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Ikaria – Insel der Hundertjährigen?

Von Klaus Bötig | 2.Juli 2014

Seit Jahren geistert das Gerücht durch die Medien, auf  Ikaria würden die Menschen besonders alt. Fast jeden Monat kommen Journalisten, Fotografen und TV-Teams aus aller Welt auf die Insel, um Hundertjährige zu interviewen und zur Schau zu stellen. Im Juni 2014  wurde auch ich von einem deutschen Reisemagazin dorthin geschickt, um Hundertjährige zu finden. Meine Erlebnisse:

Bei meiner Vorrecherche kontaktierte ich die auf Ikaria lebende Schweizer Betreiberin des größten Ikaria-Webportals. Sie sagte, sie kenne jeden Menschen zumindest in der Nordhälfte der Insel, der letzte Hundertjährige dort sei gerade im Mai gestorben (im Juni berichtete sie dann selbst in ihrem Newsletter darüber, warum so viele Ikarioten sehr alt werden…). Ein deutscher Gesundheitsforscher, in dessen neuestem Buch 27 Seiten über die Hundertjährigen auf Ikaria stehen, gab offen zu, auf Ikaria nur einen gut 90-jährigen gefunden und interviewt zu haben. Namen und Ort wusste er nicht mehr. Eine offizielle Bevölkerungsstatistik von Ikaria mit Angaben zu Hundertjährigen konnte ich nicht finden – Ergebnis der Vorrecherchen also Null.

Als ich dann im Juni auf Samos war, fragte ich die Wirte einer Taverne in Kokkari, die aus Ikaria stammen, nach Hundertjährigen. Sie kannten keinen, gaben mir aber die Nummer eines befreundeten Taxifahrers in Agios Kirykos, der zumindest im Südteil der Insel fast jeden Menschen kennt. Ich telefonierte mit ihm, er kannte keine Hundertjährigen. Im Hafencafé von Karlovassi, wo ich auf die Fähre nach Evdilos auf Ikaria wartete, stand ich auf und fragte wie ein Marktschreier: “Kommt hier jemand aus Ikaria?” Keine Antwort.

Vor dem Aussteigen auf Ikaria fragte ich dann an der Treppe hinunter zum Autodeck einen Mann um die 50, ob er einen Hundertjährigen kenne. “Ja, meinen Schwiegervater!” war seine Antwort. Er gab mir seinen Namen und die Telefonnummer des Kafenio-Wirts, in dem der Alte jeden Morgen ab etwa 10.30 Uhr sitzt.

Als ich dann endlich auf Ikaria war, fuhr ich nach Armenistis, wo ich ein Hotel gebucht hatte und meinen Fotografen samt Assistentin und 80 kg Fotoausrüstung traf. Die freundlichen jungen Frauen an der Rezeption wussten, dass es auch in Armenistis eine Hundertjährige gäbe – ich solle im Souvenirshop am Hafen nach ihr fragen. Gehört, getan. Die Souvenirverkäuferin sprach einen Mann an, der gerade vorüber ging. Es war der Sohn der alten Dame. Seine Mutter sei zur Zeit sehr schwach, ich solle morgen mittag bei ihm anrufen. Wenn sie fit genug sei, dürften wir sie interviewen und fotografieren.

Am nächsten Morgen klapperten wir zunächst die Kafenia in den zwei Dörfern ab, wo sie zur für Ikaria sehr ungewöhnlich frühen Zeit um 9 Uhr morgens schön geöffnet waren. Fehlanzeige in Agios Dimitrios. Aber im Laden der Frauengenossenschaft von Raches stand Silke, die schon lange auf Ikaria lebt. Sie rief sofort bei einer 103-jährigen an. Die hatte die Schnauze voll von Journalisten und Kamerateams und verweigerte ein Treffen.

10.30 Uhr. Wir treffen am Kafenio ein, wo der 101-jährige Schwiegervater meiner Schiffsbekanntschaft zu finden sein soll. Drei Männer sitzen am langen Tisch vor dem Kaffeehaus und warten darauf, dass es aufmacht. Einer davon ist mein Alter! Wir kommen leicht miteinander ins Gespräch, er ist noch sehr gut beieinander. Nach einer halben Stunde erzähle ich ihm, warum wir hier sind: Er will sich gern fotografieren lassen. Der Fotograf baut im Kafenio seine Lichtanlage auf und fotografiert nun eine halbe Stunde lang den 101-jährigen. Die Fotos und was der Alte mir erzählt hat, wird im September im Reisemagazin zu sehen sein. Was ich dort nicht schreiben darf, sei hier schon gesagt: Der rüstige Greis raucht seit 1940 täglich mindestens eine Schachtel Zigaretten. Damit angefangen hat er als Soldat in Albanien: “Ohne die tägliche Zigarettenration hätte ich  die Nächte dort nicht überlebt, sondern wäre vor Angst gestorben!”, sagt er.

P.S.: Bei Spiegel online las ich im Zuge der Nachrecherche, dass es in Deutschland über 14.000 über 100 Jahre alte Menschen gibt  - prozentual  die meisten davon in Berlin und Bremen (wo meine Schwiegermutter auch 100 Jahre alt geworden ist).

 

 

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