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Juden auf Korfu

Von Klaus Bötig | 23.November 2012

Gastbeitrag von L. Joseph Heid

Zu Füßen der trutzigen Neuen Festung von Korfu-Stadt, die die Korfioten Kerkyra nennen, liegt im Westen der Altstadt der Inselhauptstadt das ehemalige Judenviertel Evraiki, das durch deutsche Deportationen und Bombardements während des Zweiten Weltkriegs praktisch ausgelöscht wurde. Am Eingang der pittoresken Altstadt mit seinem venezianischen Flair, unübersehbar, bemerkt der Besucher an der Ecke Odos Velissariou und Odos Solomou eine Bronzeplastik. Es ist das Mahnmal für die im Juni 1944 von den Nationalsozialisten nach Auschwitz-Birkenau verschleppten 2000 Juden aus Korfu, von denen 130 überlebten. Die Stadtverwaltung und die Jüdische Gemeinde von Korfu haben es im November 2001 aufstellen lassen. Einen Widerstand gegen die Errichtung des Mahnmals, wie auf Rhodos, hat es hier nicht gegeben. Das Monument zeigt eine pogromistisch heimgesuchte Familie: der kleine Sohn schmiegt sich schutzsuchend an den nackten Körper des Vaters, der – wie auch die ein zweites Kind auf ihrem Arm tragende Mutter – seine Innenhandflächen zum Zeichen der Unschuld und Wehrlosigkeit vorstreckt, um damit die Katastrophe – vergeblich – abzuwehren sucht. Eine auf den ersten Blick befremdliche, beinahe verstörende Ikonographie, die im deutlichen Kontrast zu der Inselidylle steht, die jährlich Millionen Feriengäste anlockt.

Die Korfioten gedenken ihrer Juden, die ihre Wurzeln im spanisch-portugiesischen, aber auch im italienischen Judentum haben. Die Sephardim kamen vor etwa vor 500 Jahren; die „Romaniot“ nennen sich „Puliesi“, genannt nach der italienischen Stadt Pulia, sie kamen vor über 600 Jahren nach Corfu.

Vergessen gleichwohl ist die Erinnerung an den Pogrom im Jahre 1891, der infolge eines Ritualmordwurfwurfs die korfiotischen Juden heimsuchte. Dabei war das Opfer des angeblichen Ritualmords von Corfu eine Jüdin. 20 Tage lang belagerte die Bevölkerung das jüdische Viertel, um seine Einwohner auszuhungern. Die an Entkräftung Verstorbenen konnten nicht einmal begraben werden. 1.500 Juden verließen daraufhin Korfu und flohen nach Italien, in die Türkei und nach Ägypten.

Vier Synagogen hatte die Insel noch zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Neben der Architektur, der Sprache, dem Lebensstil brachten die Italiener auch Unterdrückung und Gewalt auf die ionischen Atolle. Ihrer viel gerühmten Toleranz zum Trotz waren die Italiener, da soll man sich nichts vormachen, zunächst Fremdherrscher und nicht gerade zimperlich, wenn es um Juden ging. Drei zerstörte Synagogen, die Korfu einst beherbergte, gehen auf das Konto der Italiener. Übrig geblieben ist eine namenlose Synagog,.

Die Synagoge lädt täglich (außer am Schabbat) zum Besuch ein. Hier wird man von Rubina Sousis empfangen, die ihren Magen David augenfällig um den Hals und am Handy trägt. Sie führt freundlich und kompetent durch die im sephardischen Baustil errichteten Synagoge. Sie spricht griechisch, hebräisch und englisch. Rubinas Vorfahren haben vor ihrer Niederlassung auf Korfu in der Türkei gelebt.

In der ersten Etage überrascht ein erstrahlter großzügiger Betraum den Besucher. Durch die bunten Fenster flutet Sonnenlicht und gibt den Blick frei auf den Thoraschrein, (der hier Hekal genannt wird) an der Jerusalem zugekehrten Wand. Ungewöhnlich der Standort des dominierenden und in kunstvoller Arbeit ausgeführten mit Baldachin versehenen Almemors gegenüber dem Thoraschrein, wie in romanischen Synagogen üblich, an der Westseite der Synagoge. Im Zentrum des Betraumes die Sitzbänke quer zu den beiden rituellen Kristallisationspunkten, was den Betern – entweder Rücken an Rücken oder sich direkt zugewandt – die Möglichkeit gibt, das religiöse Geschehen je nach gottesdienstlicher Notwendigkeit zu verfolgen. Zugleich bietet diese Sitzordnung Gelegenheit zu einem persönlichen Plausch. Die Frauenempore verläuft in einem Rundgang um den gesamten Innenraum. Im Innenhof der Synagoge, der für den Aufbau einer Sukka vorbereitet ist, sticht der Anfang der 1980er Jahre zugemauerte Eingang der Mikwe ins Auge. Als Grund wird fehlende Wasserzufuhr angegeben. Die Ruine auf dem Nachbargrundstück war einstmals die jüdische Schule der Gemeinde, dessen dreistöckiges Gebäude Platz für bis zu 300 Schülern bot und durch deutsch-italienischen Bomben zerstört wurde.

Einen eigenen Rabbiner kann sich die Gemeinde nicht leisten. Nur an den Hohen Feiertagen bestellt sie einen Rabbiner, der sich aus Italien einschiffen lässt. In dringenden religiösen Fällen muss der Rabbi aus Athen einspringen. Und damit haben sich die religiösen Aktivitäten auch schon nahezu erschöpft, sieht man einmal davon ab, dass es im letzten Jahr zwei Bar Mitzwoth gab. Die letzte jüdische Hochzeit liegt 15 Jahre zurück.

Soziologisch setzt sich die heute aus etwa 60 Personen bestehende Gemeinde zumeist aus kleinen Geschäftsleuten zusammen, die ihre Shops im ehemaligen jüdischen Viertel um die Synagoge betreiben. Die meisten wohnen auch in der Evriaki. Der Gemeindevorsitzenden Raphael Linos Sousis ist 58 Jahre alt und Bauingenieur. Die Gemeinde ist hoffnungslos überaltert, es gibt 23 Kinder. Immerhin. Ein Teil der älteren Gemeindemitglieder spricht noch Ladino. Die Gemeinde finanziert sich aus Mittel, die aus Athen kommen, Zuwendungen ehemaliger in der Welt zerstreut lebender Mitglieder und Spenden von Synagogenbesucher.

Die jüdische Gemeinde lebt mit der korfiotischen Bevölkerung im besten Einvernehmen. Das größte Problem ist nicht ein kaum wahrnehmbarer Antisemitismus, sondern die fortgeschrittene Assimilation, wie der Gemeindevorsitzende bedauert. Seine Familie sei das beste Beispiel: Seine beiden Töchter studieren und leben in Großbritannien, wo sie ihre Jüdischkeit verlieren. Auf die Frage nach dem Antisemitismus in Griechenland antwortet Sousis mit einem Bonmot. Es gebe hier so viel Antisemitismus, wie die Menschen brauchen, um nicht zu vergessen, dass es noch Juden gibt. Im Widerspruch zu dieser Aussage steht der Wachmann, der in seinem Glaskasten neben der Synagoge gelangweilt die Zeitung liest. Die Stadtverwaltung hat diesen Service präventiv gegen terroristische Anschläge eingerichtet. Rundumbewachung jüdischer Einrichtungen scheint inzwischen europäischer Standard zu sein. Dieser weltläufige korfiotische Jude Sousi bezeichnet sich selbst als jemand, der von Gott geliebt wird, als „Masseltovnik“, der gleichwohl nicht vergisst, dass 33 Mitglieder seiner Familie väterlicherseits von Griechen in Dörfern Korfus versteckt und  vor der Deportation gerettet wurde, während seine Familie mütterlicherseits in Auschwitz blieb.

In Kerkyra treffen wir auf zwei Chassiden, die ortsunkundig nach dem Weg fragen. Es sind orthodoxe Emissäre. Sie befinden sich auf Geschäftsreise. Welche Art von „Geschäft“ – irdische oder himmlische – sie treiben erfahren wir später. Für die flanierenden Touristen, die sich durch die engen Altstadt-Gässchen schieben, sind sie eher eine irritierende Belustigung aus einer fremden Welt. Tags darauf machen wir in der Synagoge nähere Bekanntschaft mit ihnen. Sie sind Seminaristen einer New Yorker Jeshiwa der Chabbat Lubavitsch, befinden sich seit drei Wochen auf missionarischer Werbetour durch die griechisch-jüdischen Gemeinden. Korfu ist ihre letzte Station. Mangels koscherer Tavernen haben sie sich ihr Essen – z.B. koschere Pasta – gleich aus den USA mitgebracht. Hier auf Corfu kaufen sie nur das Allernotwendigste hinzu, das unbedenklich ist – Coca-Cola, Wasser, Obst und Gemüse. Ihrem Antrittsbesuch hat sich der Gemeindevorsitzende hinzugesellt. Zwei jüdische Welten treffen aufeinander. Hier der emanzipierte griechische Jude Sousi mit seinem Lacoste-Shirt, dessen Credo, zuerst Jude, dann Jude und als drittes Mensch zu sein lautet, und daneben die zwei nach strenger chassidischer Vorschrift lebenden bärtigen Jeschiwe Bocher mit ihren fliegenden Schläfenlocken und breitkrempigen schwarzen Hüten, die für die neugierigen Blicke der Umwelt nur ein überlegenes Lächeln haben. An die staunenden Talmudstudenten gewandt, betont Sousi, niemals zu vergessen, Jude zu sein. „In euch habe ich allerdings gute Botschafter im Jüdischsein: Ihr tut etwas für mich, was ich nicht kann – beten“.

Für einen Tag, vielleicht für einen Augenblick, scheinen die Chassiden der dahin siechenden Gemeinde auf Korfu neues Leben einzuhauchen. Doch allen Werbens für einen Minjan, einen Kabbalat Schabbat feiern zu können zum Trotz, scheitert das notwendige Beterquorum an der sprichwörtlichen Unzuverlässigkeit der angesprochnen griechischen Männer aus der Gemeinde. Außer den beiden Lubavitschern und dem Schreiber dieser Zeilen fehlen beim Schabbateingang sieben weitere Beter.

Die offene Eingangstüre der Synagoge, die täglich eine Handvoll museal Interessierte anzieht, und die zugemauerte Mikwe im Innenhof stehen symbolisch für die Realität jüdischer Existenz auf Korfu heute, die das Ende der Diaspora anzuzeigen scheint. Die Gemeinde ist arm an Menschen. Die Wahrheit ist, dass es in 10 bis 15 Jahren vermutlich keine jüdische Gemeinde auf Corfu mehr geben wird. Es ist dies ein Teil einer allgemeinen Entwicklung im Judentum, die besorgniserregend ist, und inzwischen auch die Alarmsirenen des Jewish People Policy Planning Institut, das sich mit demographischen Zukunftsfragen des jüdischen Volkes beschäftigt, schrillen lässt. „Vielleicht werden wir“, orakelt der Gemeindevorsitzende Linos Sousi, „in 20 oder 30 Jahren an die Stadtverwaltung herantreten und diese bitten, unser Gotteshaus als Museum weiterzuführen“.

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