er nicht mehr benötigt.”  Und zu Rhodos: “”Ich habe mit mehreren Geschäftsleuten auf Rhodos gesprochen, die durchwegs einen Rückgang des Geschäfts um 40-60% beklagen”.

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