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Karwoche und Ostern in Griechenland und auf Zypern

Von Klaus Bötig | 18.April 2014

Ostern steht vor der orthodoxen Tür. Es ist das Fest der Auferstehung Christi. Eine andere Auferstehung ist ihr vorausgegangen: Die Erweckung des Lazarus am zweiten Samstag vor Ostern. Als Lazarus-Samstag tritt er allgemein nur im Gottesdienst in Erscheinung. Nur in Larnaca auf Zypern macht man mehr daraus, trägt die Ikone des Heiligen in feierlicher Prozession durch die Stadt. Sie zeigt wie fast jede Lazarus-Ikone allen Zweiflern mit einer kleinen Geste einer Randfigur deutlich, das Jesus ihn wirklich von den Toten auferweckt hat: Als Lazarus den Totentüchern entsteigt, hält sich ein Mann die Nase zu. Lazarus hatte tatsächlich schon „zu stinken“ begonnen! Dass die Prozession ausgerechnet in Larnaca stattfindet, hat seine Gründe. Der aus dem Totenreich Zurückgekehrte verließ bald das Heilige Land und schiffte sich nach Zypern ein, wo er der Legende nach sogar zum ersten Bischof aufstieg. In Larnaca verehrt man seine Schädelreliquie.

 Von Palmsonntag bis Karfreitag

 Mit dem letzten Sonntag vor Ostern, dem Palmsonntag, beginnt die Karwoche. Die in den Kirchen ausliegende Ikone zeigt, worum es geht: Christi Einzug in Jerusalem. Kinder sind vor dem Stadttor in die Palmen geklettert, schneiden Zweige, breiten sie vor dem weißen Esel aus, auf dem der Gottessohn sitzt: eine Ehre, wie sie Kaisern zusteht. Die Gläubigen nehmen an diesem Tag vielerorts Palm- oder Olivenbaumzweige mit in die Kirche, wo sie gesegnet werden. Oft nimmt man sie gleich anschließend mit nach Hause, damit sie dem eigenen Heim Segen bringen. In manchen Kirchen lässt man sie aber auch erst einmal 40 Tage lang, in mit Namensschildern der Eigentümer versehenen Säcken stehen: so zum Beispiel in der Kirche St. Hilarion in Peristerona auf Zypern, wo sie den Narthex fast wie ein Sacklager erscheinen lassen.

An den folgenden Tagen lässt der Abendgottesdienst die Ereignisse des jeweiligen Tages in den letzten Tagen vor der Kreuzigung lebendig werden. Fast überall wird dann am Morgen des Karfreitags das symbolische Grab Christi von Mädchen und Frauen über und über mit frischen Blumen bedeckt. Heutzutage kauft man sie meist. Auf dem Lande ziehen die Familien aber auch frühmorgens zunächst in die Wälder und auf die Felder, um frische Blumen zu pflücken, so etwa in Xino Nero südöstlich von Florina.

Die Karfreitagsprozessionen, bei denen der Epitaphios, also das zumeist kunstvoll bestickte Grabtuch, in Begleitung von Priestern, Polizei, Militär, Pfadfindern, Feuerwehr, örtlichen Honoratioren und viel Volk durch die Gassen des Pfarrbezirks getragen wird, beginnt zumeist nach dem Ende des Karfreitagsgottesdienstes gegen 21 Uhr. In Großstädten treten der Vielzahl der Kirchen und Prozessionen wegen oft regelrechte Prozessionsfahrpläne in Kraft.

In der Stadt Korfu zum Beispiel müssen 32 Prozessionen unter einen Hut gebracht werden. Sie starten zwischen 14 und 22 Uhr in dichtem Abstand – und auf dieser in Musik vernarrten Insel fast immer in Begleitung eines Blasorchesters. In Paphos auf Zypern steht (westlicher) Gesang hoch im Kurs. Da ziehen fast zeitgleich gegen 21 Uhr zwei Prozessionen von zwei Kirchen los und vereinigen  sich am Stadtpark vor den festlich angestrahlten klassizistischen Bauten aus der englischen Kolonialzeit für ein Viertelstündchen, um kunstvollen Chorgesängen zu lauschen.

Die eindrucksvollsten Nächte von Karfreitag auf Karsamstag habe ich in den beiden rhodischen Kleinstädten Archangelos und Afandou erlebt. Hier finden die Prozessionen erst mitten in der Nacht statt. In Archangelos ist die Hauptkirche in dieser Nacht bis in die Morgenstunden hinein von Menschen bevölkert, die auf Decken lagern und dumpf singend die Totenwache am Grab Christi halten wollen – ein wahrhaft archaisches Bild!

Ostersamstag

Der Morgen des Ostersamstags gehört fast überall wie bei uns der Vormittag des Heiligabends den letzten Einkäufen. Die Kinder müssen schick herausgeputzt, Kerzen mit Walt Disney-Figuren für sie besorgt werden. Nur auf Korfu ist das etwas anders. Da wird der Tag in der Kirche der Panagia ton Xenon mit einer Art liturgischen Hörspiels eingeleitet, das das in der Bibel erwähnte Erdbeben in Erinnerung bringt. Um 9 Uhr beginnt dann eine der größten Prozessionen des Landes, bei der die Reliquie des Inselheiligen Spyridon durch die Straßen getragen wird, weil er am Ostersamstag 1550 die Korfioten von einer Hungersnot erlöste. Nach der 11-Uhr-Messe füllen sich die Balkons der alten venezianischen , oft fünfgeschossigen Wohnhäuser in der Altstadt mit Menschen. Rote Tücher hängen über den Balkongittern, von den Balkonen werden hüfthohe, mit Wasser gefüllte Tongefäße (Pithoi) auf die Straßen und Plätze geworfen, wo sie mit lautem Getöse zerschellen.

Der Nachmittag des Ostersamstags dient allerorts letzten Vorbereitungen auf das Fest und einer kleinen Siesta. Griechenlands Straßen sind wie ausgestorben. Die Hausfrauen stellen die Ostersuppe Margiritsa auf den Herd, färben Eier blutrot. Vor allem auf den Inseln des Dodekanes wird das Osterlamm für den Backofen vorbereitet, in dem es die ganze Nacht über langsam garen soll. In den großen Hotels insbesondere auf Zypern werden kleine Schaukästen mit lebenden Küken in der Lobby aufgestellt.

Osternacht

Gegen 23 Uhr beginnt die Ostermesse, der Auferstehungsgottesdienst. Man kann ihn recht unterschiedlich erleben. Pompös wie in einer Fernsehshow in und vor den erzbischöflichen Kathedralen: der Mitropolis in Athen oder Agios Ioannis in der Altstadt von Nicosia. Da sind fast immer der Erzbischof und andere hohe kirchliche Würdenträger, Staats- oder Ministerpräsident und Teile des Kabinetts sowie allerlei Prominenz aus dem zweiten Glied anwesend. Helle Scheinwerfer zerstören die österliche Atmosphäre fernsehgerecht durch gleißendes Licht und übertragen den >Event< landesweit. In vielen neuen, städtischen Kirchen wird man das Gefühl nicht los, dass die Osterliturgie nur lästiges Vorspiel fürs Familienfest ist. Besonders eindrucksvoll habe ich die Ostermesse bisher der maritimen und historischen Kulisse wegen vor der Bischofskirche Evangelismos am Mandraki-Hafen der Stadt Rhodos erlebt. Klöster können ein wundervoller Ort für die Teilnahme an der Liturgie sein, müssen es aber nicht: Im Kloster Chrissoroyiatissa bei Panagia, dem Geburtsort des Erzbischofs Makarios III auf Zypern, war ich mit drei Klerikern allein im Gotteshaus, während die Dorfbevölkerung sich in ihrer Dorfkirche versammelte. Aber auf Zypern habe ich auch meine schönsten Osternächte erlebt: im Kloster Agios Neophytos bei Paphos.

Hier ist die große Klosterkirche viel zu klein, um alle Gläubigen aufnehmen zu können. Wer drinnen keinen Platz gefunden hat, harrt auf dem von Arkaden gesäumten Klosterhof  auf das >Kalos Logos<, das Gute Wort, die Verkündung der Auferstehung. Hier mag man noch die Spannung nachempfinden, die in naturwissenschaftlich weniger gebildeten Zeiten das Volk in der Osternacht erfasste: Steht Christus auch dieses Jahr wieder auf, bringt er Leben und Fruchtbarkeit auf die Erde zurück, erneuert er sein Versprechen, auch uns vom Tod zu erlösen? Ostern ist ja eigentlich keine Erinnerung an ein historisches Ereignis, sondern ein alljährlich sich neu vollziehendes Ereignis – so, wie man in der Antike auf die Rückkehr Persephones aus der Unterwelt wartete…

In diese Unterwelt steigt laut 1. Petrusbrief im Neuen Testament auch Christus nach seiner Auferstehung hinab. Albrecht Dürer hat das Ereignis noch in Holzschnitten dargestellt; inzwischen ist es für das westliche Osterverständnis völlig bedeutungslos. In der orthodoxen Kirche aber ist Christi Abstieg in die Unterwelt und seine Auseinandersetzung mit deren Verwalter, Hades, das zentrale Ereignis. Es ist Thema der ostkirchlichen Osterikone, die in dieser Zeit auf jedem Ikonenpult ausliegt. Im Kloster des hl. Neophytos bei Paphos auf Zypern geht man im wahrsten Sinne des Wortes noch einen Schritt weiter: Im Anschluss an die Verkündung Christi Auferstehung (Christos anesti) auf dem Innenhof des Klosters vollzieht sich eine Art Mysterienspiel. Ein Mönch ist in der inzwischen menschenleeren Kirche geblieben, hat das Hauptportal verschlossen, nimmt die Rolle des Hades an, des Verwalters der Totenwelt. Der Abt oder ein anderer Mönch wird zu Christus. Er klopft dreimal kräftig an die Kirchentür, die zum Portal der Unterwelt geworden ist, und befiehlt, es zu öffnen. Hades fragt, wer er sei, und weigert sich, dem Befehl nachzukommen. Nun bricht Christus gewaltsam die Höllentür auf. Bei diesem ganzen, auf Englisch so treffend >Re-enactment< genannten Spiel folgt man genau der Beschreibung des apokryphen Nikodemus-Evangeliums, dessen Schilderung auch der Inhalt der Oster-Ikone zu Grunde liegt.

Ostersonntag und –montag

Nach der Verkündigung der Auferstehung und dem Entzünden der mitgebrachten Kerzen  strömt das Volk nach Hause, wartet meist das Ende des Gottesdienstes gar nicht ab. Das Ziel ist erreicht, das Erlösungsversprechen erneuert. Grund zu feiern! Auf Kalymnos und in anderen Fischerorten wird sorgfältig gehütetes Dynamit entzündet (ein großes Kreuz über dem Hafen von Pothia auf Kalymnos erinnert an die letzten Opfer), anderswo begnügt man sich mit käuflich erworbenen Knallkörpern und Raketen. Besonders heiß geht es in Mykonos her: Da macht man sich einen Spaß daraus, die Knallkörper in die vor Menschenmengen kaum noch passierbaren Gassen zu werfen. Zuhause oder in Tavernen wird die Ostersuppe serviert. Man stösst rote Eier aneinander: Das Rot symbolisiert das Blut Christi, durch dessen Blutopfer wir durch das Zerstossen der Eierschale, das an Christi gewaltsames Eindringen ins Totenreich erinnern soll, zum vom Eidotter symbolisierten Ewigen Leben vorstossen.

Lamm oder Zicklein gehören am Ostersonntag auf jeden Teller. In weiten Landesteilen hat es sich zuvor stundenlang am Spieß gedreht, auf den Inseln des Dodekanes hat es die Nacht im Lehmbackofen verbracht. Der Tag gehört der Familie – und in manchen Orten Zyperns auch naiven Spielen, an denen das ganze Dorf teilnimmt. Besonders spielfreudig gibt man sich im Bezirk Paphos. Das Niveau erinnert an das einstige TV-Spektakel >Spiel ohne Grenzen<: Sackhüpfen und Eierlaufen gehören zu den Standarddisziplinen. In Kissonerya trägt man die Wettkämpfe am Nachmittag des Ostersonntags im Stadion aus, im kleinen Dorf Kannaviou zwischen Paphos und Panagia auf der Hauptstraße. Da gehörte bisher auch immer ein lustiges Eselsrennen zum Programm – das vielleicht demnächst durch ein Mopedrennen ersetzt werden muss…

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