Griechenland Reisen

Blog Suche


Griechenland Artikel

Griechenland Themen

Griechenland Archive

Tilos – Die Insel der Zwergelefanten

Von Klaus Bötig | 9.Oktober 2019

Tilos ist ein Inselzwerg im südlichen Dodekanes zwischen Rhodos und Kos. Pauschaltourismus gibt es hier nicht, Antikes ebenso wenig. Man kommt zum Baden und zum Wandern auf gut markierten Wegen.

>No Clothes – No service<. Wirt Michális bedient in seinem Kafenío keine Badenixen und keine Männer mit nacktem Oberkörper. Auch sonst hat er feste Vorstellungen, wie Gäste sich verhalten sollten. Das Rauchverbotsschild in der Eingangstür wird drinnen strikt eingehalten und mit dem Aushang >No WiFi< macht er klar, dass er sich Gäste wünscht, die essen, trinken und sich miteinander unterhalten statt auf ihre Mobiles zu schauen. Das tun sie denn auch, denn die meisten kennen sich ohnehin. Viele von ihnen kommen schon seit vielen Jahren nach Tilos – so wie unsere deutsch-brasilianischen Nachbarn im kleinen Apartmenthaus am Meer, die seit einem Jahrzehnt jeden Sommer für vier bis sechs Wochen hier dem Nichtstun frönen. Etwa 13 000 Urlauber zählt Tilos im Jahr, Tagesausflügler von den großen massentouristischen Inseln Rhodos und Kos gibt es nicht.

Uns hat ein Katamaran in 50 Minuten von Chalki nach Tilos  gebracht. Er hat direkt in Livadia angelegt, wo fast alle Ferienunterkünfte der Insel stehen. Auch die drei Auto- und Moopedvermieter von Tilos haben hier ihre Büros, der erste schon seit 1998.  Fast direkt überm Fähranleger tauchen üppig, cyclamfarben blühende Bougainvilleen das mit nur 62 Zimmern größte Inselhotel in ein Blütenmeer. Gleich beim Fähranleger beginnt auch die schmale, völlig autofreie Uferpromenade, die sich am ebenfalls schmalen, über einen Kilometer langen Kiesstrand von Livádi entlangzieht. An der stehen neben einigen Tavernen eher unauffällig einige kleine Hotels und Apartmenthäuser. Sonnenschirme und Liegestühle werden da nur punktuell vermietet.

 

Bürgermeister mit Visionen

Die Uferpromenade trägt den Namen von Dr. Anastasios Aliferis, dem einstigen Inselarzt, der fünf Wahlperioden lang auch Inselbürgermeister war. Als er 2012 starb, hatte er Tilos maßgeblich auf den Weg zur vielleicht umweltfreundlichsten und liberalsten Insel des Landes gebracht. Schon 1993 wurde für Tilos ein ganzjährig gültiges Jagdverbot erlassen. 2009 empfing die Gemeinde den Umweltpreis der Stiftung Euronatur wegen ihrer Bemühungen um den Natur- und Umweltschutz. Der größte Lohn allerdings ist die Vielzahl der Vögel, die auf Tilos rasten oder gar  brüten. Darunter sind Eleonorenfalken, Habichtsadler und Eisvögel, Blauwangen-Bienenfresser, Krähenscharben, Felsentauben, Pirole und Churka-Hühner.

Dr. Aliferis machte aber nicht nur durch sein Engagement für die Natur, sondern auch durch seine liberale Haltung von sich Reden: Am 3. Juni 2008 vollzog er auf dem Inselzwerg die erste Trauung eines gleichgeschlechtlichen Paars und erregte damit viel Protest vor allem aus kirchlichen Kreisen. Offiziell wurde die gleichgeschlechtliche Ehe in Griechenland erst 2015 legalisiert.

Dr. Aliferis Nachfolgerin im Amt wurde nach guter griechischer Sitte eine enge Verwandte: Die jetzt 49-jährige Maria Kamma-Aliferi. Sie zeigte die gleiche liberale Haltung wie ihr Onkel vor allem in den Jahren der Flüchtlingsflut. Zusammen mit der Organisation >Solidarity now< und dem Flüchtlingshilfswerk der UN gründete sie das >Tilos Hospitality Centre for Vulnerable Refugees<. Fünf syrische Familien wurden im März 2016 freiwillig aufgenommen. Die Kinder kamen hier zur  Schule, den Erwachsenen wurde Arbeit verschafft. Die freilich war nur auf die Sommermonate beschränkt. Deswegen haben 2019 die letzten Syrer die Insel wieder verlassen.  Auch auf dem Umweltsektor geht es unter der neuen Bürgermeisterin mit Tilos weiter voran: Ab 2020 soll der gesamte Inselstrom nicht mehr über unterseeische Kabel aus Kos geliefert, sondern auf der Insel selbst mit Hilfe von Sonne und Wind erzeugt werden.  Die EU trägt einen Großteil der Kosten dafür  in Höhe von etwa 15 Mio. Euro. Die gut 500 ganzjährig hier ansässigen Insulaner erhoffen sich davon auch eine Senkung der Strompreise.

 

Zuerst zum Kloster…

Vor dem Touristen-Informationsbüro an der Uferpromenade sind ein paar E-Bikes geparkt. Sie gehören Gemeindemitarbeitern. Im Büro informieren Schautafeln über die Umweltanstrengungen und die Natur der Insel – Prospekte zum Mitnehmen sind aber leider nur noch auf Griechisch und Russisch erhältlich. Immerhin: Es gibt eins dieser in Griechenland beschämend seltenen Büros.

Mit dem Mietwagen (noch nicht elektrisch) starten wir zum entferntesten Ziel auf der Insel, deren Asphaltstraßennetz ingesamt nur rund 30 km lang ist: Dem 14 km nördlich von Livadia gelegenen Kloster Agios Panteleimonas, an dem die schon seit 1998 asphaltierte Straße in den Inselnorden endet. Völlig einsam und gut vor den Blicken einstiger Piraten versteckt erhebt sich der Konvent über einer Schlucht nahe der wilden Steilküste des nordwestlichen Tilos. Ein Tor führt auf einen von Zypressen und Platanen beschatteten Vorhof, dessen Boden zu Zickzacklinien gelegte helle und dunkle Kieselsteine bilden. Aus einer steingefassten Quelle fließt kühles Agiasma, heiliges und heilendes Wasser. Ein Schild gebietet, es nicht zu nutzen, um sich zu waschen. Am Vorhof ragt ein mächtiger, rechteckiger Wehrturm aus Naturstein auf. In der Klosterkirche sind zwei junge Archäologinnen aus Athen und einige Arbeiter mit Restaurierungsarbeiten beschäftigt; deswegen darf sie wohl für die nächsten zwei Jahre nicht betreten werden. Die Klosterzellen stehen leer – Mönche leben hier schon lange nicht mehr.   Direkt neben dem Zugang zum Kloster beginnt der 8 km lange Wanderpfad zum Strand von Eristos, die längste der neun gut markierten und gepflegten Wanderrouten der Insel.

 

… dann nach Mikro Chorio

An der Straße zum Kloster liegen drei der fünf Siedlungen der 61 qkm kleinen Insel. Zunächst passieren wir das abseits des Asphaltbandes gelegene Mikro Chorio, das >kleine Dorf<. Schon 1967 wurde es von seinen letzten Bewohnern verlassen. Die 220 aus Naturstein erbauten, meist zweigeschossigen Häuser verfielen; die Dachziegel wurden zum Teil in Livadia wiederverwendet. Ende der 1970er Jahre musste man sich mühsam einen Weg durch dorniges Gestrüpp nach Mikro Chorio bahnen. Heute führt wieder ein leidlich gut befahrbarer Feldweg hin, einige Häuser wurden instandgesetzt und geweißelt, um sie fürs Wochenende oder die Ferien nutzen zu können. Trotzdem wird die Atmosphäre eines Geisterdorfes wohl noch lange erhalten bleiben. Aus hohlen Fensteröffnungen wachsen Öl- und Feigenbäume heraus, auf verwilderten Terrassen stehen alte Backöfen und Olivenölpressen. Etwas Leben kehrt nur im Juli und August ein, wenn in Mikro Chorio der wohl eigenartigste Club Griechenlands seine Pforten öffnet. Dann gibt es zwischen Livadia und Mikro Chorio zwischen 23 und 3 Uhr sogar einen Buspendelverkehr.

Die beiden Hauptkirchen des Dorfes, Kato und Pano Panagia, sind hingegen nur an wenigen Festtagen im Jahr zu Gottesdiensten mit dem einzigen Inselpriester geöffnet. Dann kann man in der Pano Panagia Fresken aus dem Jahr 1787 betrachten, unter denen wie in der vielbesuchten Marienkirche von Lindos auf Rhodos auch eine Darstellung des hl. Christophoros mit Hundekopf ist. Kein Wunder: der Maler war der gleiche Georgios von Symi. Er war anscheinend ein im südlichen Dodekanes viel gefragter Hagiograph.

 

Tilos und seine Elefanten

Kurz hinter Mikro Chorio senkt sich die Inselhauptstraße in ein relativ grünes Tal hinunter. Von oben sehen wir ein kleines Regenwasser-Rückhaltebecken, dass nicht nur den wenigen Bauern hier nutzt, sondern das auch für die zahlreichen Zugvögel im Winter attraktiv ist. Eine knapp 2 km lange Stichstraße führt  zur Charkadio-Höhle, die Tilos 1971 zum ersten Mal in die Schlagzeilen brachte: Paläontologen entdeckten hier in über 8 m dicken Ablagerungen vulkanischer Feinsedimente, die wahrscheinlich von einem Vulkanausbruch auf Nisyros herrühren, etwa 2000 Knochen und Zähne verschiedener Tiere. Echsen und Fledermäuse waren ebenso darunter wie Hirsche und – als wahre Sensation – Überreste des mediterranen Zwergelefanten. Untersuchungen dieser Knochenfunde ergaben, dass die bis zu 1,80 m hohen zwischen etwa 45 000 und 4 000 v. Chr. auf Tilos lebten, dass die Insel damals also noch recht grün und baumreich gewesen sein muss. Ähnliche Zwergelefanten gab es zwar auch auf vielen anderen Inseln im Mittelmeer, so z.B. auf Kreta, Rhodos, Naxos und Delos, aber nirgendwo hat man Zähne und Knochen in solch großer Zahl entdeckt wie hier. Die Forschungen halten noch an.

Eingeschlafen ist hingegen das Projekt eines modernen Museums nahe dem Höhleneingang. Der Bau steht, wurde auch offiziell eingeweiht, ist aber nahezu leer und nicht fürs Publikum geöffnet. Auch das moderne Amphitheater zu Füssen der Höhle verwittert vor sich hin – nur ganz gelegentlich wird es für Folklore-Events genutzt. Die Höhle selbst ist abgesperrt, für die geplante Elektrifizierung und touristische Erschließung fehlt das Geld. Fazit: Man könnte mehr daraus machen!

 

 

Das große Dorf

Eine halbwegs gute Vorstellung von diesen prähistorischen Zwergelefanten bekommen wir schließlich doch noch in Megalo Chorio, dem Hauptdorf und Verwaltungszentrum der Insel. Eine nette Dame aus dem Gemeindebüro schließt uns den kleinen Ausstellungsraum an der Hauptstraße auf, in dem einige der Knochen- und Zahnfunde ausgestellt sind. Aus ein paar Fundstücken ist ein solcher Zwergelefant rekonstruiert – man könnte sich ihn als süßes Haustier vorstellen.

Gleich oberhalb des Ausstellungsraums liegen das eigentliche Rathaus und die 1827 erbauten Erzengel-Kirche mit ihrem mit Kieselsteinen gepflasterten Hof. Oberhalb der Kirche wiederum ist noch ein kurzer Abschnitt der Stadtmauer aus hellenistischer Zeit gut erhalten. Beim weiteren Anstieg hinauf zur Kirche Panagia Theotokissas bezaubert der kykladische Charakter des Ortes mit seinen weißen Häusern, engen gewundenen Gassen und reichlich Blumenschmuck.

Überragt wird Megalo Chorio vom Kastro, einer Burg aus der Johanniterzeit. Die römisch-katholischen Ritter herrschten zwischen 1209 und 1521 von Rhodos aus ja über den gesamten Dodekanes, hatten auf jeder dieser Inseln eine >Zweigniederlassung<. Von der großen Zisterne am nördlichen Dorfrand aus führt ein schmaler, abends im Sommer beleuchteter Pfad in etwa 30-45 Minuten hinauf, Direkt unterhalb der Burg zeugen Ruinen von Wohnhäusern und Kapellen von einer Siedlung, die noch zu Beginn des 20. Jhs. bewohnt war. Innerhalb de Burgmauern steht nur die Ruine einer Erzengelkirche aus dem 16. Jh. Von den Apollon und Athena geweihten Tempeln der antiken Stadt Telos blieb nichts erhalten.   In diesem antiken Telos lebte im 4. Jh. v. Chr. wahrscheinlich auch die Lyrikerin Erinna, die in der Antike als geistige Verwandte der lesbischen Sappho hoch verehrt wurde.

 

Wo man baden kann

Von Megalo Chorio führt eine Stichstraße durch eine äußerst fruchtbare Küstenebene hinunter zum Eristos Beach. In den 1980er und 1990er Jahren wurden hier in Gewächshäusern sogar Nelken für den Export gezüchtet. Die Gastarbeiterinnen von den Philippinen, die dort arbeiteten, wurden aber wieder entlassen – angeblich, weil die Margen der Zwischenhändler auf Rhodos zu hoch und die Nelken von Tilos daher schwer verkäuflich waren. Der 1 km lange und bis zu 30 m breite Sand-Kies-Strand von Eristos ist neben dem von Livadi  der Hauptbadestrand der Insel. Landseitig wird er von vielen Tamarisken gesäumt, unter denen auch freies Zelten üblich ist. Gen Süden kann sich der Blick ungehindert in der Weite der Ägäis verlieren. Die nächste Insel gegenüber ist erst das kleine Anafi, doch das ist für einen Blickkontakt viel zu weit weg.

An der Straße von Megalo Chorio zum Kloster Agios Panteleimonas liegen dann noch zwei weitere Strände. Eher dürftig ist der von Agios Antonios. Dafür sitzt man dort gut in einem Café und einer Taverne am kleinen Fischerhafen. Wer mag, kann von der Bushaltestelle hier aus auch auf einem markierten Pfad gut 3 anstrengende Kilometer weit zum Kloster und von dort nochmals 8 km zur Bushaltestelle am Eristos Beach wandern.

Als einer  der schönsten Inselstrände hingegen gilt der einsame Plaka Beach unterhalb der Straße zum Kloster. 300 m farbige Kieselsteine säumen dort die Bucht, hinter dem Strand spenden viele Bäume Schatten, unter denen im Sommer meist auch einige Griechen zelten. Viele Besucher bringen Brot mit – nicht für die Zelter, aber für die vielen Pfauen, die hier leben und ihr Rad schlagen.

 

9 km Einsamkeit mit Fernblick

Unsere letzte Autotour auf der Insel führt uns von Mikro Chorio aus in den Inselsüden. Über 9 km lang ist das schlaglochfreie  Asphaltband, bei dem man sich fragt, wer es braucht. Die EU hat es im wesentlichen finanziert. Nicht einmal Schafe und Ziegen nutzen es, denn deren Haltung wird des Naturschutzes wegen auf Tilos gar nicht so gern gesehen. Eigentlich ist die Straße nur für Touristen und die Müllabfuhr da, denn an ihrem Ende liegt hoch über der Ägäis die Müllkippe der Insel. Wer baden will, steigt von dieser Straße auf einem gut markierten Pfad zum etwa 150 m langen Sand-Kies-Strand Tholos hinab, wo man schön im Schatten von Felsen liegen kann, oder steigt auf nicht markiertem Weg zum Agios Sergios Beach hinab, der geradezu zu Robinsonaden einlädt.

Die Müllkippe auf dem Trachilos am Ende der Asphaltstraße ist allerdings kein romantischer Anblick. Sie führt auch die vielen dreigliedrigen Papierkörbe an der Uferpromenade von Livadia ad absurdum, in denen Abfälle nach Müllart getrennt abgelegt werden sollen. Zum einen landen hier auch Plastik und Glas, weil deren Recycling nur auf dem Festland erfolgen könnte und der Transport dahin viel zu teuer ist – und zum anderen gibt es auch auf Tilos noch Einheimische und Gäste, die zu bequem sind, ihren Müll zu sortieren.

 

INFOS

Offizielle Website des Dimos: www.tilos.gr

Schiffsverbindungen: Per Katamaran (www.12ne.gr) 2-3 x wö. mit Rhodos, Chalki, Nisyros und Kos. Mit Autofähren im Sommer 5x wö. mit Kos und Kamiros Skala auf Rhodos, 4x wö. mit Nisyros,   3x wö. mit Piräus, 1-2x wö. mit Ikaria, Fourni, Patmos, Lipsi, Leros, Kalymnos, Kos, Chalki, Rhodos und Kastellorizo.

Inselbus: Ein Linienbus verbindet Livadia außer sonntags mehrmals täglich mit Megalo Chorio, Agios Antonios und dem Eristos Beach

Wanderkarte: www.anavasi.gr (1:20.000)

Unterkünfte: www.tilosholidays.gr (für Hotels Ilidi Rock und Irini), www.eristosbeachhotel.gr, www.elenihoteltilos.gr, www.milios-studios.gr

 

Beitrag aus: Allgemein, Griechenland News | Ihr Kommentar »


...gehe weiter zu:

« | Startseite | »

Kommentare geschlossen.