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Juden auf Rhodos früher und heute

Von Klaus Bötig | 13.Juli 2012

Gastbeitrag von Dr. L. Joseph Heid

„Möge Gott dich segnen und erhalten und sein Licht auf dich scheinen lassen – in Glück und gutem Wohlstand für immer, Shalom“. Dieser handschriftlich verfasste Wunsch von Miriam und Malcolm Newman aus London findet sich im Gebetbuch der Kahal-Shalom-Synagoge der dodekanesischen Insel Rhodos in der Ägäis. Die Newmans haben ganz offensichtlich im August 1990 Urlaub auf Rhodos gemacht, an einem Gottesdienst teilgenommen und sich von einer besonderen Stimmung einfangen lassen, die ihr angesichts der pittoresken Synagoge entgegenschlug. So ging es vielen anderen Besuchern auch, die ihre Gefühle auf ähnliche Weise in den Gebetbüchern verewigt haben. „Wir haben ein Wunder gefunden auf dieser liebenswerten Insel“, schreiben Leila und Stan Brett unter dem Datum 9. August 1996, „wir werden es für immer bewahren“.  In einem andere Eintrag der Lauders aus Philadelphia ist von Dankbarkeit die Rede, dass diese Synagoge unzerstört geblieben ist und die Familie Dortnow aus San Diego hofft, dass die wunderschöne „Shul“ immer bestehen möge.

Die aus dieser Hoffnung sprechende Sorge scheint durchaus berechtigt. Ein Schild der „American Express Company“ vor dem Synagogeneingang weist darauf hin, dass die „Kahal-Shalom-Synagoge“ von der „World Monument Watch“ auf die Liste der 100 meist gefährdeten Plätze gesetzt ist. Daneben ist ein weiteres Schild mit dem Hinweis angebracht, dass die Synagoge seit dem Jahre 2004 durch die Europäische Union (75 %) sowie aus Mitteln des griechischen Kulturministeriums (25 %) renoviert wird.

Die „Kahal-Kadosh-Shalom“-Synagoge, so der vollständige Name, ist die älteste Synagoge in Griechenland und die letzte von einstmals sechs Synagogen auf Rhodos, die es im jüdischen Viertel „La Juderia“ gab. Sie liegt ein wenig abseits vom touristischen Trubel in der Simmiou Nr. 2 und mit ihrem Flachdach scheint sie sich ein wenig vor den zahlreichen Minaretts und Glockentürmen der orthodoxen Kirchen zu ducken.

Schon in antiker Zeit gab es Juden auf Rhodos, doch die eigentliche Geschichte begann mit den sephardischen Juden, die vor der spanischen Inquisition in den östlichen Mittelmeerraum flüchteten. In der jüdischen Welt wurde Rhodos seiner zahlreichen Jeschiwoth, der Gelehrsamkeit seiner Rabbiner und der Frömmigkeit seiner Juden wegen das „Tchika Yeroushalayim“, das „Kleine Jerusalem“ genannt. Die spanischen Juden brachten ihre Kultur und Sprache mit, die sie in der neuen Heimat bewahrten. Bis in die Gegenwart benutzen die sieben noch auf Rhodos lebenden Familien (35 Personen, der jüngste ist 18 Jahre alt) das traditionelle „Ladino“ oder „Judeo-Spanisch“ als ihre Alltagssprache.

Die Einrichtung der Synagoge folgt dem traditionellen sephardischen Stil und hat den Gebetstisch auf dem die Thora gelesen wird, die „Tevah“, was die Aschkenasim „Bima“ nennen, in der Mitte des Raumes. Der Fußboden ist dekoriert mit weißen und schwarzen Kieselsteinen, die senkrecht verlegt sind, wie man es als Bodenbelag auch an anderen Stellen der Altstadt antrifft. Eine Agraffe im Fußboden verlegt sticht ins Auge und gibt das Jahr des Synagogenbaus preis: Kislev 5338 (=1577). Die Frauenempore, die Mehitzah, ist erst in den 1930er Jahren errichtet worden. Vor dieser Zeit saßen die Frauen in einem Nebenraum an der Südseite des Gebetsraums. Der jüdische Friedhof befindet sich einige Kilometer außerhalb der Altstadt an der Straße nach Kalitheas.

Beim Gang durch die Gassen des ehemaligen Judenviertels von Rhodos-Stadt entdeckt man beim genauen Hinsehen eindrucksvolle Architekturelemente, die an eine traditionsreiche jüdische Geschichte erinnern. Markant ist ein prächtiger Torbogen der „Alliance Israelite Universelle“, eine philanthropischen Rothschild-Stiftung des Jahres 1904,  an der antiken Stadtmauer gelegen, hinter dem sich seinerzeit eine angesehene Bildungseinrichtung befand. Heute ist hier ein allgemeiner Kindergarten der Stadt Rhodos.

Das Kasino von Rhodos-Stadt ist ein vornehmer gesellschaftlicher Anziehungspunkt für Touristen mit genügend Spielgeld in der Tasche. Man pflegt nicht nur das Glücksspiel, sondern legt Wert auf eine ruhmreiche Vergangenheit. Es ist ein hoch renommiertes Haus, Treffpunkt der Wichtigen und Prominenten. Im Souterrain befindet sich das piekfeine Restaurant des Spielkasinos „Grande Albergo delle Rose“. Man sieht Fotos von Churchill, Makarios, Onassis. An den Wänden Stiche und Fotos aus der Geschichte der Insel. Ein Bild zeigt einen scherzenden Moshe Dayan in angeregtem Gespräch mit seinem ägyptischen Kontrahenten. Das Foto bezieht sich auf die Friedensgespräche zwischen Israel und seinen arabischen Kriegsgegnern im Unabhängigkeitskrieg des Jahres 1948. Im Januar 1949 begannen auf Rhodos die Waffenstillstandsverhandlungen. Im Hotel „De Roses“, wie das Gebäude damals hieß, saßen sich die Kriegsparteien gegenüber. Die Verhandlungen endeten am 24. Februar 1949 mit einem Abkommen, in dem festgelegt wurde, dass der am 3. April 1949 unterzeichnete Vertrag der Übergang zum dauernden Frieden sein sollte. Die Parteien verpflichteten sich überdies, zukünftig keine Waffengewalt mehr zur Lösung der zwischen ihnen bestehenden Konflikte anzuwenden. So standen die Dinge Anfang des Jahres 1949.

Markos Amgar ist ein freundlicher Mann. Er empfängt jeden neugierigen Besucher in der Synagoge persönlich, fragt nach der Herkunft der Gäste, parliert in englisch, hebräisch, französisch und in seiner Muttersprache griechisch. Mit seinen 27 Jahren strahlt er eine erstaunliche Geduld aus. Er gibt den Restauratoren und Arbeitern im Gebäude Anweisungen und packt auch selbst an. Seine Familie wohnt in Athen, hat eine Zeitlang in Israel gelebt. Jetzt leitet er das Restaurationsprojekt der Kahal-Shalom-Synagoge und hat es eilig damit. Am Freitag soll der erste Gottesdienst nach langer Zeit stattfinden. Heute wirkt er ein wenig hektisch, mehr Besucher als gewöhnlich haben sich eingestellt und wollen sich in den musealen Nebenräumen der Synagoge die Ausstellung erklären lassen und die Mikwe.

Im kleinen jüdischen Museum neben dem Synagogenraum sind Dokumente aus der Geschichte der Jüdischen Gemeinde zu sehen. Im Mittelpunkt der übersichtlichen Ausstellung sind Bilder aus der Zeit der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu sehen.

An diesem Tag ist Samuel Modiano im Hause und führt durch die Ausstellung. Er betätigt sich ehrenamtlich als Kustos des jüdischen Einrichtungen, erklärt den Besuchern Fotos und Exponate. Modiano, 1930 auf Rhodos geboren, sieht man seine 76 Jahre, von denen er einige in Belgisch-Kongo verbracht hat, nicht an, schon gar nicht seine leidvolle Lebensgeschichte, die vor 62 Jahren eine tragische Wendung nahm. Er hatte gerade seinen 14. Geburtstag gefeiert als die SS ihn mit seiner Familie und mehr als 1.600 Juden von Rhodos und weiteren 120 Juden der Insel Kos nach Auschwitz verschleppte – eins der düstersten Kapitel des Holocaust und eins der letzten. Fünfzehn seiner Familienmitglieder verlor Modiano in den Todeslagern der Nazis, er selbst erhielt auf Intervention des italienischen Staates eine Wiedergutmachung von 5.000 Dollar, ausgezahlt in Raten.

Die Juden auf Rhodos haben viele Herrscher Kommen und Gehen sehen: Ihre diasporische Geschichte begann im 3. Jahrhundert nach der Zeitrechnung mit der Vertreibung aus Palästina unter römischer Herrschaft, es folgte die byzantinische Zeit. Einschneidend war die Epoche der Kreuzritter, die Herrschaft der Johanniter, die von 1309 bis 1522 dauerte und deren Spuren das Bild der Stadt bis heute prägt. Die türkische Zeit dauerte bis 1912 und wurde im Jahre 1912 vom italienischen Intermezzo abgelöst, eine Zeit ohne Judenfeindschaft – bis 1936 das Pendel in Richtung Faschismus umschlug.

Im Juli 1944 kam Anton Burger, ein Mitarbeiter Eichmanns, nach Rhodos, um unter tätiger Mithilfe von Wehrmachtseinheiten die Deportation der Juden zu organisieren. Am 23. Juli 1944 mussten die rhodischen Juden, nachdem sie einige Tage zunächst in einem ehemaligen italienischen Camp hatten verbringen müssen, unter schikanösen Bedingungen eskortiert von etwa 20 SS-Männern mit aufgepflanzten Bajonetten, begleitet von Schäferhunden an der Leine und Wehrmachtssoldaten in einer langen Kolonne zum Hafen marschieren. Wer nicht schnell genug laufen konnte wurde mit Gewehrkolben angetrieben. Ihre Köpfe mussten sie auf den Boden gerichtet halten. Ununterbrochen schrillten Alarmsirenen, die Straßen waren menschenleer. „Wir wurden wie Tiere behandelt“, erinnert sich Modiano. Sie wurden geschlagen, getreten und mit dem Erschießen bedroht. Die Juden wurden ihrer gesamten Wertsachen beraubt, Schmuck, Geld, persönliche Gegenstände, sogar Proviant. Den verheirateten Frauen wurden die Eheringe vom Finger gerissen. All das packten die deutschen Soldaten in große Säcke und schleppten ihre Beute davon. Aber auch der Rest der Beute – Wäsche, Möbel, Glas, Bücher – tauschte die Wehrmacht bei der griechischen Bevölkerung gegen Versorgungsgüter, um, so Götz Alys These, ein neues Angebot auf dem Markt zu schaffen. Und mit dem Verschwinden der Juden verminderte sich die Kaufkraft. Beides stabilisierte die Währung und verbesserte die Versorgung der Besatzer. Mit dem Vermögen der Juden von Rhodos bezahlte die deutsche Garnison ein paar Monate ihre Rechnungen. Aly hat am Beispiel der Deportation der Juden von Rhodos seine These vom Massenraubmord begründet, der begangen wurde, um Hitlers Zustimmungsdiktatur zu verlängern.

Die Deportation war sorgfältig geplant, dass griechischerseits keine Unterstützung der Opfer möglich war. Eingepfercht auf drei kleinen Booten, die normalerweise als Kohlenschlepper benutzt wurden, ging es in einer schrecklichen acht Tage dauernden Schiffsfahrt zunächst nach Piräus. Nach einer dreitägigen Internierung im berüchtigten Athener Gefängnis Haidari wurden Männer und Frauen getrennt. Die Frauen wurden gezwungen sich auszuziehen und ihre Körper nach möglichem noch versteckten Schmuck abgesucht. Und dann rollten, nachdem man den Opfern auch noch die Goldzähne aus dem Mund gebrochen hatte, am 3. August 1944 die Viehwaggons dreizehn lange Tage in das 3000 Kilometer entfernte Auschwitz – ohne Wasser und Nahrung, wo der Transport am 16. August eintraf. Der größte Teil der Verschleppten wurde unmittelbar nach der Ankunft ins Gas gestoßen. 151 Personen, darunter 30 Männer, überlebten.

In diesem Sommer des Jahres 1944 hatte die Jüdische Gemeinde Rhodos zu existieren aufgehört. Und damit zugleich ein multi-religiöses und –kulturelles Leben zwischen Christen, Muslimen und Juden, das der Insel jahrhundertlang ein besonderes Gepräge geben hatte. Die rhodischen Juden mit ihren kaufmännischen und traditionell-handwerklichen Berufen hatten ihr sephardisches Erbe in die vorgefundene Kultur eingebracht. Erfolgreich waren sie vor allem als Weinbauern- und das hatte neben dem wirtschaftlichen vor allem einen religiösen Grund. Spanische Poesie wurde mit ottomanischer Musik kombiniert. Populäre Lieder, in Judeo-Spanisch vorgetragen, waren die erotischen „Koplas“, eine Mischung aus religiösen, moralischen und satirischen Lieder und Lamentationen.

Mit dem Mord an den rhodischen Juden wurde eine jüdische Tradition zerstört, die bis in die antike hellenistische Periode zurückreicht. Die jüdische Bevölkerung, der Staatsbürgerschaft nach Italiener, zählte im Jahre 1934 3.700 Menschen.

Während des Zweiten Weltkrieges, den Mussolini im Juni 1940 durch seinen Überfall nach Griechenland trug, waren auch die Italiener nicht gerade zimperlich. So wurde die berühmte Rabbiner-Schule auf Rhodos, in der außerdem Kantoren und Schächter ausgebildet wurden, geschlossen. Und erst als der antijüdische Gouverneur Cesare de Vecchi di Val Cismon, der sich die deutschen Rassegesetze zueigen gemacht hatte, durch Admiral Campioni ersetzt wurde, verbesserten sich die Lebensbedingungen der Juden. Die Einsicht und die Ablehnung des brutalen Vorgehens der Deutschen hatte die italienischen Militärs und Diplomaten veranlasst, möglichst vielen Juden zur Flucht in die italienisch besetzte Zone oder in andere Länder zu verhelfen. Bevor die Wehrmacht die Insel im September 1943 besetzte, konnten 1.300 Juden Rhodos verlassen, einige schlossen sich den Partisanen an, aber die Verbliebenen saßen in der Falle. Die ganze Tragik der Juden von Rhodos lag auch darin, dass die Deutschen im September 1944 Griechenland verließen – mit Ausnahme von Rhodos, Kreta und einigen anderen Inseln, wo sie sich erst im Mai 1945 ergaben. Der Krieg war längst verloren. Der Mord an den rhodischen Juden war sozusagen ein Holocaust nach dem Holocaust.

Der türkische Konsul Mehmet Selahadin Ülkmen rettete 42 jüdische Familien, denen er gegen geltendes türkisches Recht Pässe ausstellte, selbst Menschen, die keinerlei Verbindung zur Türkei hatten. Mehr als 200 Juden bewahrte er vor dem Weg in die Gaskammer. Als Vergeltung sprengten die Deutschen später sein Haus in Rhodos, wobei seine Frau ums Leben kam. Ihm gebührt, seines selbstlosen menschlichen Verhaltens wegen, ein ganzes Kapitel. Israel ehrte den 2003 Verstorbenen ehemaligen Diplomaten mit einer Briefmarke, Yad Vashem im Jahre 1990 mit dem Titel „Gerechter unter den Völkern“. Der Mufti von Rhodos verwahrte die Thora-Rollen aus der Synagoge bis zum Ende des Krieges.

In das Gespräch mit Samuel Modiano mischt sich resolut eine ältere Dame ein, die sich ebenfalls als Shoah-Überlebende aus Rhodos zu erkennen gibt. Mit dem Stolz einer Frau, die sich nicht unterkriegen lässt, zeigt sie ihren linken Unterarm mit der tätowierten Häftlingsnummer. Sie deutet auf ein Foto aus den 1930er Jahren, dass sie als junges Mädchen zeigt. Damals hieß sie Rachel Hougnou. Jetzt ist sie 81 Jahre, lebt in der zimbabwischen Hauptstadt Harare, wo sich der Rassismus ins genaue Gegenteil verkehrt hat, und besucht zum ersten Mal nach ihrer Befreiung vor 61 Jahren ihren Geburtsort Rhodos. In ihrer Begleitung ihr Sohn Aaron Hanan, der in Johannesburg lebt, der angesichts der Vertreibungspolitik von Präsident Mugabe bedauert, dass seine Mutter Zimbabwe nicht längst verlassen hat.  „Ich bin vom Regen in die Traufe gekommen“, schüttelt Rachel Hougnou den Kopf, „die Nazis habe ich überlebt, jetzt erlebe ich einen neuen Rassismus“. Das Mugabe-Regime hat sich seit langem vom Rassismus der Weißen emanzipiert und praktiziert seinerseits Rassismus, der ganz offensichtlich keiner weißen Hautfarbe bedarf.

Gefragt, wie das griechisch-türkische Verhältnis heute sei, antwortet Carmen Cohen, zuständig für die Gemeindeverwaltung vielsagend: „Die Griechen sind gegen die Juden, aber sie wissen nicht warum“. Die Griechen im Allgemeinen und die Rhodier im Besonderen scheinen nicht frei von Xenophobien. Carmen Cohen, ihr Vorname ist eine Referenz an das spanische Judentum, zuckt auf die Frage nach der Zukunft der Jüdischen Gemeinde auf Rhodos nur hilflos die Schultern und gibt die Frage unbeantwortet zurück. Antisemitismus in Griechenland sei marginal, man möge Israel hier nicht sonderlich, die Sympathien gelten eher den Palästinensern. Und auf Rhodos?  Nein, Antisemitismus gäbe es hier nicht, aber: „Ab und zu Ignoranz“.

Während der Restaurator bis kurz vor dem Gottesdienst mit Hilfe einer Schablone die letzten Details der floralen Vignetten auf der Synagogenwand nachbessert, die schützende Folie von der Bima entfernt wird, die Kronleuchter angezündet sind, erstrahlt das renovierte Gotteshaus in neuem Glanz und widerlegt eindrucksvoll die ignorante Bemerkung im Baedeker, die Synagoge sei nicht von „kunsthistorischem Wert“, sondern allenfalls ein Mahnmal der jüdischen Geschichte. Ein Körnchen Wahrheit steckt insofern in diesem Satz, als die Jüdische Gemeinde Rhodos im Jahre 2002 aus Spendenmitteln einen schwarzen Granitmonolith in Form eines Hexagramms für die Shoah-Opfer hat errichten lassen: „In ewiger Erinnerung an die 1604 jüdischen Märtyrer von Rhodos und Kos, die in Nazi-Todeslagern ermordet wurden“ ist in sechs Sprachen eingemeißelt – griechisch, hebräisch, französisch, englisch, italienisch und spanisch. Eine Referenz an die Sprachen, die von den Juden auf Rhodos gesprochen wurden. Ladino fehlt. Auch die Sprache der Mörder fehlt. Das Tuch, dass das Mahnmal bis zur offiziellen Einweihung bedeckte, war noch nicht gelüftet, als Gegner des Mahnmals bereits die Gravuren zerstörten und damit ihre Ablehnung dokumentierten. Der Gedenkstein, der wegen befürchteter Schändungen nur nachts gebaut wurde, steht an zentraler Stelle, in der Mitte des ehemaligen jüdischen Viertels, dem heutigen touristischen Mittelpunkt der Stadt mit einem markanten Brunnen. Der Name des Platzes ist „Evreon Martyrion Square“ („Platz der jüdischen Märtyrer“). Die Händler der umliegenden Plaka hatten vehement gegen die Errichtung des Mahnmals protestiert, weil sie um ihre Geschäfte fürchteten – und annahmen, der Gedenkstein sei mit griechischen Geldern errichtet worden. Carmen Cohen bedauert, dass die lokalen Behörden sich zu wenig mit diesem Aspekt der Inselgeschichte identifizieren.

Gottesdienste sind in der Synagoge heute nur noch dann möglich, wenn genügend Urlauber oder frühere Einwohner und ihre Familien die Insel besuchen und sich zum Freitagabend-Gottesdienst, den Hohen Feiertagen oder besonderen Anlässen zusammenfinden. An diesem ersten Freitagabend nach einer mehr als zweijährigen Renovierungsperiode, soll ein Kabbalat Schabbat stattfinden. Jüdische Frauen sind an diesem schwülen Juli-Abend, in dem der Farbgeruch noch im Gebäude steht, zahlreich erschienen. Doch bis zum Schabbateingang haben sich lediglich acht Männer eingefunden. Kein Minjan, kein Gottesdienst. Doch bald macht die Botschaft die Runde, die fehlenden zwei erwachsenen Männer seien auf dem Weg zur Synagoge.

Während des Gottesdienstes liegt eine besondere Stimmung im Raum. Am kakophonischen Gesang der beiden im Duett singenden Vorbetern kann es nicht liegen. Es ist, als wehe mit dem angenehmen kühlenden Luftzug, der durch das Hauptportal sanft durch die Synagoge streicht, eine Art fröhlich-heilige Feierlichkeit. Nach dem schlichten Kiddusch herrscht ein babylonisches Stimmenwirrwarr in der Synagoge. Ehemalige Gemeindemitglieder aus Rhodos, verstreut über die Welt lebend, lachen, sprechen, umarmen einander. Italienisch, griechisch, englisch, deutsch, spaniolisch, es geht laut durcheinander, man verständigt sich. „Wir sind die Enkelgeneration“, beantwortet einer der Gottesdienstteilnehmer, der in Belgien wohnt, die Frage nach der Herkunft und prophezeit zugleich, immer wieder nach Rhodos zurückzukommen und die Gemeinde zu unterstützen.

Auch wenn es Schwierigkeiten gibt, einen Minjan zustande zu bringen, irgendwie geht das jüdische Leben in Rhodos weiter – auch ohne ansässige Juden. Im letzten Jahr gab es drei jüdische Hochzeiten und eine Barmitzwa, in diesem Jahr eine weitere. Es sind die emotionalen Bindungen, die von den Juden von Rhodos auf die nachfolgenden Generation übergegangen und stark ausgeprägt sind. So existiert also die Jüdische Gemeinde durch die Nachfahren ehemaliger Rhodier weiter, auch wenn diese längst im Kongo, in Südafrika, Zimbabwe, den USA, Belgien, Frankreich Italien oder Israel leben – und dem bescheidenen Grundstück, was ihr geblieben ist.

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2 Kommentare to “Juden auf Rhodos früher und heute”

  1. Griechenland auf den Spuren des Judentums meint:
    21.November 2012 at 23:08

    [...] Ausführliche Infos zum Judentum auf Rhodos in Geschichte und Gegenwart: http://www.klaus-boetig.de/juden-auf-rhodos-fruher-und-heute/ [...]

  2. Elena Tarantul meint:
    29.April 2013 at 16:29

    Danke,danke Ihnen !

Kommentare

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