Kreta abseits der Strände: Bergdörfer und Schluchtenwanderungen

Die meisten Besucher sehen von Kreta vor allem die Nordküste: Hotelstrände, Promenaden, Ausflüge nach Knossos. Wer aber einmal ins Landesinnere fährt, entdeckt eine andere Insel. Die Berge steigen bis auf über 2.400 Meter, Dörfer kleben an steilen Hängen, und tiefe Schluchten führen von den Hochebenen hinunter zum Libyschen Meer.

Steiler Wanderweg durch eine felsige Schlucht auf Kreta mit hohen Kalksteinwänden, knorrige Zypressen am Wegrand, weiter hinten ein kleines weißes Bergdorf an einem Hang, klare Morgenluft

Klaus Bötig hat Kreta über Jahrzehnte immer wieder bereist und die Insel in vielen Büchern beschrieben. In seinem Sinne stellen wir hier einige Orte vor, die abseits der Strände liegen und doch zum Kern Kretas gehören. Grundlegendes zur Insel finden Sie auf unserer Seite über Kreta.

Anogia: Musik und Widerstand

Anogia liegt auf etwa 700 Metern Höhe am Fuß des Psiloritis, des höchsten Bergs der Insel. Das Dorf ist bekannt für seine Musiker, seine Webereien und seine Geschichte. Im Zweiten Weltkrieg wurde es von deutschen Truppen zerstört, nachdem Bewohner an der Entführung eines Generals beteiligt waren. Heute ist Anogia wieder ein lebendiger Ort, in dem abends in den Kafenia Lyra gespielt wird. Wer im August kommt, erlebt oft Feste mit Musik bis in den Morgen.

Spili und die Löwenköpfe

Spili liegt an der Straße von Rethymno an die Südküste und wird oft nur als Zwischenstopp genutzt. Das ist schade. Mitten im Ort plätschert eine venezianische Brunnenanlage mit Wasserspeiern in Form von Löwenköpfen, aus denen frisches Bergwasser fließt. In den Gassen dahinter gibt es kleine Tavernen mit Gerichten aus der Region, oft mit Kräutern, die an den Hängen ringsum wachsen. Wer eine Nacht bleibt, erlebt den Ort ohne die Tagesgäste.

Margarites: Das Dorf der Töpfer

Etwas weiter östlich liegt Margarites, ein Dorf, das seit Jahrhunderten vom Töpfern lebt. Die großen Vorratsgefäße, die Pithoi, werden hier noch nach alten Methoden hergestellt. In mehreren Werkstätten können Sie zusehen und kaufen. Wer einen Becher oder eine Schale mitnehmen möchte, sollte vorher fragen, ob das Stück spülmaschinenfest ist. Traditionelle Glasuren sind es oft nicht.

Die Hochebenen: Lassithi und Omalos

Zwischen den Gebirgen liegen auf Kreta mehrere Hochebenen, die im Sommer angenehm kühl sind. Die bekannteste ist die Lassithi-Hochebene im Osten, auf etwa 850 Metern Höhe. Früher drehten sich hier Tausende von Windrädern mit weißen Segeltüchern, die Wasser für die Felder pumpten. Die meisten sind heute stillgelegt oder durch Motorpumpen ersetzt, einige wurden aber restauriert. Rund um die Ebene liegen Dörfer, in denen Kartoffeln, Äpfel und Getreide angebaut werden. Am Rand der Ebene liegt die Diktäische Höhle, in der nach der Sage Zeus geboren wurde. Der Aufstieg vom Dorf Psychro dauert eine knappe halbe Stunde.

Die Omalos-Hochebene im Westen ist vor allem als Ausgangspunkt für die Samaria-Schlucht bekannt. Wer am Vorabend anreist und dort übernachtet, ist morgens als einer der Ersten am Eingang und hat die Schlucht in den ersten Stunden fast für sich. Die Gasthäuser auf der Hochebene sind einfach, aber herzlich, und abends wird es auch im Hochsommer frisch. Eine Jacke gehört deshalb ins Gepäck.

Beide Hochebenen zeigen, wie vielfältig die Insel ist. Wenige Kilometer von den Badeorten entfernt herrscht ein Klima, in dem Apfelbäume wachsen und im Winter Schnee liegt.

Die Samaria-Schlucht

Die bekannteste Schlucht Kretas ist die Samaria-Schlucht in den Weißen Bergen. Sie ist etwa 16 Kilometer lang und führt von der Hochebene von Omalos hinunter nach Agia Roumeli an der Südküste. An der engsten Stelle, den Eisernen Toren, stehen die Felswände nur wenige Meter auseinander. Die Schlucht ist Nationalpark und meist von Mai bis Oktober geöffnet. Ausführliche Informationen zu Öffnungszeiten und Route gibt die griechische Tourismusorganisation auf ihrer deutschsprachigen Seite zur Samaria-Schlucht.

Die Wanderung dauert fünf bis sieben Stunden und geht fast nur bergab. Das klingt bequem, ist aber für Knie und Füße anstrengend. Von Agia Roumeli fahren Fähren nach Chora Sfakion oder Sougia, weil es keine Straße gibt. Wer die letzte Fähre verpasst, muss im Dorf übernachten.

Kleinere Schluchten für jede Kondition

Wer weniger Zeit hat oder außerhalb der Saison kommt, findet auf Kreta viele kleinere Schluchten. Die Imbros-Schlucht bei Chora Sfakion ist etwa acht Kilometer lang, ganzjährig begehbar und in drei Stunden zu schaffen. Die Aradena-Schlucht ist wilder und weniger besucht. Im Osten der Insel führt die Schlucht der Toten bei Kato Zakros an alten Grabhöhlen vorbei zu einem minoischen Palast am Meer.

  • Schuhe: feste Wanderschuhe mit Profil, keine Sandalen. Die Steine sind oft glatt.
  • Mindestens zwei Liter Wasser pro Person, in den Schluchten gibt es nur wenige Quellen.
  • Startzeit: früh am Morgen loslaufen, bevor die Hitze in die Schlucht drückt.
  • Rückfahrt vorher klären, besonders bei Schluchten, die am Meer enden.

Die beste Zeit für das Landesinnere

Für Wanderungen und Dorfbesuche sind Frühjahr und Herbst am angenehmsten. Im April und Mai blühen die Hänge, im Oktober ist das Licht klar und die Hitze vorbei. Im Hochsommer sind die Schluchten heiß und voll. Im Winter liegt auf den Gipfeln oft Schnee, und manche Bergstraßen sind schwierig zu befahren. Ein Mietwagen ist für das Landesinnere fast unverzichtbar, weil Busse nur die größeren Orte verbinden.

Fazit: Kreta beginnt hinter der Küste

Wer Kreta nur von der Strandliege kennt, hat die halbe Insel gesehen. Die Bergdörfer erzählen von Musik, Handwerk und Geschichte, die Schluchten führen durch eine Landschaft, die sich seit Jahrtausenden kaum verändert hat. Planen Sie ein paar Tage im Landesinneren ein. Es lohnt sich.

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