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Iraklio/Kreta im Winter

Von Klaus Bötig | 3.Dezember 2019

Kretas Hauptstadt Iraklio ist auch in der kalten Jahreshälfte ein gutes Ziel für einen Kurzurlaub. Wenn es regnet und stürmt findet man in vielen guten Museen Zuflucht – und wenn die Sonne scheint, sitzt man in Straßencafés oder spaziert am Meer entlang. Oder besucht Knossos, die alte minoische Metropole. Im Winter bleiben in Iraklio zwar die Touristen weg, aber Kreter gibt es genug, um Straßen, Shops, Cafés und Tavernen zu füllen. Echt kretische Musik ist jetzt live viel öfter zu hören als während der Urlaubssaison und die Museen hat man jetzt meist für sich allein oder teilt sie mit Schulklassen, denen bei ihrer Begegnung mit der eigenen Historie zuzuschauen und -hören zusätzlich Spaß macht. Man hätte die Muße, es ihnen gleich zu tun und Museumsobjekte einmal zu zeichnen statt wie alle anderen nur zu fotografieren.

 

Minoisches Leben studieren

Das Archäologische Museum in der Inselhauptstadt ist das bedeutendste und größte der ganzen Insel. Hier bekommt man den besten Eindruck davon, wie vielseitig und hochwertig das Kunstschaffen auf Kreta vor etwa 3500 Jahren war. Man erhascht aber auch Einblicke in die Mode, die Alltagswelt, das Handwerk, Feste und Freizeitvergnügen der damaligen Minoer. Zwei Stunden sollte man für einen Rundgang durch die beiden Museumsetagen mindestens einplanen.

Gleich im ersten Saal (Saalnummern auf den Raumplänen neben den Feuerlöschern) zeigen kleine Tonmodelle von Booten, mit welchen Nussschalen sich die Minoer vor 4000 Jahren aufs offene Meer wagten. Im nächsten Saal sieht man eine Töpferscheibe aus dem frühen 2. Jt. v.Chr., eine Saftpresse und bildschöne Tassen aus jener Zeit. Außerdem sind hier einige Siegel mit den ältesten Schriftzeichen Europas ausgestellt. Wissenschaftler nennen diese Silbenschrift Linear A. Sie ist bis heute nicht entziffert.

Im nächsten Saal  fasziniert  vor allem das große Holzmodell des minoischen Palastes von Knossos, das ein Museumswärter unter Anleitung von Archäologen um 1960 gebastelt hat. Bei diesem wie bei allen anderen Rekonstruktionsversuchen hilfreich waren dabei kleine tönerne Hausmodelle  aus minoischer Zeit. Nahezu sensationell ein  vielfarbiges Stadtmosaik aus den 17. Jh. v.Chr. Wie in einem Puzzle sind hier zahlreiche Plättchen aus Fayence zusammengefügt und zeigen die Fassade eines mehrgeschossigen Gebäudes in Fachwerkarchitektur mit Fenstern, Türen und Balkonen. War das eventuell der Palast von Knossos?

Im gleichen Doppelsaal ausgestellt ist auch ein blau-weißes Spielbrett aus Bergkristall, Elfenbein, Glasfluss, Gold- und Silberplättchen. Sicherlich gehörte es einer hochrangigen Persönlichkeit. Sogar vier kegelförmige Spielfiguren aus Elfenbein sind erhalten geblieben – die Spielregeln aber leider nicht. Von besonderer wissenschaftlicher Bedeutung ist der Diskos von Phaestos in Vitrine 51. Diese Scheibe von etwa 16 cm Durchmesser ist auf beiden Seiten mit 141 Hieroglyphen bestempelt. Sie gilt damit als ältestes “Druckerzeugnis” der Welt. Die Bedeutung der Zeichen haben schon viele Laien und Experten zu entschlüsseln versucht – allgemein akzeptiert ist keine ihrer Theorien.

Einen Saal weiter kann man  sich wieder mit dem minoischen Alltagsleben beschäftigen. Zu sehen sind u.a. ein Smoker für Imker, bronzene Angelhaken, große Bronzekessel zum Kochen, und Souvlaki-Spieße. Ein konisches Gefäß zeigt Boxer und Ringer sowie einen jungen Mann, der einen Salto über einen Stier schlägt: Offenbar ein Usus bei bedeutenden religiösen Festen.

Saal VII zeigt, dass die Menschen auch in minoischer Zeit schon gern auf Schaukeln saßen. Außerdem ist hier die berühmte Schnittervase zu finden. Ein Relief auf dem Steatit-Gefäß zeigt Männer, die fröhlich singend von der Feldarbeit zurückkehren. Ein Musiker spielt dazu das traditionelle Instrument jener Zeit, ein Sistrum. Der Höhepunkt in Saal VIII sind die Fayence-Statuetten zweier barbusiger Frauen mit eng geschnürter Taille und Rüschenrock. Wegen der an und auf ihnen dargestellten Schlangen werden sie als Erdgottheiten interpretiert. Vielleicht zeigten sich aber so ja auch Priesterinnen dem Volk?

Die letzten Säle sind dann dem minoischen Totenkult gewidmet. Besonders schön ist hier der steinerne Sarkophag von Agia Triada. Er ist über und über bemalt. Die dargestellten kultischen Szenen sind sehr klar zu erkennen: Eine Priesterin opfert gerade einen Stier, ein Flötenspieler begleitet die Zeremonie. Zwei Göttinnen kommen in einem Wagen angefahren, der von einem Greifen gezogen wird. Zur Musik eines Lyra-Spielers gießen zwei Priesterinnen Flüssigkeiten in einen Opferkrug, ein Toter steht vor seinem Grabbau.  Nach der Besichtigung dieser Säle im Erdgeschoss geht man am besten ins Obergeschoss hinauf. Dort erfährt man viel über minoische Wandmalereien.

 

Byzanz und die Renaissance

Das kleine, modern gestaltete Museum in der schon im 13. Jh. erbauten Kirche der hl. Katharina vom Sinai birgt die wertvollsten Ikonen der Insel. Auch wer sonst wenig Interesse an frommen Bildern hat, wird mit ein wenig Kunstsinn von ihnen begeistert sein, denn in ihnen verbündet sich der strenge theologische Kanon der byzantinischen Ikonenmalerei mit der Lebhaftigkeit der westlichen Renaissance-Kunst.

Die sechs großformatigen Ikonen von Michail Damaskinos aus dem späten 16. Jh. sind Millionen von Euro wert, aber natürlich unverkäuflich. Sie hängen an Stellwänden frei im Raum. Man schaut am besten zunächst die leicht erkennbare Darstellung der >Anbetung durch die heiligen Drei Könige< an. Als erstes fallen die drei fein gestriegelten Dromedare mit ihren fast giraffenartig langen Hälsen auf. Mit ihnen sind die drei Weisen aus dem Morgenland gekommen, die jetzt mit ihren Gaben in den Händen Maria, Josef und dem Jesuskind ihre Aufwartung machen. Eine Krone trägt nur einer von ihnen, der zweite einen Turban, der dritte ist kahlköpfig. In der rechten unteren Hälfte sind zahlreiche Soldaten und andere Männer mit ihren Pferden zu sehen. Keiner wird schematisiert, alle haben einen anderen Gesichtsausdruck. Rechts oben knien Engel, die alle nach byzantinischer Art einen Heiligenschein haben. Links oben schweben zwei Engel ohne Heiligenschein wie Tänzerinnen heran – ganz im Zeitgeist der Renaissance.

Wie weit sich Damaskinos, der Meister des >Kretischen Stils<, von der traditionellen Ikonenmalerei entfernt hat, bemerkt man, wenn man sich die Ikonen an der Wand anschaut. Nehmen wir die dritte von der Kasse aus als Beispiel, eine Deesis-Darstellung aus dem frühen 16. Jh. Der Maler ist unbekannt, denn ein klassischer byzantinischer Ikonenmaler signierte seine Werke – anders als später Damaskinos – meistens nicht. Während die >Anbetung der heiligen Drei Könige< äußerst erzählfreudig und figurenreich ist, beschränkt sich der Maler in dieser klassisch-byzantinischen Ikone auf das Wesentliche. In der Mitte thront Christus, links von ihm steht seine Mutter Maria, rechts Johannes der Täufer. Keinerlei Nebenfiguren beleben die Szene. Schauen Sie sich das Gewand Mariens einmal an. Es ist ganz geschlossen, umhüllt Kopf, Hals, Brust und Oberkörper, verkündet damit Mariens Jungfräulichkeit. Geht man danach zur >Anbetung< zurück und guckt, wie Maria dort das gleiche Gewand trägt: Lässig den Hals und das Unterkleid zeigend, fast schon freizügig wie eine schöne Frau der Renaissance.

 

Venezianische Handgranaten

In einem Alt- und einem damit verbundenen Neubau zeigt das >Historical Museum of Crete< ein Sammelsurium von Objekten aus der Inselgeschichte der christlichen Zeit. Noch vor der Kasse hängt rechts an der Wand die Gallionsfigur einer venezianischen Galeere des 16./17. Jh. Schlangen liegen auf ihren Schultern. Diese Tiere haben die Menschen anscheinend immer fasziniert. Hier sollen sie vermutlich wie bei antiken Gorgonen alles Übel vom Schiff fernhalten. Im Raum  rechts von der Kasse sind gleich links an der Wand sechs Kreta-Landkarten aus dem 16.-18. Jh. ausgestellt. Sie lokalisieren alle das berühmte kretische Labyrinth des Minotauros im Süden Zentralkretas, nicht wie später üblich in Knossos.

Unter drei venezianischen Brustpanzern in der Raummitte erfährt der waffentechnische Laie ganz Erstaunliches: Zu sehen sind venezianische Handgranaten aus Glas, Ton und Kupfer. Handgranaten sind also nicht erst eine grausame Erfindung aus dem 20. Jh.

Dominiert wird der Raum  von einem großen Modell der Stadt Iraklio. Es bildet die damals Chandax genannte Stadt im Maßstab 1:500 in ihrer Gestalt im Jahr 1645 ab, also kurz vor der osmanischen Eroberung.

Der größte Stolz des Museums sind zwei kleine Gemälde des berühmten kretischen Malers El Greco: die >Taufe Christi< von 1657, und der >Anblick des Berges Sinai und des Katherinen-Klosters< von 1570. Beide Werke sind zwar unsigniert, gelten aber als Originale. Wegen der fehlenden Signatur waren sie für dieses kleine Museum erschwinglich. Andere Werke El Grecos, der 1676 nach Spanien auswanderte, gibt es auf Kreta nicht!

Am Westende des Flurs im ersten Obergeschoss steht ein Schreibtisch, an dem der große kretische Dichter Nikos Kazantzakis während seines Aufenthalts auf der Insel Ägina dicht  vor Athen gearbeitet hat. Im zweiten Obergeschoss steht sogar sein ganzen Arbeitszimmer, in dem er von 1954 bis 1957 im französischen Städtchen Antibes gearbeitet hat.

 

Mehr über Kazantzakis

Für große Kazantzakis-Liebhaber lohnt sich der Besuch zweier anderer Orte in und bei Iraklio. Mirtia war das Heimatdorf seines Vaters. 1983 richtete der entfernt mit Kazantzakis verwandte Bühnen- und Kostümbildner Giorgos Anemogiannis in mehreren Häusern im Dorf ein Kazantzakis-Museum ein. Es skizziert den bewegten Lebenslauf des Dichters, zeigt persönliche Utensilien, seine Werke in allerlei Sprachen, historische Fotos und Briefe und – besonders interessant – Originalkostüme und Szenenbildentwürfe von Aufführungen seiner Theaterstücke.

Das Grab des großen Dichters, der 1957 in Freiburg/Breisgau verstarb,  findet man nicht auf einem Friedhof, sondern auf der Stadtmauer von Iraklio. Die Kirche hatte ihm ein christliches Begräbnis verweigert, da er zu jener Zeit einigen Klerikern als Ketzer galt. Darum wurde er auf der Martinengo-Bastion beigesetzt. Ein schlichtes Holzkreuz und ein einfacher Stein mit dem von ihm selbst bestimmten Grabspruch >Ich erhoffe nichts, ich fürchte nichts, ich bin frei< sind außer gelegentlich niedergelegten Blumen der einzige Grabschmuck.

 

Erdbeben im Simulator

Direkt am Meer ist das Naturgeschichtliche Museum im ehemaligen Elektrizitätswerk der Stadt untergebracht. Es widmet sich nicht nur Kreta, sondern ganz Griechenland, ist aber überwiegend für Schulklassen interessant. Eine einmalige Attraktion für Alle aber steht im Untergeschoss. Da kann man in einer nachgebauten Schulklasse Erdbeben verschiedenster Stärke als Simulation erschreckend realistisch miterleben. Hinterher wird man froh sein, wenn einen ein solches Naturereignis in der Wirklichkeit erspart bleibt.

 

Antike Technologie

Kretas neuestes Museum hat Kostas Kotsanas geschaffen, ein Ingenieur vom Peloponnes. Er bestückt und betreibt auch schon ähnliche Ausstellung in Katakolo, Olympia und Athen. Er erforscht die technischen Errungenschaften der Antike an Hand von Texten und Vasenbildern und baut sie als funktionstüchtige Modelle nach – vom antiken Wecker bis zum antiken Getränkeautomaten. Da kommt man aus den Staunen nicht hinaus.

 

Kretischer Schnee

Schnee fällt in Iraklio selten. Als Kulisse ist er im Winter aber bei halbwegs klarer Sicht ins Stadtbild integriert. Dann krönt er die Gipfelregionen des Psiloritis und der Lassithischen Berge. Sitz man bei 20 Grad in der Mittagssonne am Hafen, ist das ein tolles Bild. Aber die Sonne scheint keineswegs ständig. Heftige Wolkenbrüche gehören ebenfalls zum Winter. Weil es dazu oft auch stürmt, hilft kein Schirm mehr. Man muss sich unter Plastikfolien flüchten, die jetzt in vielen Geschäften statt Badeschuhen angeboten werden.

 

Am venezianischen Hafen

Aber der Regen hält selten stundenlang an. Auf Wolkenbrüche folgt oft schnell wieder Sonnenschein. Dann sitzt man am schönsten im großen, modernen Café am alten venezianischen Hafen, der heute nur noch von kleinen Fischerbooten und Sportbooten genutzt wird. Blickt man aufs Wasser, hat man die Reste der alten venezianischen Werfthallen hinter sich, in denen die Galeeren der Serenissima repariert und im Winter eingelagert wurden. Über den Hafen hinweg schaut man auf die venezianischen Hafenfestung, heute Koules genannt. Ihre heutige Form erhielt sie im 16. Jh. Ihre Mauern sind bis zu 8,7 m dick; bestückt war sie mit 18 Kanonen im Untergeschoss und 25 weiteren auf den flachen Dächern. In riesigen Gewölben lagerten Unmengen von Munition; eine eigene Mühle und Bäckerei machte sie im Belagerungsfall für längere Zeit autark. Gleich an der Festung setzt die 1800 m lange Mole des neuen Hafens der Inselhauptstadt an, in der vor allem Autofähren festmachen. Im Sommerhalbjahr legen hier auch die Kreuzfahrtschiffe an, die im Winter ganz rar sind – ein großer Vorzug eines Winterurlaubs in der Stadt. Die Mole wird gern von Joggern genutzt, die hier quasi direkt am Meer entlang laufen und dabei immer schneebedeckte Berge in der Ferne sehen.

 

Städtebauliches Desaster

Anders als in der Stadt Rhodos, wo auch die mächtigen Seemauern vollständig erhalten blieben, wurden die Seemauern der alten kretischen Städte im 19. 20. Jh. vollständig niedergerissen. Darum lohnt sich auch in Iraklio ein Bummel über die moderne Uferpromenade kaum. Die Landmauern samt ihrer sieben mächtigen Bastionen sind zwar noch weitgehend erhalten, gehen aber wenig fotogen im Häusermeer unter. Insgesamt ist Iraklio im Gegensatz zu den Schwesterstädten Chania und Rethimno optisch wenig attraktiv. Eine echte Altstadt gibt es nicht. Deutsche Bomben im Zweiten Weltkrieg und die chaotische Bauwut der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts haben die Stadt zu einem Albtraum der nicht engagierten Städteplaner  werden lassen. Auch der Flüchtlingsstrom kleinasiatischer Griechen in den 1920er Jahren trug zum architektonischen Wildwuchs bei. Stadtteilnamen wie Nea Halikarnassos weisen auf solche Flüchtlingssiedlungen hin. Dort in Nea Halikarnassos finden übrigens heute Flugzeug-Spotter ein tolles Café (Odos Irodotou 117): Sitzt man dort bei einem Kafedaki, sieht man startende Maschinen direkt neben dem Kirchturm in den Himmel steigen und kann sie gut fotografieren. Niemand stört sich an den Jets: Ihr Fluglärm gehört Tag und Nacht zur Geräuschkulisse der ganzen Stadt vom Hafen aus ostwärts.

Trotzdem ist Iraklio liebenswert. Innerhalb der Stadtmauern sind außer den Museen auch historische Bauten eingestreut, Kirchen und Brunnen vor allem. Und kretisches Volksleben lässt sich nirgends auf Kreta besser studieren als hier in zahllosen kleinen Geschäften, auf Plätzen und in Straßencafés, in Kafeterias und trendigen Cocktail Bars.

 

Zwie Kirchen, eine Loggia

Vom alten venezianischen Hafen führt die Odos 25is Avgostou leicht ansteigend als breite, vor allem von Reisebüros, Banken, Autovermietungen und Souvenirgeschäften gesäumte Fußgängerstraße ins Herzen Iraklios. Sie wurde wie jetzt immer mehr Straßen und Plätze in der Innenstadt bereits Anfang unseres Jahrzehnts verkehrsberuhigt. Das hat der Stadt spürbar gut getan. An dieser Flaniermeile stehen die venezianische Loggia, die Francesco Morosini 1628 als Versammlungsort und Ballsaal für den venezianischen Adel der Insel errichten ließ, und zwei bedeutende Kirchen: Agios Titos und Agios Markos.

Die dreischiffige Basilika Agios Markos wurde 1239 von den Venezianern kurz nach ihrer Eroberung Kretas geweiht – natürlich als San Marco. Hier wurden ihre Inselherzöge fortan beigesetzt. Die Türken ließen nach ihrem Sieg über die Venezianer 1669 eine nach Mekka weisende Gebetsnische ein- und ein Minarett anbauen – und schon war aus dem christlichen Gotteshaus eine Moschee geworden. Heute dient das den orthodoxen Griechen stets fremd gebliebene Gebäude als Städtische Kunstgalerie mit Wechselausstellungen.

Für die orthodoxen Kreter ist Agios Titos hingegen ein wahres Gotteshaus. Sie birgt die Schädelreliquie des ersten kretischen Bischofs, den der Apostel Paulus höchstpersönlich im Jahr 51 in sein Amt einführte und an den er später auch den ins Neue Testament aufgenommenen Titus-Brief schrieb. Diese Schädelreliquie war den Venezianern so wichtig, dass sie sie bei ihrem Abzug aus Kreta 1669 mit in ihre Lagunenstadt nahmen. Erst 1966 kehrte sie mit viel Pomp nach Iraklio zurück. Hier steht sie nun pikanterweise in der Vorhalle in einer Gebetsnische, die erst die Türken schufen, als sie die Kirche in eine Moschee umwandelten.

 

Bougatsa am Brunnen

Die Flaniermeile 25is Avgostou endet am Wahrzeichen der Stadt, dem Morosini-Brunnen. Wer da einen Tag lang sitzt, weiß, wer in der Stadt ist. Fast jeder kommt hier vorbei. Die einen sind gekleidet, als müssten sie gleich auf den Catwalk. Andere sehen aus, als kämen sie gerade vom Ziegenmelken. Touristen sind jetzt im Winter vor allem Asiaten, denen keiner gesagt ist, wie kalt es auch im kretischen Winter werden kann. Einheimische und Griechenlandkenner setzen sich in eine der beiden Konditoreien am Platz, das >Kirkor< oder das >Fillo-sofies<. Der Name des letzteren ist schon eine Anspielung auf die Spezialität beider Lokale: Die Strudelteigtaschen >bougatsa<, wahlweise mit einer Art Grießpudding oder mit Ziegenkäse gefüllt. Gleich gegenüber sind kleine Koteletts die Spezialität der Grillstuben – und dazwischen steht der millionenfach fotografierte Morosini-Brunnen aus dem Jahr 1628 mit seinen vier Löwenköpfen und acht dreiviertelkreisförmigen Ausbuchtungen. Mit diesem Geschenk verbesserte Gouverneur Morosini die Wasserversorgung der Stadt ganz erheblich.

 

Shoppen ohne Ende

Am Platz mit dem Morosini-Brunnen und der benachbarten Straßenkreuzung nehmen die wichtigsten Einkaufsstraßen ihren Anfang. In der nach dem erfindungsreichen Dädalus, Erbauer des  Labyrinths von Knossos  und erstem Piloten der Menschheitsgeschichte benannten Odos Dedalou reihen sich Souvenir- und Textilgeschäfte aneinander. Paraallel dazu verläuft die Straße der Gerechtigkeit, Odos Dikeosinis mit zahlreichen Bekleidungsgeschäften und Handy-Shops. Zwischen beiden liegen die Überreste der byzantinischen Stadtmauer. Man sieht sie nur, wenn man einen der Läden auf der Nordseite der Dikeosinis betritt. Die haben nämlich nach hinten hinaus oft große Fenster und kleine Gärten, in denen das Personal in den Pausen an Tischen und auf Bänken direkt unterhalb der 1000 Jahre alten Wehrmauer entspannen kann.

An der Kreuzung beim Morosini-Brunnen beginnt auch die kurze, ehemalige Marktgasse Odos 1866. Echte Marktstände gibt es hier kaum noch, dafür jährlich mehr Shops für Touristen  mit T-Shirts, Olivenholzschnitzereien und billigem Schmuck. Nur nahe dem Bembo-Brunnen, in den die Venezianer kopflose Statuen aus dem Städtchen Ierapetra an der Südküste integrierten, ist noch ein kleiner Fischmarkt zu finden. Den nutzt auch die dortige Markttaverne: Bestellt ein Gast frischen Fisch, ruft der Wirt dem Verkäufer am nächstgelegenen Fischstand die Bestellung zu und der liefert ganz frisch seine Ware portionsgerecht.

 

Ein Stuhl für jeden Irakliten

Am Morosini-Brunnen setzt auch die Odos Chandakos an, die bis zum Historischen Museum hinunter führt. Eine etwas Deutsch sprechende, gern auch von Urlaubern Aufträge annehmende Ikonenemalerin sitzt hier vormittags in ihrem Atelier und unterhält sich gern mit Besuchern. Ansonsten ist die autofreie Gasse mit Cafés und Bars gespickt, in denen es meist etwas ruhiger zugeht als in den großen Kafeterias und Bars an der nahen Platia Kalergon und der ebenfalls nahen Odos Korai. Da sitzt die Inseljugend schon mittags in Massen bei Kafé Frappé und Freddo Capuccino.

Streift man weiter durch die Innenstadt, meint man bald, für jeden der über 150 000 Stadtbewohner gäbe es hier einen Stuhl in Lokalen. In vielen erklingt jetzt im Winter abends die Lyra. An Tavernen herrscht kein Mangel. Für linke Nostalgiker ist das >Tou Kayiambi< in der Odos Monoftsiou ein Muss. >Wenn die Revolution in Deutschland 1919 gelungen wäre, wäre die Welt heute besser<, verkündet da Wirt Dimitris in fast perfektem Deutsch. Und serviert urkretisches Essen preiswert unter Fotos von Ernst Thälmann, Lenin, Che, Schauspielern und Malern.

 

 

INFO

Offizielle Website: www.heraklion.gr

Websites von Museen: www.iraklion-museum.gr, www.historical-museum.gr, www.kazantzakis-museum.gr. www.kotsanasmuseum.gr

Veranstaltungshinweise: www.nowheraklion.com

Reiseführer: Baedeker, Baedeker smart, Marco Polo, DuMont Bildatlas, DuMont direkt, alle von  Klaus Bötig

Stadtplan: Heraklion Map, Terrain Cartography, 1:150 000, erschienen 2012, www.terrainmaps.gr

 

 

 

 

 

 

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