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Schnellkurs: Ikonen und Wandmalereien endlich verstehen!

Man muss nicht fromm sein, um in griechische Kirchen zu gehen. Die meisten von ihnen gleichen nämlich Bilderbüchern, erzählen bunte Geschichten. Und die können ganz schön spannend sein, wenn man sie zu deuten versteht. Wer mehr als nur Unterhaltung sucht, erfährt auch viel über die christliche Glaubensgeschichte und die griechische Orthodoxie – und wird bald so manche Eigenarten Griechenlands und der Griechen besser verstehen.

Dieser Schnellkurs erschien zuerst im “Griechenland Journal 2017″. Dort ist er auch reich bebildert, so dass klarer wird, wie die einzelnen hier beschriebenen Ikonen und Wandmalereien aussehen.  Das Magazin kann im Shop auf www.griechenland.net als pdf zum Preis von 5,20 Euro erworben werden.

Warum sehen alle frommen Bilder irgendwie gleich aus?

Spätestens nach dem dritten Gotteshaus oder dem zweiten Ikonenmuseum haben auch viele langjährige Griechenland-Fans die Nase von frommen Bildern voll. Sie scheinen sich ja alle zu gleichen. Und in der Tat: Orthodoxe Sakralmaler nehmen sich nicht die Freiheit, die ja angeblich ewig gültigen Wahrheiten der Bibel neu zu interpretieren, wie das ein Leonardo, Michelangelo oder Tintoretto taten. Sie müssen sich an einen strengen Kanon halten, der sich in der mittelbyzantinischen Zeit nach heftigen theologischen Diskussionen entwickelte. Dem vorausgegangen war der Ikonoklasmos, ein über 100-jähriger Bürgerkrieg (826-943), in dem sich Christen gegenseitig die Köpfe einschlugen wegen der Frage, ob Ikonen und Wandmalereien gottgefällig sind oder nicht. Am Ende siegten die >Bilderfreunde<.

Warum sind alle Bilder beschriftet?

Im Bilderstreit hatten die Bilderfeinde ein gewichtiges Argument auf ihrer Seite: Das von Gott in den Zehn Geboten selbst ausgesprochene Verbot, sich ein Bildnis von ihm zu machen. Das Gegenargument der Bilderfreunde war Jesus Christus: Mit der Entsendung seines eigenen Sohns auf die Erde hatte Gottvater ja quasi den Menschen ein Bildnis seiner selbst geschickt und damit das Bilderverbot aufgehoben. Damit war das Bildergebot quasi aufgehoben. Um deutlich zu machen, dass Altes und Neues Testament sich nicht widersprechen, wird die Beschriftung eingeführt: Die Buchstaben stehen für das AT (das ja mit “Am Anfang war das Wort” beginnt), die Malerei dann für das NT.

Wie kann ich bestimmte Personen erkennen?

Wenn Sie die griechische Kirchenschrift entziffern können, ist es ganz einfach: Der Name steht immer dabei, meist auf Kopfhöhe. Fehlen Heiligenschein und Name, handelt es sich fast immer nicht um Heilige, sondern um Nebenfiguren. Jesus erkennen Sie oft in jeder Altersstufe – und sogar schon als Embryo (siehe unten) – daran, dass in seinem Nimbus die drei Kreuzbalken dargestellt sind und dazwischen die drei Buchstaben Omikron, Omega und Ny stehen: Dieses “O On” bedeutet >Der ewig Seiende<. Im Heiligenschein des selten dargestellten Gottvaters stehen ebenfalls diese drei Buchstaben, außerdem ist sein Nimbus manchmal nicht rund, sondern dreieckig. Das wiederum ist schon ein Hinweis auf die Heilige Dreifaltigkeit.

Welche Geschichten werden erzählt?

Hauptthemen sind die großen Ereignisse der Heilsgeschichte, auch >Die zwölf Feste <genannt. Sie beginnen mit Mariä Verkündigung und der Geburt und enden mit Kreuzigung, Christi Höllenfahrt und Pfingsten. Sehr häufig zu finden sind auch der Tod Mariens und Darstellungen des Jüngsten Gerichts einschließlich Darstellungen vom Paradies und von den Höllenstrafen. Von den alttestamentarischen Themen sind die Schöpfungsgeschichte und das Opfer Abrahams am häufigsten in Kirchen zu finden. Für die Erzählungen sind die Bibel nicht die einzige Quelle. Für die Kirchenmaler sind auch die apokryphen, also nicht in die Bibel aufgenommenen Evangelien und die von den Kirchenvätern des Frühchristentums verfassten liturgischen Gesänge eine legitime Erzählbasis.

Beispiel: Jesu Geburt

Weihnachten ist in griechischen Kirchen kein Fest für Sozialromantiker, sondern ein folgenreiches Geschehen mit unendlichen Zukunftsperspektiven. Im Zentrum der Weihnachtsikone liegt Maria vor einer Höhle (nicht im Stall) auf einem weichen Tuch. Neben ihr liegt auf einer Art Altar (nicht Krippe) das in Windeln gewickelte Jesuskind. Am Altar stehen Ochs und Esel. Im oberen linken Bildteil frohlocken die Engel, während einer sich nach rechts abgesondert hat, um den Hirten die frohe Botschaft zu verkünden. Im linken mittleren Bildteil sind unter den Engeln die drei Magier aus dem Morgenland dargestellt: Sie folgen dem Stern. Im unteren Bildteil sitzt rechts Joseph >als Statist beim Weihnachtsgeschehen< nachdenklich in einer Ecke. Vor ihm steht ein alter Mann (als Satan zu interpretieren), der ihn vielleicht gerade mit der Frage provoziert, ob er denn wirklich glaube, was Maria ihm von „göttlicher Empfängnis“ erzählt habe. In der anderen Bildecke baden die Hebamme Zeloni und ihre Freundin Salomi das Neugeborene, denn es hat ja den natürlichen Geburtskanal passiert.

Die zentrale Aussage dieses Bildes ist die wirkliche Menschwerdung Gottes, >geboren von einem Weibe<. Darum liegt Maria auf dem Bett, sie hat ja schwere Frauenarbeit geleistet. Auch das Baden des auf natürliche Weise geborenen Kindes bekräftigt diese Aussage. Die Höhle als Schauplatz des Geschehens ist von mehrfacher Bedeutung. Sie verweist auf die Unterwelt, das Totenreich, den antiken Hades. Seine Macht wird Jesus durch seine Auferstehung brechen. Die Geburt in der Höhle verweist also auf die Überwindung des Todes durch diese Geburt. Das Kind auf dem Altar verweist auf das heilige Abendmahl, bei dem Brot und Wein auf dem Altar in Leib und Blut Christi verwandelt werden, die dem Menschen das ewige Leben schenken. Jesu universaler Anspruch als Herr aller Menschen wird durch Ochs und Esel repräsentiert. Sie vermitteln nicht ländlichen Stallgeruch, sondern stehen als Sinnbild für Judentum und Heidentum. Ebenso stehen die Hirten für das Judentum, die drei Magier aus dem Morgenland für das Heidentum. Sie sind ja weise Sternendeuter und Zauberer. Dass sie kommen bedeutet, dass diese Mächtigen über die Sinne der Heiden die Überwindung der heidnischen Kulte durch diese Geburt anerkennen.

Beispiel: Christi Höllenfahrt

Ostern ist in der gesamten Christenheit das Fest Christi Auferstehung von den Toten. Das zentrale Bild im Westen ist dafür die Szene, wie Jesus seinem Grab entsteigt. In der Ostkirche ist ein anderes Motiv viel wichtiger: Christi Abstieg in die Unterwelt. Er wird zwar im Neuen Testament nur im Petrusbrief angedeutet, ist aber für die Menschen bedeutender als die ja erst einmal nur für Jesus selbst erfreuliche Tatsache, dass er auferweckt wurde.

Christus steigt, von einer Aureole umgeben und von einem Nimbus bekrönt, in die Unterwelt hinab. Er dringt gewaltsam in das Reich des Hades ein, wie die herumliegenden, aufgebrochenen Türschlösser, die Nägel und Beschläge beweisen. Er steht auf den herausgebrochenen Pforten der Unterwelt, die kreuzförmig auf dem Boden liegen und so die Erlösung der Menschen durch den Kreuzestod Christi andeuten. Als erstem reicht Christus dem Stammvater der Menschheit, Adam, die Hand und zieht ihn aus seinem Sarkophag hervor. Hinter Adam stehen wartend ganz vorn Eva und dann ebenso wie auf der anderen Seite zahlreiche Heilige, darunter auch zwei alttestamentarische Könige. Die Aussage für den Gläubigen ist eindeutig: Dass auch er das ewige Leben erlangen kann.

Gibt es auch außergewöhnliche oder sehr seltene Motive?

Wer sich für Ikonen und Wandmalereien zu begeistern beginnt, freut sich besonders über die Entdeckung seltener Motive. Die gibt es durchaus. Zum Beispiel die Darstellung des hl. Christophorus mit Hunde- statt Menschenkopf. Man findet sie als Fresko u.a. an der rechten Seitenwand der Marienkirche von Lindos auf Rhodos und als Ikone im Byzantinischen Museum von Athen. Wie er zu seinem Hundekopf kam, erzählen Legenden. Nach einer von ihnen war  der  frühe Christ Christophorus so schön, dass es ihm die Frauen schwer machten, keusch zu bleiben. Er bat Gott um Hilfe – und der tauschte seinen Kopf aus. Historiker erklären das Motiv anders: Auch Ägypter gehörten ja zu den frühen Christen und waren Götter mit Tierköpfen gewohnt. Als Ersatz erhielten sie von der neuen Religion den Heiligen mit Hundekopf.

Ein relativ seltenes Motiv ist auch die Maria lactans, die stillende Gottesmutter. Die >Panagia galaktotrophoussa< (mit Milch Nährende) ist anders als in der westlichen Malerei der Gotik und Renaissance nie eine schöne Frau mit prallen Brüsten. Ihre zumeist sehr winzige Brust schaut nur verschämt aus dem Gewand heraus und das oft nicht einmal an der richtigen Stelle, sondern dicht unter der Schulter oder nahe dem Nabel. Dem Orthodoxen Sakralmaler kommt es nicht darauf an, die Natur abzubilden, sondern darauf, Glaubensgrundsätze zu verkünden: Indem Maria Jesus stillt, zeigt sie , dass mit ihm Gott als Mensch geboren wurde, der ganz natürliche Bedürfnisse hatte.

Warum können Ikonen Wunder wirken?

In vielen Kirchen fallen Ikonen auf, die besonders aufwendig geschmückt sind. Votivtäfelchen hängen an ihnen, manchmal auch Ringe, Uhren und andere Dankesgaben. Einige dieser Ikonen haben nur regionale Bedeutung, andere – wie die Marienikone von Tinos – locken jährlich Tausende von Wallfahrern aus der ganzen orthodoxen Welt an. Diese geschmückten Ikonen gelten als wundertätig, von ihnen erhofft man sich die Erhörung seiner Gebete. Und das darum, weil in diesen Ikonen Maria und der dargestellte Heilige auf unerklärliche Weise präsent sind. Sie werden verehrt, nicht das Werk aus Leinwand, Holz und Farbe. Ohnehin ist es ja die Aufgabe aller Ikonen und Wandmalereien, auf metaphysische Weise den Himmel auf die Erde zu holen – Kirchen sind nichts anderes als Botschaften jener anderen Welt in der unseren.

Gibt es berühmte Ikonenmaler und Stilunterschiede?

Vor allem westliche Kunstwissenschaftler haben immer wieder versucht, bestimmte Stile und Epochen der orthodoxen Sakralkunst zu definieren. Den Gläubigen interessiert das wenig: Eine neu gemalte Ikone ist für ihn ebenso wertvoll wie eine Jahrhunderte alte. Manchmal sieht man in Kirchen sogar 3-D-Postkarten auf dem Ikonostas, die von den Kirchgängern genauso geküsst werden traditionelle Heiligenbilder. Und für orthodoxe Sakralmaler war es weithin unüblich, ihre Werke zu signieren: Gott führte ihnen ja die Hand. Einige Ausnahmen gab es allerdings – vor allem in den Teilen Griechenlands, die unter der Herrschaft Venedigs standen Da entwickelte sich zunächst der >kretische Stil< und dann sogar der >ionische Stil<.  Die Werke des kretischen Stils zeichnen sich durch Figurenreichtum, Individualisierung selbst der Randfiguren und viel expressive Bewegtheit aus. Die theologischen Aussagen des Motivs werden aber wie in klassischen Ikonen beibehalten. Im Ionischen Stil des 18. und 19. Jh. ist das anders: Da gleichen sich die Sakralbilder westlichen Vorbildern an, Häufig fehlen die Heiligenscheine und manchmal sogar die Beschriftung, die die Ikone ja erst zur Ikone macht.

Beispiel: Heilige Drei Könige

Der berühmteste aller namentlich bekannten griechischen Ikonenmaler ist wohl der Kreter Michail Damaskinos. 1580/81 malte er die >Anbetung der heiligen drei Könige<, die heute im Byzantinischen Museum von Iraklio auf Kreta zu sehen ist. Anders als in der westlichen Renaissance ist die Szene nicht in eine liebliche Landschaft eingebunden, sondern vor einen Goldhintergrund platziert, der sie der profanen Wirklichkeit entrückt. Nur ein byzantinisch-nackter Felsen ragt aus der Bildmitte auf, steht für raue Natur. Engel schweben von oben herab. Rechts klassisch byzantinisch: Mit Heiligenschein, verhüllten Körpern und in Verehrung kniend. Links zeigen sie westlich verweltlicht nackte Arme und sogar ein nacktes Bein, tänzeln mit bewegten Armen durch die Luft, entbehren des Heiligenscheins. Zwischen diesen Engeln und dem Fels sind drei Dromedare geparkt, gestriegelt und mit rotem Zaumzeug geschmückt. Im Stall, der hier eher einem prächtigen Tempel gleicht, steht nur ein Ochse, der Esel fehlt. Das Tier ist nur Dekoration, während Ochs und Esel in der klassisch-byzantinischen Geburtshöhle symbolisch für Heidentum und Judentum stehen, die beide das neugeborene Kind als ihren Herrn anerkennen.

Im linken unteren Bildviertel  bringen die heiligen drei Könige dem Kind ihre Gaben dar.

Auch bei ihnen geht Damaskínos einen Kompromiss ein. Für die Ostkirche sind  die drei ja keine Könige, sondern zauberkundige Magier aus dem Orient. Obwohl Heiden, haben Sie den Stern richtig zu deuten gewusst. Damaskínos zeigt nur einen mit Krone, eine zweiten mit Turban, einen dritten kahlköpfig.

Maria, Joseph und Jesus sind durch ihren rot-goldenen Nimbus deutlich von allen anderen Figuren des Bildes unterschieden. Doch auch hier geht der Maler wieder einen Kompromiss ein: Im Nimbus des Kindes fehlen das Kreuzeszeichen und die Buchstaben O ON, die in byzantinischen Darstellungen Jesus als Mensch gewordenem Gott gebühren.

Noch deutlicher als die Details wird der Einfluss der über Venedig vermittelten Renaissance-Malerei auf kretische Ikonenmaler in der Gesamtkomposition deutlich. Der Maler verwendet die für klassische Ikonen völlig unbrauchbare Zentralperspektive und stellt eine Figurenvielfalt zur Schau, die der klassischen Ikonen völlig fremd ist, da sie vom eigentlichen, theologisch bedeutsamen Geschehen nur ablenkt. Hier aber widmet sich der Betrachter gern jeder einzelnen Nebengestalt, denn alle sind äußerst unterschiedlich dargestellt. Jeder hat einen anderen Gesichtsausdruck, eine andere Körperhaltung, alle sind unterschiedlich gekleidet. Sogar die Pferde sind noch Individuen.

Wer eine eher klassische Darstellung des gleichen Themas sehen will, geht in Iraklio in die große Kirche des hl. Minas, die im 20. Jh. im traditionellen Stil ausgemalt wurde. Da ist die Figurenzahl stark reduziert: auf die heilige Familie, einen Hirten, vier Engel und die heiligen drei Könige. Die allerdings sind gleich zweimal zu sehen: Einmal Geschenke übergebend, dann wieder zu Pferde auf dem Heimweg. Warum? Auch dafür gibt es eine theologische Begründung – die Beschäftigung mit den Hintergründen der orthodoxen Sakralmalerei kann halt zum lebenslangen Hobby werden.