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Wo ich der erste Deutsche nach dem 2. Weltkrieg war – Argithea

Von Klaus Bötig | 15.Oktober 2015

Der Landkreis Argithea im südlichen Pindos-Gebirge zählt zu den entlegensten und dünnstbesiedelten Demen Griechenlands. Viele Dörfer sind nur über raue Jeep-Pisten zu erreichen und im Winter oft tagelang von der Außenwelt abgeschnitten. Im ganzen Landkreis gibt es nur wenige Pensionen und eine einzige Tankstelle. Zeus als Gott der Gastfreundschaft ist hier noch quicklebendig.

>Habt ihr euch verfahren?<, begrüßt uns Christos, Deutschlehrer aus Athen, in seinem Heimatdorf Frangiana. Da steht die einzige Tankstelle des Dimos Argitheas, in dem in 72 Dörfern nur noch 3450 Menschen leben. Sein Benzin muss sich der Tankstellenbesitzer einmal wöchentlich selbst mit seinem Klein-Tankwagen drunten in Trikala in der Thessalischen Ebene besorgen – für die schweren Tanklastzüge der Mineralölfirmen sind die Straßen hier oben viel zu schmal, kurvenreich und einsturzgefährdet. Wir werden nach dem Auftanken erst einmal an die beiden Tische gebeten, die vor dem Kassenraum stehen. Die vier Gäste dort wollen wissen, woher wir kommen. Als sie >aus Deutschland< hören, greift einer von ihnen sogleich zum Handy und ruft Christos an. Er solle kommen, zwei Deutsche seien da. Fünf Minuten später steht er vor uns und kann kaum glauben, dass wir mit voller Absicht in sein Dorf gekommen sind: >Ihr seid die ersten Deutschen hier, solange ich denken kann!< Ähnliches erleben wir überall im Landkreis Argithea. Am Dorfeingang von Leontito halten wir für ein Foto: Schneebedeckte Hänge steigen gleich von der Baumgrenze zu den über 2000 m hohen Gipfel auf. Im Garten eines Hauses stehen zwei große Tische. Wir glauben, das Dorf-Kafenio gefunden zu haben und öffnen die Gartenpforte. Eine junge Frau kommt uns entgegen: >Wollt ihr Kaffee?< Wir bestellen zwei Nes. Sie fragt noch, woher wir kommen, und verschwindet in der Küche. Dann begrüßt uns die im Garten Hühnerköpfe putzende Mama in ihrem Haus: Wir sind im Familiengarten gelandet! Die junge Frau bringt uns den Kaffee, spricht ein wenig Deutsch mit uns. Und schon ist Christos – dieser hier ein griechischer Tavernenwirt aus Bielefeld – bei uns am Tisch. Die junge Frau hatte ihn aus der Küche heraus angerufen und ihn gebeten, zu kommen: Deutsche seien da. Er fragte sie am Telefon erst einmal, ob sie ihn verarschen wolle… Nun sitzen wir mit Christos, der eigentlich aus Igoumenitsa stammt und dort noch eine Granatapfel-Plantage besitzt, seiner Frau und seinem alten Schwiegervater Kostas Kaffee trinkend am Tisch. Kostas war in jungen Jahren sieben Jahre lang als Religionslehrer für griechische Kinder in Ost-Westfalen gewesen, stammt aber aus Liontito. Zum Studium war er in seiner Jugend noch zu Fuß bis zur nächsten Bushaltestelle gegangen – im 40 km entfernten Dorf Mouzaki drunten am Rand der Thessalischen Ebene. Damals lebten in seinem Dorf noch 80 Familien – heute sind es im Winter geraden noch drei Alte. Sie bleiben der Schafe und Ziegen wegen. Um Hühner zu halten, ist es hier oben auf fast 1500 m Höhe zu kalt – oft fällt sogar Mitte Mai noch Neuschnee. Im Januar liegt der Schnee manchmal bis zu 6 m hoch, tagelang ist das Dorf eingeschneit, ohne Strom und Telefon, erzählt man uns. Heute aber ist Osterdienstag; es sind noch ein paar Weggezogene da, die über die Feiertage heraufgekommen waren. Christos nimmt uns mit auf die Platía, wo dann wirklich das Dorf-Kafenio unter einer 700 Jahre alten Platane steht. Zwei Tische sind besetzt, an einem gehört auch der Dorfpriester zur trinkfreudigen Parea. Er ist nur von Ostern bis Weihnachten hier oben, danach wird es ihm zu kalt. Jeder einzelne schüttelt uns die Hand. Dann erklärt man uns, warum im ganzen Landkreis Argithea nur noch 9,25 Einwohner pro Quadratkilometer leben. Wegen der extremen Armut hier oben hätten die Großeltern schon in der Nachkriegszeit größten Wert darauf gelegt, dass ihre Kinder lange zur Schule gehen und studieren, damit sie es einmal besser haben. Nun sind die meisten Dorfkinder Akademiker geworden – und finden in dieser Bergwelt keine angemessene Arbeit mehr. Mitten in die Gespräche hinein klingelt Christos Handy. Wo wir denn blieben, das Mittagessen sei auf dem Tisch! Uns erwartet frisch gebratene Hochrippe, köstlicher Salat und die üppigen Reste vom Ostermahl: kaltes Lamm, kaltes Schwein und kaltes Kokoretsi. Im Dorf-Kafenio hatten wir schon einige Tsipouro trinken müssen, zur Mahlzeit gibt es Bier – und gleich unterhalb der Platia eine kleine Pension. Da warten wir vor der Tür, bis die alten Wirtsleute ihren Mittagsschlaf beendet haben und uns zwei Zimmer fertig machen. Sie haben die Pension einst für ihre Kinder gebaut. Doch die haben jetzt gute Jobs in Deutschland gefunden – für die Pension wird ein Käufer gesucht. Insgesamt gab es im gesamten Landkreis bisher fünf Pensionen. Die Wirtin der einen ist gestorben, der Wirt der anderen ist zwangsabwesend. Die Pension in Leontito wird vielleicht schon bald verkauft – dann bleiben nur noch die Pension am Wallfahrtskloster Spiliá und die Pension Alkiviadis in Kali Komi im Nordosten von Argithea. Deren Wirt Thomas ist 45 Jahre alt, war 20 Jahre lang Barmann in guten Hotels auf der Insel Skiathos, ist mit einer Britin verheiratet und hat Spaß an seinem Wagemut in der Einsamkeit. Zusammen mit seinem Vater arbeitet er als Bauunternehmer im Umkreis. Seine Mutter hat 50 Schafe und Ziegen (von denen meist zwei im Winter von Wölfen gerissen werden), die Familie baut auf winzigen Feldern Kartoffeln, Mais, grüne Bohnen und Tomaten an. Für größere Felder sind die Hänge von Argithea viel zu steil, da sind bestenfalls ein paar Apfel-, Maronen-, Walnuss- und Granatapfelbäume abzuernten. Mit ausländischen Gästen rechnet auch er nicht. Noch am häufigsten kommen Jäger, die es auf die vielen Wildschweine und das Damwild im Landkreis abgesehen haben. Braunbären und Luchse gibt es zwar ebenfalls, aber die stehen ja unter Schutz. Thomas nimmt uns in seinem Jeep mit ins höher gelegene Nachbardorf Ellinika. Er zeigt uns die Kirche, deren Hof er und sein Vater gerade kürzlich neu gepflastert haben. Der Dorfpriester, der lange in Schweden lebte, ist ein guter Freund von ihnen, hat auch das Kirchendach von ihnen decken lassen. Das Dorf war früher eine wichtige Karawanenstation am Weg vom Epirus nach Süden, hatte einst sogar zwei Schulen. Eine ist heute geschlossen, die andere dient jetzt als Dorf-Kafenio. Heute Abend herrscht viel Betrieb, denn alle Männer namens Giorgos feiern heute ihren Namenstag und schauen im >Zentralcafé< vorbei. Wir werden jedem vorgestellt und natürlich mit Handschlag begrüßt. Nach 20 Minuten stehen 8 Flaschen Amstel auf unserem Tisch – von jedem Georg eine. Bevor wir am nächsten Morgen weiter fahren, zeigt uns Thomas noch stolz die Dorfkirche von Kali Komi, die wie alle Kirchen im Landkreis unverschlossen ist. Die hohe Ikonostase mit zweistöckiger Ikonenreihe ist – einzigartig im ganzen Land – aus Naturstein aufgemauert und unverputzt. Wir sehen an diesem Tag noch andere Sakralbauwerke, allen voran das Kloster Spilia als bedeutendstes Pilgerziel der Region. Es steht weltabgeschieden, aber nicht gottverlassen auf einem Fels. Eine raue Piste führt hinauf. Als wir ankommen, schiebt gerade ein Ehepaar aus Trikala ihren erwachsenen, schwer behinderten Sohn im Rollstuhl in die freskengeschmückte Klosterkirche. Sie ist >Maria als Leben spendendem Quell< geweiht. Schon in byzantinischer Zeit vollbrachte ihre Ikone in Konstantinopel Wunderheilungen – hoffentlich hilft sie auch diesem jungen Mann!

Dem Landkreis Artithea aber ist wohl nicht mehr zu helfen. In keinem anderen Landkreis Griechenlands sind so wenige Straßen asphaltiert, sind die Winter so hart und die Landwirtschaftsflächen so klein. Linienbusse hinunter in die Städte in den Ebenen gibt es nicht, im ganzen Landkreis verkehrt nur ein einziges Taxi.
Griechische Wochenendurlauber kommen kaum noch, für Tourismuswerbung fehlt jegliches Geld. Auch die letzten Grundschulen werden wohl bald schließen, wenn nicht mehr junge Priester wie der im Dorf Mesovouni herauf ziehen: Seine sechs schulpflichtigen Kinder halten als einzige die Dorfschule am Leben…

INFOS
Dimos Argitheas: Der heutige Landkreis Argithea im Regierungsbezirk Karditsa wurde 2011 aus den Altkreisen Argithea, Acheloos und Athamanos gebildet Kreishauptstadt ist Anthiro. Die Zufahrt auf Asphaltstraße erfolgt entweder von Karditsa aus über Mouzaki oder von Arta aus über Astrochori.
Website der Gemeinde: www.dimosargitheas.gr (nur Griechisch, schöne Fotos)
Pensionen: Alkiviadis in Kali Komi, www.hotel-alkiviadis.com; Delidimi in Leontito, Tel. 6979482267; Ta Ragazia am Kloster Spilia, Tel. 6979728262.
Kartenmaterial: Für den nördlichen Teil des Dimos „South Pindos 1:50 000“ (2013), für den gesamten Dimos „Central Greece 1:250 000“ (2012), beide aus dem Anavasi-Verlag (www.anavasi.gr).
Buchtipp: Argithea Acheloos von Angelos Sinanis, Verlag Elati Trikala, ISBN 978-960-92872-0-3 (nur auf Griechisch)

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