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Iraklio/Kreta im Winter

Von Klaus Bötig | 3.Dezember 2019

Kretas Hauptstadt Iraklio ist auch in der kalten Jahreshälfte ein gutes Ziel für einen Kurzurlaub. Wenn es regnet und stürmt findet man in vielen guten Museen Zuflucht – und wenn die Sonne scheint, sitzt man in Straßencafés oder spaziert am Meer entlang. Oder besucht Knossos, die alte minoische Metropole. Im Winter bleiben in Iraklio zwar die Touristen weg, aber Kreter gibt es genug, um Straßen, Shops, Cafés und Tavernen zu füllen. Echt kretische Musik ist jetzt live viel öfter zu hören als während der Urlaubssaison und die Museen hat man jetzt meist für sich allein oder teilt sie mit Schulklassen, denen bei ihrer Begegnung mit der eigenen Historie zuzuschauen und -hören zusätzlich Spaß macht. Man hätte die Muße, es ihnen gleich zu tun und Museumsobjekte einmal zu zeichnen statt wie alle anderen nur zu fotografieren.

 

Minoisches Leben studieren

Das Archäologische Museum in der Inselhauptstadt ist das bedeutendste und größte der ganzen Insel. Hier bekommt man den besten Eindruck davon, wie vielseitig und hochwertig das Kunstschaffen auf Kreta vor etwa 3500 Jahren war. Man erhascht aber auch Einblicke in die Mode, die Alltagswelt, das Handwerk, Feste und Freizeitvergnügen der damaligen Minoer. Zwei Stunden sollte man für einen Rundgang durch die beiden Museumsetagen mindestens einplanen.

Gleich im ersten Saal (Saalnummern auf den Raumplänen neben den Feuerlöschern) zeigen kleine Tonmodelle von Booten, mit welchen Nussschalen sich die Minoer vor 4000 Jahren aufs offene Meer wagten. Im nächsten Saal sieht man eine Töpferscheibe aus dem frühen 2. Jt. v.Chr., eine Saftpresse und bildschöne Tassen aus jener Zeit. Außerdem sind hier einige Siegel mit den ältesten Schriftzeichen Europas ausgestellt. Wissenschaftler nennen diese Silbenschrift Linear A. Sie ist bis heute nicht entziffert.

Im nächsten Saal  fasziniert  vor allem das große Holzmodell des minoischen Palastes von Knossos, das ein Museumswärter unter Anleitung von Archäologen um 1960 gebastelt hat. Bei diesem wie bei allen anderen Rekonstruktionsversuchen hilfreich waren dabei kleine tönerne Hausmodelle  aus minoischer Zeit. Nahezu sensationell ein  vielfarbiges Stadtmosaik aus den 17. Jh. v.Chr. Wie in einem Puzzle sind hier zahlreiche Plättchen aus Fayence zusammengefügt und zeigen die Fassade eines mehrgeschossigen Gebäudes in Fachwerkarchitektur mit Fenstern, Türen und Balkonen. War das eventuell der Palast von Knossos?

Im gleichen Doppelsaal ausgestellt ist auch ein blau-weißes Spielbrett aus Bergkristall, Elfenbein, Glasfluss, Gold- und Silberplättchen. Sicherlich gehörte es einer hochrangigen Persönlichkeit. Sogar vier kegelförmige Spielfiguren aus Elfenbein sind erhalten geblieben – die Spielregeln aber leider nicht. Von besonderer wissenschaftlicher Bedeutung ist der Diskos von Phaestos in Vitrine 51. Diese Scheibe von etwa 16 cm Durchmesser ist auf beiden Seiten mit 141 Hieroglyphen bestempelt. Sie gilt damit als ältestes “Druckerzeugnis” der Welt. Die Bedeutung der Zeichen haben schon viele Laien und Experten zu entschlüsseln versucht – allgemein akzeptiert ist keine ihrer Theorien.

Einen Saal weiter kann man  sich wieder mit dem minoischen Alltagsleben beschäftigen. Zu sehen sind u.a. ein Smoker für Imker, bronzene Angelhaken, große Bronzekessel zum Kochen, und Souvlaki-Spieße. Ein konisches Gefäß zeigt Boxer und Ringer sowie einen jungen Mann, der einen Salto über einen Stier schlägt: Offenbar ein Usus bei bedeutenden religiösen Festen.

Saal VII zeigt, dass die Menschen auch in minoischer Zeit schon gern auf Schaukeln saßen. Außerdem ist hier die berühmte Schnittervase zu finden. Ein Relief auf dem Steatit-Gefäß zeigt Männer, die fröhlich singend von der Feldarbeit zurückkehren. Ein Musiker spielt dazu das traditionelle Instrument jener Zeit, ein Sistrum. Der Höhepunkt in Saal VIII sind die Fayence-Statuetten zweier barbusiger Frauen mit eng geschnürter Taille und Rüschenrock. Wegen der an und auf ihnen dargestellten Schlangen werden sie als Erdgottheiten interpretiert. Vielleicht zeigten sich aber so ja auch Priesterinnen dem Volk?

Die letzten Säle sind dann dem minoischen Totenkult gewidmet. Besonders schön ist hier der steinerne Sarkophag von Agia Triada. Er ist über und über bemalt. Die dargestellten kultischen Szenen sind sehr klar zu erkennen: Eine Priesterin opfert gerade einen Stier, ein Flötenspieler begleitet die Zeremonie. Zwei Göttinnen kommen in einem Wagen angefahren, der von einem Greifen gezogen wird. Zur Musik eines Lyra-Spielers gießen zwei Priesterinnen Flüssigkeiten in einen Opferkrug, ein Toter steht vor seinem Grabbau.  Nach der Besichtigung dieser Säle im Erdgeschoss geht man am besten ins Obergeschoss hinauf. Dort erfährt man viel über minoische Wandmalereien.

 

Byzanz und die Renaissance

Das kleine, modern gestaltete Museum in der schon im 13. Jh. erbauten Kirche der hl. Katharina vom Sinai birgt die wertvollsten Ikonen der Insel. Auch wer sonst wenig Interesse an frommen Bildern hat, wird mit ein wenig Kunstsinn von ihnen begeistert sein, denn in ihnen verbündet sich der strenge theologische Kanon der byzantinischen Ikonenmalerei mit der Lebhaftigkeit der westlichen Renaissance-Kunst.

Die sechs großformatigen Ikonen von Michail Damaskinos aus dem späten 16. Jh. sind Millionen von Euro wert, aber natürlich unverkäuflich. Sie hängen an Stellwänden frei im Raum. Man schaut am besten zunächst die leicht erkennbare Darstellung der >Anbetung durch die heiligen Drei Könige< an. Als erstes fallen die drei fein gestriegelten Dromedare mit ihren fast giraffenartig langen Hälsen auf. Mit ihnen sind die drei Weisen aus dem Morgenland gekommen, die jetzt mit ihren Gaben in den Händen Maria, Josef und dem Jesuskind ihre Aufwartung machen. Eine Krone trägt nur einer von ihnen, der zweite einen Turban, der dritte ist kahlköpfig. In der rechten unteren Hälfte sind zahlreiche Soldaten und andere Männer mit ihren Pferden zu sehen. Keiner wird schematisiert, alle haben einen anderen Gesichtsausdruck. Rechts oben knien Engel, die alle nach byzantinischer Art einen Heiligenschein haben. Links oben schweben zwei Engel ohne Heiligenschein wie Tänzerinnen heran – ganz im Zeitgeist der Renaissance.

Wie weit sich Damaskinos, der Meister des >Kretischen Stils<, von der traditionellen Ikonenmalerei entfernt hat, bemerkt man, wenn man sich die Ikonen an der Wand anschaut. Nehmen wir die dritte von der Kasse aus als Beispiel, eine Deesis-Darstellung aus dem frühen 16. Jh. Der Maler ist unbekannt, denn ein klassischer byzantinischer Ikonenmaler signierte seine Werke – anders als später Damaskinos – meistens nicht. Während die >Anbetung der heiligen Drei Könige< äußerst erzählfreudig und figurenreich ist, beschränkt sich der Maler in dieser klassisch-byzantinischen Ikone auf das Wesentliche. In der Mitte thront Christus, links von ihm steht seine Mutter Maria, rechts Johannes der Täufer. Keinerlei Nebenfiguren beleben die Szene. Schauen Sie sich das Gewand Mariens einmal an. Es ist ganz geschlossen, umhüllt Kopf, Hals, Brust und Oberkörper, verkündet damit Mariens Jungfräulichkeit. Geht man danach zur >Anbetung< zurück und guckt, wie Maria dort das gleiche Gewand trägt: Lässig den Hals und das Unterkleid zeigend, fast schon freizügig wie eine schöne Frau der Renaissance.

 

Venezianische Handgranaten

In einem Alt- und einem damit verbundenen Neubau zeigt das >Historical Museum of Crete< ein Sammelsurium von Objekten aus der Inselgeschichte der christlichen Zeit. Noch vor der Kasse hängt rechts an der Wand die Gallionsfigur einer venezianischen Galeere des 16./17. Jh. Schlangen liegen auf ihren Schultern. Diese Tiere haben die Menschen anscheinend immer fasziniert. Hier sollen sie vermutlich wie bei antiken Gorgonen alles Übel vom Schiff fernhalten. Im Raum  rechts von der Kasse sind gleich links an der Wand sechs Kreta-Landkarten aus dem 16.-18. Jh. ausgestellt. Sie lokalisieren alle das berühmte kretische Labyrinth des Minotauros im Süden Zentralkretas, nicht wie später üblich in Knossos.

Unter drei venezianischen Brustpanzern in der Raummitte erfährt der waffentechnische Laie ganz Erstaunliches: Zu sehen sind venezianische Handgranaten aus Glas, Ton und Kupfer. Handgranaten sind also nicht erst eine grausame Erfindung aus dem 20. Jh.

Dominiert wird der Raum  von einem großen Modell der Stadt Iraklio. Es bildet die damals Chandax genannte Stadt im Maßstab 1:500 in ihrer Gestalt im Jahr 1645 ab, also kurz vor der osmanischen Eroberung.

Der größte Stolz des Museums sind zwei kleine Gemälde des berühmten kretischen Malers El Greco: die >Taufe Christi< von 1657, und der >Anblick des Berges Sinai und des Katherinen-Klosters< von 1570. Beide Werke sind zwar unsigniert, gelten aber als Originale. Wegen der fehlenden Signatur waren sie für dieses kleine Museum erschwinglich. Andere Werke El Grecos, der 1676 nach Spanien auswanderte, gibt es auf Kreta nicht!

Am Westende des Flurs im ersten Obergeschoss steht ein Schreibtisch, an dem der große kretische Dichter Nikos Kazantzakis während seines Aufenthalts auf der Insel Ägina dicht  vor Athen gearbeitet hat. Im zweiten Obergeschoss steht sogar sein ganzen Arbeitszimmer, in dem er von 1954 bis 1957 im französischen Städtchen Antibes gearbeitet hat.

 

Mehr über Kazantzakis

Für große Kazantzakis-Liebhaber lohnt sich der Besuch zweier anderer Orte in und bei Iraklio. Mirtia war das Heimatdorf seines Vaters. 1983 richtete der entfernt mit Kazantzakis verwandte Bühnen- und Kostümbildner Giorgos Anemogiannis in mehreren Häusern im Dorf ein Kazantzakis-Museum ein. Es skizziert den bewegten Lebenslauf des Dichters, zeigt persönliche Utensilien, seine Werke in allerlei Sprachen, historische Fotos und Briefe und – besonders interessant – Originalkostüme und Szenenbildentwürfe von Aufführungen seiner Theaterstücke.

Das Grab des großen Dichters, der 1957 in Freiburg/Breisgau verstarb,  findet man nicht auf einem Friedhof, sondern auf der Stadtmauer von Iraklio. Die Kirche hatte ihm ein christliches Begräbnis verweigert, da er zu jener Zeit einigen Klerikern als Ketzer galt. Darum wurde er auf der Martinengo-Bastion beigesetzt. Ein schlichtes Holzkreuz und ein einfacher Stein mit dem von ihm selbst bestimmten Grabspruch >Ich erhoffe nichts, ich fürchte nichts, ich bin frei< sind außer gelegentlich niedergelegten Blumen der einzige Grabschmuck.

 

Erdbeben im Simulator

Direkt am Meer ist das Naturgeschichtliche Museum im ehemaligen Elektrizitätswerk der Stadt untergebracht. Es widmet sich nicht nur Kreta, sondern ganz Griechenland, ist aber überwiegend für Schulklassen interessant. Eine einmalige Attraktion für Alle aber steht im Untergeschoss. Da kann man in einer nachgebauten Schulklasse Erdbeben verschiedenster Stärke als Simulation erschreckend realistisch miterleben. Hinterher wird man froh sein, wenn einen ein solches Naturereignis in der Wirklichkeit erspart bleibt.

 

Antike Technologie

Kretas neuestes Museum hat Kostas Kotsanas geschaffen, ein Ingenieur vom Peloponnes. Er bestückt und betreibt auch schon ähnliche Ausstellung in Katakolo, Olympia und Athen. Er erforscht die technischen Errungenschaften der Antike an Hand von Texten und Vasenbildern und baut sie als funktionstüchtige Modelle nach – vom antiken Wecker bis zum antiken Getränkeautomaten. Da kommt man aus den Staunen nicht hinaus.

 

Kretischer Schnee

Schnee fällt in Iraklio selten. Als Kulisse ist er im Winter aber bei halbwegs klarer Sicht ins Stadtbild integriert. Dann krönt er die Gipfelregionen des Psiloritis und der Lassithischen Berge. Sitz man bei 20 Grad in der Mittagssonne am Hafen, ist das ein tolles Bild. Aber die Sonne scheint keineswegs ständig. Heftige Wolkenbrüche gehören ebenfalls zum Winter. Weil es dazu oft auch stürmt, hilft kein Schirm mehr. Man muss sich unter Plastikfolien flüchten, die jetzt in vielen Geschäften statt Badeschuhen angeboten werden.

 

Am venezianischen Hafen

Aber der Regen hält selten stundenlang an. Auf Wolkenbrüche folgt oft schnell wieder Sonnenschein. Dann sitzt man am schönsten im großen, modernen Café am alten venezianischen Hafen, der heute nur noch von kleinen Fischerbooten und Sportbooten genutzt wird. Blickt man aufs Wasser, hat man die Reste der alten venezianischen Werfthallen hinter sich, in denen die Galeeren der Serenissima repariert und im Winter eingelagert wurden. Über den Hafen hinweg schaut man auf die venezianischen Hafenfestung, heute Koules genannt. Ihre heutige Form erhielt sie im 16. Jh. Ihre Mauern sind bis zu 8,7 m dick; bestückt war sie mit 18 Kanonen im Untergeschoss und 25 weiteren auf den flachen Dächern. In riesigen Gewölben lagerten Unmengen von Munition; eine eigene Mühle und Bäckerei machte sie im Belagerungsfall für längere Zeit autark. Gleich an der Festung setzt die 1800 m lange Mole des neuen Hafens der Inselhauptstadt an, in der vor allem Autofähren festmachen. Im Sommerhalbjahr legen hier auch die Kreuzfahrtschiffe an, die im Winter ganz rar sind – ein großer Vorzug eines Winterurlaubs in der Stadt. Die Mole wird gern von Joggern genutzt, die hier quasi direkt am Meer entlang laufen und dabei immer schneebedeckte Berge in der Ferne sehen.

 

Städtebauliches Desaster

Anders als in der Stadt Rhodos, wo auch die mächtigen Seemauern vollständig erhalten blieben, wurden die Seemauern der alten kretischen Städte im 19. 20. Jh. vollständig niedergerissen. Darum lohnt sich auch in Iraklio ein Bummel über die moderne Uferpromenade kaum. Die Landmauern samt ihrer sieben mächtigen Bastionen sind zwar noch weitgehend erhalten, gehen aber wenig fotogen im Häusermeer unter. Insgesamt ist Iraklio im Gegensatz zu den Schwesterstädten Chania und Rethimno optisch wenig attraktiv. Eine echte Altstadt gibt es nicht. Deutsche Bomben im Zweiten Weltkrieg und die chaotische Bauwut der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts haben die Stadt zu einem Albtraum der nicht engagierten Städteplaner  werden lassen. Auch der Flüchtlingsstrom kleinasiatischer Griechen in den 1920er Jahren trug zum architektonischen Wildwuchs bei. Stadtteilnamen wie Nea Halikarnassos weisen auf solche Flüchtlingssiedlungen hin. Dort in Nea Halikarnassos finden übrigens heute Flugzeug-Spotter ein tolles Café (Odos Irodotou 117): Sitzt man dort bei einem Kafedaki, sieht man startende Maschinen direkt neben dem Kirchturm in den Himmel steigen und kann sie gut fotografieren. Niemand stört sich an den Jets: Ihr Fluglärm gehört Tag und Nacht zur Geräuschkulisse der ganzen Stadt vom Hafen aus ostwärts.

Trotzdem ist Iraklio liebenswert. Innerhalb der Stadtmauern sind außer den Museen auch historische Bauten eingestreut, Kirchen und Brunnen vor allem. Und kretisches Volksleben lässt sich nirgends auf Kreta besser studieren als hier in zahllosen kleinen Geschäften, auf Plätzen und in Straßencafés, in Kafeterias und trendigen Cocktail Bars.

 

Zwie Kirchen, eine Loggia

Vom alten venezianischen Hafen führt die Odos 25is Avgostou leicht ansteigend als breite, vor allem von Reisebüros, Banken, Autovermietungen und Souvenirgeschäften gesäumte Fußgängerstraße ins Herzen Iraklios. Sie wurde wie jetzt immer mehr Straßen und Plätze in der Innenstadt bereits Anfang unseres Jahrzehnts verkehrsberuhigt. Das hat der Stadt spürbar gut getan. An dieser Flaniermeile stehen die venezianische Loggia, die Francesco Morosini 1628 als Versammlungsort und Ballsaal für den venezianischen Adel der Insel errichten ließ, und zwei bedeutende Kirchen: Agios Titos und Agios Markos.

Die dreischiffige Basilika Agios Markos wurde 1239 von den Venezianern kurz nach ihrer Eroberung Kretas geweiht – natürlich als San Marco. Hier wurden ihre Inselherzöge fortan beigesetzt. Die Türken ließen nach ihrem Sieg über die Venezianer 1669 eine nach Mekka weisende Gebetsnische ein- und ein Minarett anbauen – und schon war aus dem christlichen Gotteshaus eine Moschee geworden. Heute dient das den orthodoxen Griechen stets fremd gebliebene Gebäude als Städtische Kunstgalerie mit Wechselausstellungen.

Für die orthodoxen Kreter ist Agios Titos hingegen ein wahres Gotteshaus. Sie birgt die Schädelreliquie des ersten kretischen Bischofs, den der Apostel Paulus höchstpersönlich im Jahr 51 in sein Amt einführte und an den er später auch den ins Neue Testament aufgenommenen Titus-Brief schrieb. Diese Schädelreliquie war den Venezianern so wichtig, dass sie sie bei ihrem Abzug aus Kreta 1669 mit in ihre Lagunenstadt nahmen. Erst 1966 kehrte sie mit viel Pomp nach Iraklio zurück. Hier steht sie nun pikanterweise in der Vorhalle in einer Gebetsnische, die erst die Türken schufen, als sie die Kirche in eine Moschee umwandelten.

 

Bougatsa am Brunnen

Die Flaniermeile 25is Avgostou endet am Wahrzeichen der Stadt, dem Morosini-Brunnen. Wer da einen Tag lang sitzt, weiß, wer in der Stadt ist. Fast jeder kommt hier vorbei. Die einen sind gekleidet, als müssten sie gleich auf den Catwalk. Andere sehen aus, als kämen sie gerade vom Ziegenmelken. Touristen sind jetzt im Winter vor allem Asiaten, denen keiner gesagt ist, wie kalt es auch im kretischen Winter werden kann. Einheimische und Griechenlandkenner setzen sich in eine der beiden Konditoreien am Platz, das >Kirkor< oder das >Fillo-sofies<. Der Name des letzteren ist schon eine Anspielung auf die Spezialität beider Lokale: Die Strudelteigtaschen >bougatsa<, wahlweise mit einer Art Grießpudding oder mit Ziegenkäse gefüllt. Gleich gegenüber sind kleine Koteletts die Spezialität der Grillstuben – und dazwischen steht der millionenfach fotografierte Morosini-Brunnen aus dem Jahr 1628 mit seinen vier Löwenköpfen und acht dreiviertelkreisförmigen Ausbuchtungen. Mit diesem Geschenk verbesserte Gouverneur Morosini die Wasserversorgung der Stadt ganz erheblich.

 

Shoppen ohne Ende

Am Platz mit dem Morosini-Brunnen und der benachbarten Straßenkreuzung nehmen die wichtigsten Einkaufsstraßen ihren Anfang. In der nach dem erfindungsreichen Dädalus, Erbauer des  Labyrinths von Knossos  und erstem Piloten der Menschheitsgeschichte benannten Odos Dedalou reihen sich Souvenir- und Textilgeschäfte aneinander. Paraallel dazu verläuft die Straße der Gerechtigkeit, Odos Dikeosinis mit zahlreichen Bekleidungsgeschäften und Handy-Shops. Zwischen beiden liegen die Überreste der byzantinischen Stadtmauer. Man sieht sie nur, wenn man einen der Läden auf der Nordseite der Dikeosinis betritt. Die haben nämlich nach hinten hinaus oft große Fenster und kleine Gärten, in denen das Personal in den Pausen an Tischen und auf Bänken direkt unterhalb der 1000 Jahre alten Wehrmauer entspannen kann.

An der Kreuzung beim Morosini-Brunnen beginnt auch die kurze, ehemalige Marktgasse Odos 1866. Echte Marktstände gibt es hier kaum noch, dafür jährlich mehr Shops für Touristen  mit T-Shirts, Olivenholzschnitzereien und billigem Schmuck. Nur nahe dem Bembo-Brunnen, in den die Venezianer kopflose Statuen aus dem Städtchen Ierapetra an der Südküste integrierten, ist noch ein kleiner Fischmarkt zu finden. Den nutzt auch die dortige Markttaverne: Bestellt ein Gast frischen Fisch, ruft der Wirt dem Verkäufer am nächstgelegenen Fischstand die Bestellung zu und der liefert ganz frisch seine Ware portionsgerecht.

 

Ein Stuhl für jeden Irakliten

Am Morosini-Brunnen setzt auch die Odos Chandakos an, die bis zum Historischen Museum hinunter führt. Eine etwas Deutsch sprechende, gern auch von Urlaubern Aufträge annehmende Ikonenemalerin sitzt hier vormittags in ihrem Atelier und unterhält sich gern mit Besuchern. Ansonsten ist die autofreie Gasse mit Cafés und Bars gespickt, in denen es meist etwas ruhiger zugeht als in den großen Kafeterias und Bars an der nahen Platia Kalergon und der ebenfalls nahen Odos Korai. Da sitzt die Inseljugend schon mittags in Massen bei Kafé Frappé und Freddo Capuccino.

Streift man weiter durch die Innenstadt, meint man bald, für jeden der über 150 000 Stadtbewohner gäbe es hier einen Stuhl in Lokalen. In vielen erklingt jetzt im Winter abends die Lyra. An Tavernen herrscht kein Mangel. Für linke Nostalgiker ist das >Tou Kayiambi< in der Odos Monoftsiou ein Muss. >Wenn die Revolution in Deutschland 1919 gelungen wäre, wäre die Welt heute besser<, verkündet da Wirt Dimitris in fast perfektem Deutsch. Und serviert urkretisches Essen preiswert unter Fotos von Ernst Thälmann, Lenin, Che, Schauspielern und Malern.

 

 

INFO

Offizielle Website: www.heraklion.gr

Websites von Museen: www.iraklion-museum.gr, www.historical-museum.gr, www.kazantzakis-museum.gr. www.kotsanasmuseum.gr

Veranstaltungshinweise: www.nowheraklion.com

Reiseführer: Baedeker, Baedeker smart, Marco Polo, DuMont Bildatlas, DuMont direkt, alle von  Klaus Bötig

Stadtplan: Heraklion Map, Terrain Cartography, 1:150 000, erschienen 2012, www.terrainmaps.gr

 

 

 

 

 

 

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Chalki – ein Trabant von Rhodos

Von Klaus Bötig | 14.Oktober 2019

Chalki ist ein Trabant von Rhodos. Der Unterschied zwischen beiden Inseln ist fast so groß wie der zwischen Erde und Mond. >Ankommen und entschleunigen< lautet auf Chalki das Urlaubsmotto. Der 50 km/h schnelle Katamaran <Dodekanisos Express< bringt  uns in 80 Minuten von der Stadt Rhodos hinüber nach Chalki. Er ist ein angenehmes Schiff, denn anders als auf den meistens Ägäis-Sprintern darf man hier am Heck noch auf dem Oberdeck Freien sitzen. Lange fahren wir an der Westküste von Rhodos entlang, passieren die Hotelhochhäuser von Ixia, den geschäftigen Flughafen, das Kraftwerk von Soroni und schließlich den winzigen Hafenort Kamiros Skala, der mehrmals täglich per Personenfähren mit der Insel Chalki verbunden ist. Von hier aus sind es nur 12 Seemeilen bis Chalki, von der Stadt Rhodos aus hingegen 35.

Am Fähranleger von Chalki holt uns Michalis ab,  der über die Hälfte seiner 29 Lebensjahre in New York City verbrachte, und geleitet uns die 150 m zu unserem kleinen Ferienhaus fast direkt an der Uferpromenade. Nahe unserer Haustür sitzen zwei Fischer unter einer Tamariske und pulen ihren Tagesfang: Die meist <symiaka< benannten kleinen Krabben. Die sind noch winziger als der norddeutsche Granat, den Ost- und Nordfrieslands Fischer allerdings nicht mehr selber pulen, sondern zu diesem Zweck nach Polen oder gar Marokko schicken. Die beiden Fischer hier sind bald mit der Arbeit fertig, gehen zu ihren nahen Boot zurück, wiegen da die Krabben kiloweise ab und füllen sie in Plastiktüten. Eine davon kaufen wir zum Preis von 30 Euro. Am Abend werden wir sie kurz in Butter braten und auf unserem Balkon genießen.

 

Wohlstand dank Schwämmen

So wie die Krabben ihren Namen von der Insel Symi bekamen, erinnert der ganze Ort an die weitaus bekanntere Schwesterinsel dicht vor der kleinasiatischen Küste. Wie dort sind die Häuser meist zweigeschossig, in angenehm sanften Pastelltönen gestrichen und mit roten Ziegeln gedeckt. Auch hier umziehen sie den Hafen, staffeln sich am Hang übereinander. Mittendrin ragen ein Kirch- und ein Uhrturm auf, letzterer ebenso wie das pompöse Rathaus  gleich nebenan ein Geschenk einst ausgewanderter und im Ausland zu Wohlstand gekommener Chalkier an ihre Heimatinsel. Der zweite auffällige Turm im Ortsbild ist der Kirchturm der Nikolaus-Kirche, deren Kirchhof mit besonders schönen, auf dem ganzen Dodekanes üblichen schwarz-weißenKieselstein-Mosaiken aus dem Jahr 1867 bedeckt ist.

Über dem Ort thronen die Stümpfe dreier Windmühlen auf einem Bergkamm, am Kai dümpeln Fischerboote und einige ganz wenige Segelyachten herum. Anders als auf Symi tummeln sich auf Chalki aber nicht Hunderte von Tagesausflüglern  aus Rhodos im Ort. Hier verkauft niemand Schwämme und Meeresschneckengehäuse, bietet nur ein einziger Laden ein paar altmodische Souvenirs an. Es gibt im Gegensatz zu Symi keinen Juwelier und keine Bank, keine Auto- und keine Mopedvermietung.

Chalki ist eine stille Insel. Bei der letzten Volkszählung 2011 gaben zwar 478 Griechen Chalki als ihren Erstwohnsitz an; im Winter dürfte die Insel aber nur etwa 150 Bewohner haben, ein Drittel davon albanische Immigranten. Deren Kinder stellen den Großteil der Schüler an Grund- und Mittelschule, an der etwa zehn Lehrer vier Handvoll Schüler unterrichten.

Vor 100 Jahren hingegen lebten noch etwa 1300 Menschen auf Chalki. Für die meisten von ihnen waren Schwammtaucherei und Schwammhandel die Lebensgrundlage. In den 1920er Jahren wanderten viele von ihnen nach Florida aus, ihre Häuser verfielen. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten wurden viele von ihnen wieder hergerichtet, aber auch Ruinen fallen beim Ortsrundgang durchaus noch ins Auge.

 

Kleiner Spaziergang

Wir bummeln zunächst einmal von der kleinen Marina aus an der Hafenfront entlang. Nur auf etwa 250 m Länge wird sie von Cafés und Tavernen gesäumt. Keins dieser Lokale ist wie anderswo üblich mit Lounge-Möbeln aufgepeppt, alle wirken eher konservativ, altbacken und schlicht. Aus keinem Lokal dringt laute Musik, keins wirbt mit Leuchtreklamen. Auch die Preise hier sind angenehm normal. Die hausgemachten kurzen Chalki-Nudeln mit karamellisierten Zwiebeln und einem sehr milden Feta-Käse werden hier zu unserem Lieblingsgericht werden. Beim stundenlangen Sitzen in Tavernen und Cafés fällt eines besonders auf: Auf Chalki gibt es keinerlei streunende Hunde – und in 48 Stunden haben wir nur eine einzige Katze gesehen. Die Kastrationsbemühungen der Tierfreunde scheinen hier fast zum Aussterben der Miezen geführt zu haben, die doch eigentlich zum Land gehören wie Ouzo und Souvlaki.

Am anderen Ende der Uferpromenade sitzt man auf der Terrasse des einzigen Inselhotels besonders schön und hat den ganzen Ort vor Augen. Erbaut wurde der gesamte Gebäudekomplex des >Aretanassa< im vorletzten Jahrhundert als kommunales Schwammlager. In den 1980er Jahren nutzte es die Gemeinde als Gäste- und Seminarhaus, denn damals trug Chalki den von der UNESCO verliehenen Titel >Insel der Freundschaft der Jugend der Welt<, war für kurze Zeit internationale Begegnungsstätte. Dann verfiel der Bau. Zwei Millionen Euro aus EU-Fördermitteln ermöglichten schließlich den Umbau zum schicken Hotel, das jetzt seit drei Jahren von der Gemeinde an private Pächter vergeben ist.  Drei junge Einheimische haben hier Arbeit gefunden.

 

Wenig Strand

Ein Grund dafür, dass Chalki von Touristenmassen verschont bleibt, sind die sehr bescheidenen Bademöglichkeiten. Vor dem Hotel Aretanassa und einigen Ferienhäusern nahe der Marina kommt man über Stufen und Leitern ins Meer, kann man sich auf kleinen Terrassen sonnen. Brauchbare Badestrände sind nur der Potamos und der Kania Beach. Zu beiden fährt mehrmals täglich der kleine Inselbus Den Potamos Beach erreicht man vom Hafen aus aber auch in15-20 Minuten zu Fuß. Die Straße dorthin hat ein in Florida zu Geld gekommener Chalkier finanziert; sie heißt denn auch Boulevard Tarpon Springs. Der Potamos Beach ist nur etwa 70 m lang, aber feinsandig. Er fällt ganz kinderfreundlich sanft ins Wasser ab. Liegestühle unter 60 Sonnenschirmen stehen auf einer baumfreien Terrasse über dem Strand, eine Taverne liegt am Strandende. Von deren Wirt kann man sich den Weg zur fünf Minuten entfernten Kapelle Agii Anagyri zeigen lassen, die in einem kleinen Olivenhain liegt. In der Antike stand an ihrer Stelle ein Apollon-Tempel, von dem Steinblöcke in den umliegenden Feldmauern verbaut wurden.

Noch viel kleiner als der Potamos Beach ist der grobsandig-kieselige Kandia Beach, wo sich knapp 50  Liegestühle dicht aneinander drängen. Einige von ihnen stehen sogar im Schatten einer Tamariske und eines Ölbaums. Eine schlichte Ouzeri sorgt hier fürs leibliche Wohl – vor allem mit frischem Fisch und sonnengetrocknetem Oktopus. Unterkünfte liegen an beiden Stränden nicht.

 

Kein Besichtigungsstress

Sehenswürdigkeiten mit Baedeker-Stern hat das ausgesprochen felsige und baumarme Chalki auch nicht zu bieten. Wer die Mühe nicht scheut, kann am Potamos Beach vorbei vom Hafen aus in etwa 50 -60 Minuten auf den 305 m hohen Kastro-Hügel hinaufwandern (der Inselbus fährt außer im heißen Hochsommer nur freitags hinauf). Ihn krönen die Ruinen einer Burg aus der Zeit der Johanniterritter, die ja zwischen 1209 und 1521 von Rhodos aus über den gesamten Dodekanes herrschten. Gleich unterhalb der Burg stehen die verfallenen Häuser des Chorio, des alten Hauptorts der Insel. Er soll einmal 4000 Bewohner gezählt haben. In den 1960er Jahren verließen ihn seine letzten Bewohner. Jetzt wohnen wieder ein paar Menschen hier, haben alte Häuser restaurieren lassen. Zwischen Kastro und Chorio sind einige antike Quader in Mauern verbaut, Archäologen haben auch die Überreste eines Apollon-Heiligtums ausgemacht. Dem Laien sagen sie nichts.

Als zweite Sehenswürdigkeiten gilt das alte Kloster Agios Ioannis Alarga im äußersten Inselwesten, rund 8 km vom Hafen entfernt. Auch dahin fährt manchmal der Inselbus. Am Kloster lebt heute nur noch eine Viehzüchterfamilie, aber die Gebäude sind recht gepflegt. In der Klosterkirche haben sich mittelalterliche Fresken erhalten.

Wer länger auf Chalki bleibt, kann einmal in der Woche auch an einem etwa fünfstündigem Bootsausflug zur unbewohnten Insel Alimnia teilnehmen, wo man an einem Kiesstrand mit Kiefernwäldchen baden kann. Mehr an Zerstreuungsmöglichkeiten hat Chalki dann aber wirklich nicht zu bieten. So kann, wer’s erträgt, hier wirklich vollkommen zur Ruhe kommen – wahrscheinlich mehr als auf irgendeiner anderen Inseln in der Ägäis. Wir haben es nicht ausprobiert, sondern sind nach 48 Stunden weitergefahren nach Tilos. Mehr darüber in Ihrer nächsten Ausgabe der Griechenland Zeitung!

 

TIPPS

Fährverbindungen: Mehrmals täglich mit Kamiros Skala auf Rhodos. Mit Rhodos-Stadt, Tilos, Nisyros und Kos 2-3 x wö. per Katamaran (www.12ne.gr). Mit Rhodos-Stadt auch 1-2x wö. mit der großen Autofähre Prevelis. Die Prevelis fährt 1-2x wö. außerdem nach Piräus, Milos, Anafi, Santorin, Kasos, Karpathos sowie Sitia und Iraklio auf Kreta.

Unterkünfte (Auswahl): www.aretanassa-hotel.gr, www.admiralshouse.gr, www.nissiaholidays.com

Karten: www.anavasi.gr (1:20.000, erschienen 2014, aber immer noch aktuell)

Tauchbasis: www.chalkidive.com

 

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Sifnos – Ziel sehr vieler Individualisten

Von Klaus Bötig | 11.Oktober 2019

Anders als auf vielen ägäischen Inseln liegt der Hauptort auf Sifnos nicht am Meer. Er erstreckt sich vielmehr an, auf und zwischen terrassierten Hügeln im Inselherzen. Sifnos war eine Bauern- und Viehzüchterinsel – und eine Insel der Töpfer.  Vor 100 Jahren waren es über 50, heute sind hier noch fast zwanzig Keramikateliers zu finden. Sie sind alle auf einer Liste aufgeführt, die man in einem der beiden sonst in Griechenland äußerst seltenen Touristen-Informationsbüros direkt am Fähranleger erhält: Einem der Gemeinde und einem der Vereinigung der Zimmervermieter. Auch eine Liste der zehn Inseltaxis liegt hier bereit: Auf einen Zentralruf konnten sich die Fahrer nicht einigen, jeder ist mit eigener Handynummer aufgeführt – außer Taxi Nr. 1, dessen Fahrer kein Telefon mag.

Sifnos lebt heute wie fast alle ägäischen Inseln vor allem vom Tourismus – und das ganz gut. Es gibt zwar keine Pauschalurlauber, kaum Kreuzfahrt-Passagiere und keine Tagesausflügler von größeren Touri-Magneten her, dafür aber schon seit über 30 Jahren eine beachtliche Zahl von individuell reisenden Gästen, Griechen vor allem. Zahlreiche Mietwagen stehen für sie bereit, Linienbusse durchkreuzen die Insel von morgens bis Mitternacht. Und auch für Wanderfreunde ist Sifnos bestens erschlossen: Für sie sind 14 Wanderwege von insgesamt fast 100 km Länge angelegt und gut markiert. Meist nutzen sie uralte Kalderimia, die einstigen Handelswege zwischen Dörfern, Klöstern und winzigen Küstenweilern.

 

Schönes Artemonas

Wir wohnen in Artemonas im bergigen Inselherzen in einem Haus mit nur vier Apartments, haben zwei Terrassen und einen Balkon, finden also unabhängig vom Sonnenstand immer ein schattiges Plätzchen. Vor der Liegewiese im Garten quaken Frösche in einem kleinen Zierteich, von der Hauptterrasse aus genießen wir einen Blick auf terrassierte Hänge, zwei Esel und weiße, kykladische Häuser. Wirt Giannoulis, ein Mann im Rentenalter, stammt aus Sifnos, verbringt aber nur noch den Sommer hier. In der kalten Jahreszeit sammelt er auf Reisen europäische Metropolen und heilige Stätten- im kommenden Winter sind St. Petersburg und Ägypten dran. Für ein sauberes Haus sorgt die liebenswerte Maria, eine bodenständige Frau aus dem Dorf.

Das nach der Göttin Artemis benannte Artemonas  ist nahezu autofrei, alle Fahrzeuge stehen auf einem Parkplatz nahe der unteren Platia am Dorfrand mit ihren drei Tavernen, dem obligatorischen Kiosk und einer Konditorei. Davon hat Sifnos mehr als jede andere, vergleichbare Insel.  Sifnos ist ein wahres Paradies für Süßmäulchen. Von der Platia führt eine breite Gasse leicht bergan in den Ort hinein. Prunkvolle klassizistische Villen mit blütenreichen Gärten und weinumrankten Terrassen zeugen davon, dass hier die sifnische Oberschicht wohnte. Fast alle von ihnen stehen heute den Großteil des Jahres leer, sind aber gut gepflegt. Künstler- und Schmuckateliers, eine Buchhandlung, ein Ikonenmaler und eine historische Apotheke sind sporadisch eingestreut, dazu ein paar wenige, aber traditionsbewusste Tavernen und Tsipouradika. Alles wirkt authentisch, nichts touristisch aufgemotzt. Sogar ein Bauer auf seinem Maultier kommt uns hier noch entgegen.

 

Zentrales Apollonia

Artemonas ist mit dem Hauptort der Insel zusammengewachsen, wenn dessen Zentrum auch jenseits eines niedrigen Hügels liegt. Dieser Hauptort trägt den Namen Apolls, des Zwillingsbruders der Artemis. Apollonia ist weitaus wuseliger als Artemonas, wird zudem noch von der Inselhauptstraße zerschnitten. Die autofreie Hauptgasse hier kann zwar auch nicht mit den Flaniermeilen von Paros, Mykonos oder Santorin konkurrieren, zieht vor allem abends aber viele Urlauber an. Die können hier sogar auf Dachterrassen ihren Ouzo oder Sprizz konsumieren. Uns gefällt es hier nicht – aber Geschmäcker sind eben verschieden.

 

Kastro – das Bilderbuchdorf

Zu unserem Lieblingsort wird das auf einem Fels hoch überm Meer gelegene Kastro, das bis 1836 die Inselhauptstadt war. Als ich vor 36 Jahren zum letzten Mal dort gewesen bin, war es nahezu tot. Jetzt ist es ein schmuckes, urkykladisches Dorf wie aus dem Bilderbuch, in dem zumindest im Sommer auch wieder Menschen leben. Kastra wie dieses Kastro gab es im späten Mittelalter auf fast jeder Kykladeninsel. Die äußere Häuserreihe dieser Dörfer war nach außen hin ursprünglich nahezu fensterlos und diente als Verteidigungsmauer. Im Dorf gab es dann meist noch eine zweite Häuserreihe um die Burg herum, in der der jeweilige Inselherr lebte. Gut erhalten sind solche Kastra außer auf Sifnos auch noch auf Antiparos und Kimolos. Keins ist so schön herausgeputzt wie das sifnische.

Von der Bushaltestelle steigen wir durch ein Spalier chicer Sonnenschirme zweier exzellenter Restaurants über ein paar Stufen zur äußeren Häuserreihe empor. Wir passieren ein kleines Kunsthandwerksgeschäft, das hochwertige Keramik von der Nachbarinsel Paros verkauft, und gehen durch eine übedrachte Passage – eines der alten Stadttore – ins Kastro hinein. An den schmalen Gassen mit einem Pflaster aus Steinplatten und -plättchen, die fast alle weiß umkalkt sind, stehen antike Sarkophage, die einst wohl als Wasserbecken weitergenutzt wurden. Etwa 20 Kirchen fügen sich in die Häuserzeilen ein, auf dem höchsten Punkt sind Reste der Burg erhalten. Im Nordosten des Dorfes sind auf der Seeseite noch Reste einer archaischen Stadtmauer erhalten – und tief drunten umtost die Brandung das isolierte  weiße Kirchlein der sieben Märtyrer auf einem niedrigen Felsvorsprung direkt in der Ägäis.

Im winzigen Archäologischen Museum im Obergeschoss eines Hauses überraschen uns einige außergewöhnliche Zufallsfunde aus der über 5000-jährigen Siedlungsgeschichte des Dorfes. Uns faszinieren eine marmorne Urne, deren Deckel Dächern aus Schieferplatten ähnelt, und eine kleine römische Statue der ephesischen Artemis, deren vermeintlich vielen Brüste in Wahrheit wohl die Hoden von Stieren darstellen, die man ihr geopfert hat. Auf einer 2700 Jahre alten Tonscherbe blickt uns ein dreieckiger Pantherkopf mit erhobener Pranke fast wie eine Comic-Figur an.

 

Neue archäologische Stätte

Wir bleiben der Geschichte auf der Spur, fahren auf einer noch keine zehn Jahre alten Asphaltstraße hinauf zu den erst in diesem Jahrzehnt mit Unterstützung der EU und eines sifnischen Sponsors aus der Schifffahrtsbranche für Besucher erschlossenen Ausgrabungen von Agios Andreas. Systematische Grabungen zwischen 1970 und 2010 haben hier auf einem 50 000 qm großen Areal auf einer Bergkuppe zahlreiche Grundmauern einer Siedlung ans Licht gebracht, die schon um 4000 v. Chr. bewohnt war. In archaischer Zeit bildete sie neben Kastro wohl das zweite Siedlungszentrum der Insel. Ihm kam durch seine exponierte Lage eine besondere Bedeutung zu: Es lag im Mittelpunkt einer Reihe von über die ganze Insel verstreuten Signaltürmen, mit denen die Bevölkerung vor über See herannahenden Feinden gewarnt werden konnte.

 

Das vergoldete Ei

Viele andere griechische Stadt- und Inselstaaten blickten nämlich neidisch nach Sifnos, dass durch seine meist auf Meereshöhe gelegenen Goldminen in archaischer Zeit zu großem Reichtum gelangte. In Delfi erbauten die Sifnier das erste dem Gott Apoll geweihte Schatzhaus aus reinem Marmor. In ihren eigenen Siedlungen errichteten sie nicht nur den Göttern marmorne Tempel, sondern verwendeten das edle Material frevlerisch auch für Profanbauten. Und dem delfischen Apoll und seinen Priestern stifteten sie alljährlich ein Zehntel ihrer Einnahmen in Form eines mehr oder minder großen Eis aus purem Gold – bis zu jenem schicksalsschweren Tag um das Jahr 500 v. Chr. herum, an dem sie knauserig wurden. Da präsentierten sie dem schönen Gott und seinen Priestern nur ein vergoldetes Ei. Die Priester bemerkten den Schwindel, und Apoll sandte umgehend die Strafe: das Meer brach in die Goldminen ein, machte sie für alle Zeiten unbrauchbar. Mit den Sifniern ging es von nun an bergab.

Doch damit nicht genug der göttlichen Rache. Um die gleiche Zeit herum landete eine Delegation von Samiern auf der Insel und erbaten sich ein Darlehen von  zehn Talenten, das ihnen die Sifnier verweigerten. Daraufhin plünderten die Samier kurzerhand die Insel, ließen 1000 Talente mitgehen und segelten wieder davon. Letztendlich beruhte auch dieses Ungemach auf einer Missachtung Apolls: Das delfische Orakel hatte den Sifniern nämlich verkündet, “sich vor einer hölzernen Kompanie” – den Schiffen der Samier – in acht zu nehmen.

 

Strände und Badeorte

Die Ausgrabungen von Agios Andreas liegen oberhalb der guten Asphaltstraße, die Apollonia-Artemonas mit der Bucht von Vathi verbindet. Von dort an werden wir nun unsere Aufmerksamkeit ganz den Stränden und Badeorten der Insel .

 

Schon Kamares, der Hafenort der Insel, verwöhnt mit einem schönen Sandstrand am inneren Ende der Bucht. Nur 150 m vom Fähranleger entfernt kann man vor den Beach Bars Liegestühle im Tamariskenschatten mieten, an zwei anderen Abschnitten werden die Liegestuhlkunden von weiter entfernten Tavernen aus bedient. Dazwischen bleibt Freiraum genug für die, die sich lieber auf Badetüchern sonnen. Für Unterhaltung sorgen die an- und ablegenden Fähren und ankernde Yachten. Natürlich gibt es auch Töpfer im Ort. Im Atelier Peristeronia direkt an der Hauptstraße werden sehr kunstvolle Kopien von alter bemalter Keramik aus dem Benaki-Museum feilgeboten, bei Mamidas ganz in der Nähe hat man sich ganz der traditionellen sifnischen Töpferkunst verschrieben. Über die hat sogar schon Theophrast, der lesbische Philosoph aus der Zeit um 300 v. Chr. geschrieben. Hauptprodukt sind braune, unbemalte und feuerfeste Schmortöpfe verschiedenen Durchmessers, die sich nach oben etwas verjüngen. Ganz markant sind die formenreichen sifnischen Rauchabzüge, die noch oft auf Häusern und vor allem Töpfereien zu sehen sind.  Sie sorgen geschickt dafür, dass kein Regenwasser in die Kamine eintropfen kann.

 

Markante Kirchen

Die Straße von Kamares in den Inselnorden windet sich kurvenreich die nahezu baumlosen Hänge empor. Eine Stichstraße führt zum sogenannten Kloster Agios Simeon auf einem 492 m hohen Hügel hinauf, von dem aus wir weite Teile der Insel überblicken. Mönche oder Nonnen leben hier schon lange nicht mehr – von allen Klöstern auf Sifnos wird schon seit Jahrzehnten nur noch ein einziges von ein paar Mönchen bewohnt.  Trotzdem steht das Kirchlein offen, so dass wir dem Kirchenpatron, dem Säulenheiligen Simeon, zwei Kerzen entzünden können – eine, um für unsere lebenden, das zweite für unsere verstorbenen Freunde und Verwandten um Schutz bittend. Danach genießen wir den phantastischen Ausblick – auch auf Gipfelkirchen und -kapellen auf anderen Hügeln, die nur zu Fuß zu erreichen sind.

 

Frau Professorin bedient

Am nördlichen Ende der Asphaltstraße, die ganz Sifnos durchzieht, steht auf einem windumtosten Isthmos das >Romanza< als aussichtsreiche kleine Pension und Taverne. Das Auto parkt 20 m entfernt direkt über der Steilküste mit Blick zum im Dunst kaum erkennbaren Antiparos hinüber, vom Straßenende führt ein Feldweg auf die Halbinsel Cheronissos hinüber. Wir setzen uns auf die Terrasse mit Parkplatzblick, doch halten es da nicht lange aus. Die Cola-Dose weht vom Tisch, die Zigarette aus dem Aschenbecher – der Meltemi zottelt mit aller Macht. Wirtin Archondia bittet uns auf die Rückseite des Hauses. Von der Terrasse da fällt der Blick auf den nahen Weiler Cheronissos mit einem winzigen Sandstrand, ein paar Tavernen und Häusern. >Apolafsete<, setzt euch und genießt, sagt Archondia. Sie bringt uns warmes, eben selbst gebackenes Brot, und nimmt bei uns Platz. Sie stamme aus Sparta auf dem Peloponnes, erzählt sie uns, und sei in Athen Professorin für Altgriechisch und Archäologie gewesen. Jetzt aber genieße sie die Einsamkeit hier – und den Meltemi, der hier meist stärker blase als irgendwo sonst auf der Insel. Wir sollten doch noch zum Mittagessen bleiben: Kichererbsensuppe und Kichererbsenkroketten seien ihre weithin gerühmten sifnischen Spezialitäten.

 

Vathi und Platys Gialos…

Nach geraumer Zeit machen wir uns wieder auf den Weg, fahren an Apollonia-Artemonas vorbei in den Inselsüden. 25 km sind es von Cheronissos bis nach Vathi am anderen Ende der Insel-Hauptstraße. Ein Sandstrand zieht sich ums innere Ende der vor den Meltemia geschützten Bucht, in der nachts viele Yachten ankern, ein Kirchlein steht direkt auf dem Kai, ein paar Tavernen säumen das Ufer. Nichts lenkt hier vom Nichtstun ab. Ein wenig Wahnsinn hat aber auch schon Einzug gehalten: Eins der wenigen Hotels besitzt einen Pool mit olympischen Ausmaßen fast direkt am Meer. Ist das nötig?

Von Vathy aus könnte man in etwa vier Stunden auf gut markiertem Weg quer über die Berge nach Apollonia zurück wandern. Wir aber setzen uns wieder ins Auto und fahren an die Ostküste der Insel hinüber. Da liegt mit Platy Gialos der neben Kamares größte Badeort mit langem, aber schmalen goldfarbenen Sandstrand. Hier hat 1960 die touristische Entwicklung der Insel begonnen, als am südwestlichen Strandende ein staatliches Xenia-Hotel eröffnet  wurde. Insgesamt entstanden zur Förderung des Fremdenverkehrs in den 1950er und 1960er Jahren etwa 50 solcher recht kleinen Häuser in damals noch entlegenen, völlig untouristischen Regionen. Ihre Architekten waren Wegbereiter einer modernen griechischen Architektur, deren Stil Fachleute als >kritischen Regionalismus< bezeichnen.  Zu den Architekten zählte auch der in München ausgebildete Aris Konstanidis (1913-1993), der das Hotel hier auf Sifnos entwarf. Das wurde schon 1970 privatisiert, mehrfach renoviert und modernisiert, ohne seinen historischen Charakter äußerlich stark zu verändern. Die meisten anderen Xenia-Hotels in Griechenland sind leider inzwischen abgerissen oder verfallen. Überlebt haben außer auf Sifnos nur die Häuser in Nafplio auf dem Peloponnes, auf Patmos und Kos.

Regionalität ist in Platys Gialos auch in einer außergewöhnlichen Strandtaverne das Motto. Zum ganz legeren >Nus< gehört eine Farm im Inselzentrum, wo man sich vor allem der Zucht traditioneller örtlicher Nutzpflanzen widmet – Kapern und Kichererbsen ganz vornean. Der Inhaber tingelt im Winter durch die Restaurants Europas, um sich neue Rezeptideen zu holen, die sein Koch dann im Sommer umsetzt. Auch Kochkurse auf der Farm gehören zum engagierten Konzept. Wir haben selten in Griechenland so gut gegessen wie hier.

 

Noch zwei Schmankerl

Zwei Ziele haben wir noch auf unserem Programm. Zuerst das schneeweiße Kloster Chrissopigi auf einer flachen Felszunge an der Küste, dessen Kirche schon 1650 entstand. Mönche oder Nonnen leben auch hier nicht mehr, aber seiner Lage wegen ist der Komplex das sifnische Postkartenmotiv schlechthin. Viele Legenden ranken sich um den Konvent. Eine erklärt den Felsspalt, der Chrissopigi zum Inselchen macht: Einst gingen drei ehrenwerte Frauen in die Klosterkirche. In der schliefen gerade Piraten. Die wollten sich sofort auf die Frauen stürzen, doch die heilige Maria öffnete für sie den Erdspalt, der sie verschlang. Da waren sie zwar tot, aber ihre Ehre blieb unangetastet.

Heute gehen mehr Frauen an den Strand von Chrissopigi als in die Kirche. Ein schönerer Strand liegt allerdings am nördlichen Ende der kleinen Bucht gleich neben dem Küstenweiler Faros. Das feinsandige Band ist nur etwa 100 m lang, das Wasser schimmert blau und türkis. Tamarisken spenden Schatten – kein Liegestuhlvermieter kommerzialisiert die Idylle. Das ist irgendwie typisch für die Insel.

 

Chiasmia aestimaria

Als wir dann später unter Tamarisken am Hafen von Kamares auf unser Schiff warten, um über Paros, Mykonos, Tinos und Andros nach Rafina auf dem Festland weiter zu fahren, zeigen sich die Bäume von einer etwas unangenehmen Seite. An nahezu unsichtbaren Fäden lassen sich etwa zwei Zentimeter lange, grün-weiße Raupen (von den Biologen Chiasmia aestimaria genannt) auf unseren Tisch, in unsere Gläser, auf den Boden und Strand hinab. Da stellen sie sich sogleich wie Königskobras en miniature aufs Hinterteil, richten sich großspurig auf und schwingen hin und her, als wollten sie drohen. Wir sind nach drei Wochen griechischer Inselwelt entspannt genug, um sie gewähren zu lassen und werden mit Safari-Szenen belohnt: Wespen schnappen sich die Tamariskenspanner und verspeisen sie voller Genuss. >Laissez  faire, jedem das Seine< lautet unser ägäisches Fazit.

 

TIPPS

 

Offizielle Website: www.sifnos.gr (mit aktuellem Busfahrplan und vollständigem Unterkunftsverzeichnis)

Fährverbindungen: Mehrmals täglich mit Piräus und Lavrio, außerdem mit vielen anderen Kykladen und Iraklio/Kreta.

Erwähnte Hotels: www.hotel-myrto.gr, www.romanza.weebly.com (in Cheronissos),

www.platys-gialos.gr (ehemaliges Xenia-Hotel)

Erwähnte Töpfereien: www.handmadepotteryart.com (in Kamares),  www.mamidasceramics.gr (in Artemonas)

Wanderkarte: www.anavasi.gr (1:25.000, erschienen 2019)

Website für Wanderer: www.sifnostrails.com

 

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Tilos – Die Insel der Zwergelefanten

Von Klaus Bötig | 9.Oktober 2019

Tilos ist ein Inselzwerg im südlichen Dodekanes zwischen Rhodos und Kos. Pauschaltourismus gibt es hier nicht, Antikes ebenso wenig. Man kommt zum Baden und zum Wandern auf gut markierten Wegen.

>No Clothes – No service<. Wirt Michális bedient in seinem Kafenío keine Badenixen und keine Männer mit nacktem Oberkörper. Auch sonst hat er feste Vorstellungen, wie Gäste sich verhalten sollten. Das Rauchverbotsschild in der Eingangstür wird drinnen strikt eingehalten und mit dem Aushang >No WiFi< macht er klar, dass er sich Gäste wünscht, die essen, trinken und sich miteinander unterhalten statt auf ihre Mobiles zu schauen. Das tun sie denn auch, denn die meisten kennen sich ohnehin. Viele von ihnen kommen schon seit vielen Jahren nach Tilos – so wie unsere deutsch-brasilianischen Nachbarn im kleinen Apartmenthaus am Meer, die seit einem Jahrzehnt jeden Sommer für vier bis sechs Wochen hier dem Nichtstun frönen. Etwa 13 000 Urlauber zählt Tilos im Jahr, Tagesausflügler von den großen massentouristischen Inseln Rhodos und Kos gibt es nicht. Weiterlesen »

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Anafi – einsamer geht es kaum

Von Klaus Bötig | 8.Oktober 2019

Anafi ist eine der stillsten und doch zugleich strandreichsten Inseln der Kykladen. Nur 271 Menschen sind hier gemeldet. Hochsommerliche Feriengäste sind vor allem Griechen, die unter den Tamarisken an den Stränden frei zelten.

Auf Anafi war ich vorher nur einmal im Leben: im Frühjahr 1983. Das Schiff, das uns heute von Santorin aus herüberbringt, war damals noch relativ neu: Die 1974 erbaute Autofähre Prevelis. Sie ist jetzt die einzige, die Anafi ganzjährig zuverlässig mit der Außenwelt verbindet. Wir fühlen uns fast wie beim damaligen Inselspringen: Abfahrt Santorin 3 Uhr in der Nacht, Ankunft auf Anafi 4.40 Uhr am sehr frühen Morgen. Weiterlesen »

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Sonntags in Thessaloniki

Von Klaus Bötig | 1.Juli 2019

Die Sonne scheint, der Himmel ist blau. Es ist Sonntag in Thessaloniki. Ein Bummel am Altstadtufer, eine Rad-, Kutschen- oder Bootstour und auf jeden Fall ganz viel Live-Musik gehören dazu.

Der Weiße Turm ist nicht nur das Wahrzeichen der Balkanmetropole, sondern auch Dreh- und Angelpunkt für viele Freizeitaktivitäten. Hier beginnt die Nea Paralia, die völlig neu und fußgängergerecht gestaltete Uferpromenade. An Ständen vor dem Turm werden Obst, Nüsse und vor allem Eis und bunte Zuckerwatte feilgeboten, sind ein paar Souvenirs zu erwerben. Einspänner warten auf Kundschaft, um sie auf der Promenade spazieren zu fahren. Sportlicher ist es freilich, sich bei Bike It gleich neben dem Klotz des Hotels Makedonia Palace ein Fahrrad zu mieten. Die Auswahl ist groß, reicht von vierrädrigen Familien-Pedalos über Tandems, Foot Bikes und E-Bikes bis hin zu den legendären Holzfahrrädern von Coco Mat. Damit hat man das Velo neu erfunden: Rahmen, Gabel, Lenker und Sattel der Bikes werden aus Eichenholz gefertigt.

Eine Stunde reicht, um damit einmal zwischen dem Weißem Turm und dem Megaro Moussikis, der festungsähnlichen Konzerthalle Thessalonikis, hin und her zu pendeln. Dabei bleibt noch Zeit, dem Reiterdenkmal Alexander des Großen Ehre zu erweisen, wo der Welteroberer zum Olymp am anderen Ufer des Thermäischen Golfs blickt. Muße bleibt auch, um die verschiedenen gestalteten Gärten zu genießen und die aufgestellten Kunstwerke zu betrachten – allen voran die Installation >Umbrellas< des Künstlers Giorgos Zongolopoulos. Seit 2013 scheinen die 40 transparenten, aufgespannten Schirme hier über Hafenmole und Meer zu schweben; seit 2018 tut es ihnen eine Kopie an einem Strand des ägyptischen Alexandria gleich

 

Thessaloniki vom Wasser aus

Der Weiße Turm ist gleich danach Startpunkt für eine beschauliche Bootsfahrt. Bis spät in die Nacht hinein kreuzen das ganze Jahr über kleine Ausflugsboote vor der Altstadtkulisse Thessalonikis. An Werktagen sind tagsüber vor allem Urlauber an Bord, an Wochenenden griechische Familien jeder Größe. Am späten Nachmittag relaxen auf ihnen die Business People bei Afterwork-Parties, im Sommer sind nachts bis um Vier muntere Party-Crowds an Deck. Musikfarbe und -lautstärke passen sich den Passagieren an, das angebotene Getränkespektrum reicht vom Espresso bis zu Cocktail und Whisky flaschenweise. Die Fahrt ist kostenlos, nur ein Getränk muss man bestellen. Wer Rollenspiele liebt, findet den für ihn passenden Dampfer. Einer ist inklusive Crew ganz auf Piratenschiff getrimmt, der andere eine mutige Konstruktion der >Argo<. Mit der brachen in früher griechischer Zeit Jason und seine Argonauten zur Fahrt ins Schwarze Meer auf, um das Goldene Vlies zu holen.

Der Törn beginnt am Weißen Turm, dem letzten Teil der mittelalterlichen Hafenmauer der Stadt, die dem Verkehr weichen musste. Von See aus kann man sich gut vorstellen, ein Saraszene zu sein: Eine Flotte dieser Seeräuber aus islamisierten Mittelmeerländern belagerte und plünderte Thessaloniki im Jahr 904. Der Blick vom Schiff aus reicht hinauf bis zum Eptapyrgio. Vor der Hafenmole mit den Museen wendet der Käpt’n, fährt dicht an der Uferstraße mit ihren vielen Bars und Cafés entlang und folgt dann der Nea Paralia bis zum Konzerthaus. Nach etwa 30 Minuten ist man wieder am Weißen Turm, steigt aus oder dreht die Runde noch einmal.

 

Kaffee und Kultur

Nach so viel Vergnügen ist ein wenig Kultur angesagt. Dem Weißen Turm kann man aufs Dach steigen. Aus 35 m Höhe blickt man über die Dächer der Unterstadt bis zu den mächtigen Mauern der Akropolis hinauf, hat das ganze Thessaloniki in seiner mittelalterlichen Größe vor sich. Das Bauwerk stammt aus dem Jahr 1430 und bildete den südöstlichen Eckpfeiler der Stadtmauern, die außer am Meeresufer weitgehend bestens erhalten sind. Im Innern des Turms führt ein breiter, spiralförmiger Aufgang mit einigen pferdefreundlichen Stufen aufs Dach. In den verschiedenen Geschossen vermitteln Fotos, Videos und Multimedia  einen guten Kurzüberblick über die Geschichte Thessalonikis, darunter auch über Einzelaspekte wie Trinkwasserversorgung, Kanalisation und Fernhandel.

Anschließend geht es zum Archäologischen Museum. Es reicht ja, sich dort einmal ein halbes Stündchen im Museumsgarten >Memory in stone< zu verbringen. Hier stehen vor allem antike Sarkophage, wie sie noch im frühen 20. Jh. überall über die Stadt verteilt waren. Man konnte sie ja gut als Brunnenbecken, Viehtränken und Wasserspeicher weiter benutzen. Wiederverwendungen zugeführte antike Grabstelen und Säulen sind zudem sehr fotogen. Ein wenig Erotik tut am Sonntag auch gut? Dann nichts wie ins Archäologische Museum hinein. Da lehnt ein völlig nackter junger Mann erwartungsvoll an einem niedrigen Fels. Den rechten Arm hat er auf den Kopf gelegt, sein rechtes Bein über den Schoß einer verschämt die Augen senkenden jungen Frau, die ein völlig durchsichtiges Gewand trägt. Der Panther, der neben dem Mann sitzt und eine Pranke hebt, und die Weinblattgirlande über  der Szene identifizieren ihn eindeutig als Gott Dionysos, seine Partnerin dürfte die kretische Königstochter Ariadne sein. Das bronzene Gefäß, das diese Szene ziert, ist der Derveni-Krater aus dem 4. Jh. v.Chr., den man 1962 in einem Grab in Derveni bei Thessaloniki fand. Samt Henkeln ist er 91 cm hoch und wiegt 40 kg. Röntgenuntersuchungen haben gezeigt, dass er nicht gegossen wurde, sondern durch Hämmern aus einer Bronzeplatte entstand. Seine Reliefs wurden zunächst von innen und abschließend von außen gearbeitet. Man schätzt, dass mindestens fünf Handwerker 18 Monate lang an diesem Prachtstück gearbeitet haben.

Auf dem Rückweg zum Weißen Turm ist nun eine Kaffeepause angesagt. Am breiten Fußgängerweg, der diagonal durch eine Grünanlage zwischen Museum und Turm verläuft, erinnern die bunten Tische, Stühle und Barhocker an Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt. Da kann man im Anblick des Götterbergs Olymp relaxen, Kindern bei Fahrten mit der Mini-Eisenbahn zuschauen oder auch einen ersten Ouzo bestellen. Das Mittagessen fällt heute nämlich aus – in all den Musiklokalen, die an Nachmittag noch auf dem Programm stehen, wird es genug kleine Häppchen als Mezedakia geben.

 

Musik überall

Wir haben uns mit unserem kretischen Freund Kostas verabredet, der hier in Thessaloniki an Schulen traditionelle Musik für Lyra und Mandoline unterrichtet. Er hat uns auf unseren Wunsch ein typisch deutsches Programm ausgearbeitet: Jede Stunde Kneipenwechsel, damit wir möglichst viele solche Musiklokale kennenlernen. Alle Lokale liegen im Stadtzentrum zwischen Ägäis, altem Hafen und Aristoteles-Platz dicht beieinander.

Um 16 Uhr sind wir im >To Vidiano<. Vier Musiker aus verschiedenen Landesteilen spielen traditionelle Musik aus ganz Griechenland- bis zu vier Stunden lang ohne Pause. An den Wänden hängen Werke örtlicher zeitgenössischer Künstler. Essen muss man hier nicht, man kann auch nur an der Bar sitzen und zuhören. Wie auch in vielen anderen Lokalen im Zentrum der Stadt spielt hier jeden Tag eine andere Gruppe – sonntags ab 14.30, sonst ab 21.30 Uhr.  Wir ziehen weiter ins >Anatolikon<, wo heute Rembetika auf dem Programm stehen. Fürs Weißbier zahlen wir weniger als in München: 3,20 Euro der halbe Liter. Und kein Gericht auf der Karte ist teurer als sechs Euro. Ein älterer Mann steckt den beiden Musikern je 20 Euro zu. Die beiden sind verlegen.  “In Thessaloniki macht man das eigentlich nicht”, erklärt uns unser Freund Kostas. Wir kommen mit einem älteren Paar aus Wisconsin ins Gespräch, das gleich zu Beginn erklärt, nicht Donald Trump gewählt zu haben. Sie kommen jedes Jahr für eine Woche in die Hauptstadt Makedoniens, um griechische Musik live zu hören – “und nirgends geht das besser als hier”, sagen sie.

Unser nächster Stopp ist das >Tophane<. Es ist brechend voll, die Pareas sind schon am Tanzen. Rote Servietten fliegen auf die Piste, fast alle klatschen und singen mit. Äußerlich ist die Sängerin eine Tonne, stimmungsmäßig eine Bombe. Für ein Viertelstündchen holt sie auch unseren Freund Kostas ans Mikrophon: Er soll kretische Mandinades zum besten geben. Auch die kommen beim Publikum bestens an.

Zwei Lokale gönnen wir uns noch: Das Mousiko Kafenio >Tzamala< wo heute pontische Musik erklingt, und dann das kleine Bistro Glykia Symmoria, wo eine tolle Sängerin ganz ohne Mikrofon auskommt. Sie präsentiert Rembetika “aus der Zeit nach Marko” (Vamavakaris), sagt sie. Das Publikum und auch wir bestätigen das an der Wand verkündete Motto .”I feel good”, lautet es. Nach einem Sonntag in Thessaloniki kann man wohl auch nichts anderes empfinden.

 

INFOS

Websites: www.bikeitrentals.com (Fahrräder), www.mbp.gr (Weißer Turm), www.amth.gr (Arch. Museum)

Preise: Kutschfahrten 20 €. Holzfahrrad 3,50 €/Std., Tandem 7 €/Std., Bootsfahrten umsonst, Mindestverzehr an Bord ca. 5-6 €. Weißer Turm 3 €., Archäologisches Museum 6 €. Musikzuschlag in den Lokalen 2-3 €,.

Reiseführer: DuMont Reisetaschenbuch, DuMont Direkt und Marco Polo “Chalkidiki/Thessaloniki”, alle drei von  Klaus Bötig

 

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Inselhüpfen im Ionischen Meer 2019 – Von Korfu bis nach Zakinthos

Von Klaus Bötig | 3.Mai 2019

Die 2018 erstmals zwischen Korfu und Zakinthos eingesetzte Personenfähre AZIMUT verkehrt auch 2019 wieder und legt jetzt sogar in Lefkas-Stadt und auf der Insel Meganisi an. Hier der Fahrplan:

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FERRY CORFU-PAXOS-LEFKAS-MEGANISI-ITHAKA-KEFALONIA-ZAKINTHOS

bis 30 September 2019.

MONDAY TUESDAY WEDNESDAY THURSDAY FRIDAY SATURDAY
06:30 CORFU -PAXOS 06:30 ΖΑKINTHOS-SAMI/ KEFALONIA 06:30 CORFU -PAXOS 06:30 ΖΑKINTHOS-SAMI/ KEFALONIA 06:30 CORFU -PAXOS 06:30 ΖΑKINTHOS-SAMI/ KEFALONIA
08:40 PAXOS-LEFKADA 08:45 SAMI/ KEFALONIA-ΙTHAKA 08:40 PAXOS-LEFKADA 08:45 SAMI /KEFALONIA-ΙTHAKA 08:40 PAXOS-LEFKADA 08:45 SAMI/ KEFALONIA-ΙTHAKA
12:00 LEFKADA-MEGANISI 09:30 ΙTHAKA-MEGANISI 12:00 LEFKADA-MEGANISI 09:30 ΙTHAKA-MEGANISI 12:00 LEFKADA-MEGANISI 09:30 ΙTHAKA-MEGANISI
12:45 MEGANISI-ITHAKA 10:15 MEGANISI-LEFKADA 12:45 MEGANISI-ITHAKA 10:15 MEGANISI-LEFKADA 12:45 MEGANISI-ITHAKA 10:15 MEGANISI-LEFKADA
13:30 ΙTHAKA-SAMI/ KEFALONIA 11:15 LEFKADA-PAXOS 13:30 ΙTHAKA-SAMI/ KEFALONIA 11:15 LEFKADA-PAXOS 13:30 ΙTHAKA-SAMI/ KEFALONIA 11:15 LEFKADA-PAXOS
14:15 SAMI /KEFALONIA-ΖΑKINTHOS 14:45 PAXOS-CORFU 14:15 SAMI/ KEFALONIA-ΖΑKINTHOS 14:45 PAXOS-CORFU 14:15 SAMI /KEFALONIA-ΖΑKINTHOS 14:45 PAXOS-CORFU

Fares per route

ROUTE FARE
CORFU – PAXOS 8.50€
PAXOS – LEFKADA 15.00€
LEFKADA – MEGANISI 3.70€
MEGANISI – ΙTHAKA 8.30€
ΙTHAKA – SAMI KEFALONIA 8.00€
SAMI KEFALONIA – ΖΑKINTHOS 58.50€
CORFU – ZAKINTHOS 58.50€

 

Tickets auf Korfu: Joy Travel, Stadt Korfu, gegenüber dem alten internationalen Fähr-Terminal

Tickets auf Lefkas: Lefkas Traveller, Odos A. Panagouli 4, Lefkas Port,  Tel. +30 26450 24609, FAX +30 26450 24604 EMAIL: info@lefkastraveller.gr

 

DER IDEALE REISEFÜHRER FÜR IONISCHE INSELHÜPFER STAMMT AUS MEINER FEDER:

DUMONT-REISETASCHENBUCH “KORFU & IONISCHE INSELN”, 5. aktualisierte Auflage 2019, 296 Seiten, mit herausnehmbarer Faltkarte, D € 17,99, A € 19.50 (Aktuelle News zur Region von mir auf www.dumontreise.de/korfu)

 

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Wie komme ich 2019 nach Kastellorizo?

Von Klaus Bötig | 30.April 2019

Per Flieger mit Olympic Airways täglich außer donnerstags:

ab Rhodos 7 Uhr, an K. 7.40 Uhr (OA 096)

ab K. 8 Uhr, an K 8.40 Uhr (=A 097)

 

Per Autofähre Blue Star Patmos:

Montags 7 Uhr ab R, an K 10.40 Uhr

ab K 11 Uhr, an R 14.40 Uhr

Freitags 10 Uhr ab R, an K 13.40 Uhr

ab K 14 Uhr, an R 17.40 Uhr

 

Mit dem Katamaran Dodekanisos Pride:

nur mittwochs 9 Uhr ab R, 11.20 Uhr an K

15.45 Uhr ab K, an R 18 Uhr

 

Mein Tipp für einen Tagesausflug ab Rhodos:

Mittwochs mit OA nach K fliegen, mit dem Katamaran zurück. Inselaufenthalt: 8 Stunden

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