Im August 2015 habe ich mich auf ein Abenteuer eingelassen, das so gar nicht zu meinem üblichen Reisestil passt: eine Kreuzfahrt. Nicht durch die griechische Inselwelt, sondern durch die Ostsee, auf der AIDAvita. Ein Experiment, das mich überraschte.
Warum eine Kreuzfahrt?
Ich gebe es zu: Als jemand, der sein halbes Leben auf griechischen Fähren verbracht hat, war ich skeptisch. Kreuzfahrten galten mir als das Gegenteil von echtem Reisen – schwimmende Hotels für Menschen, die Angst vor dem Fremden haben. Doch die Ostsee mit ihren vielen Hauptstädten auf engem Raum schien mir der ideale Testfall.
Die AIDAvita ist eines der kleineren Schiffe der Flotte. Etwa 1.200 Passagiere, überschaubar. Kein schwimmendes Hochhaus, sondern ein Schiff, das noch wie ein Schiff aussieht.
Tag 1: Kiel – Abschied vom Festland
Der Hafen von Kiel ist Routine für diese Schiffe. Einschiffung, Sicherheitsübung, das erste Buffet. Ich stehe an der Reling und schaue auf die Förde. Ein seltsames Gefühl: Für die nächsten zehn Tage bin ich nicht Herr meiner Route. Das Schiff entscheidet, wann und wo ich an Land gehe.
Klaipeda auf eigene Faust
Der erste Halt ist Klaipeda in Litauen. Ein Hafen, den kaum jemand auf dem Schirm hat. Die meisten Passagiere buchen den Ausflug zur Kurischen Nehrung – zu Recht, denn diese Landschaft ist einzigartig.
Ich entscheide mich für die Altstadt auf eigene Faust. Klaipeda war einst Memel, die nördlichste Stadt Deutschlands. Davon zeugen noch die Fachwerkhäuser am Theaterplatz. Ein kurzer Fußweg vom Hafen, keine Bustour nötig. Die Stadt ist überschaubar, die Preise moderat, die Menschen freundlich.
Tallinn – Mittelalter trifft Moderne
Tallinn auf eigene Faust zu erkunden ist einfach. Vom Kreuzfahrtterminal sind es etwa 15 Minuten zu Fuß in die Altstadt. Man braucht keinen Shuttlebus, keinen organisierten Ausflug.
Die estnische Hauptstadt überrascht. Die mittelalterliche Altstadt ist UNESCO-Weltkulturerbe und wirkt wie ein begehbares Museum. Gleichzeitig ist Tallinn eine der digitalsten Städte Europas. Diesen Kontrast muss man erlebt haben.
Mein Tipp: Den Domberg hinaufsteigen und von den Aussichtspunkten auf die Unterstadt und das Meer blicken. Dann durch die Gassen hinunter zum Rathausplatz, Kaffee trinken, Menschen beobachten.
St. Petersburg – Die Herausforderung
St. Petersburg ist der Grund, warum viele diese Kreuzfahrt buchen. Zwei volle Tage, eine Übernachtung im Hafen. Für Kreuzfahrtgäste gibt es visafreien Zugang – allerdings nur mit organisiertem Ausflug oder einer Gruppenberechtigung.
Auf eigene Faust ist St. Petersburg nur möglich, wenn man vorab ein Visum beantragt hat. Der Aufwand lohnt sich für Individualisten. Man entkommt den Massen, die durch die Eremitage geschleust werden, und kann die Stadt in eigenem Tempo entdecken.
Die Eremitage, Peterhof, die Auferstehungskirche – die Sehenswürdigkeiten sind überwältigend. Aber auch die Nebenstraßen der Innenstadt haben ihren Reiz. Kleine Cafés, alte Innenhöfe, das alltägliche Leben einer Metropole.
Helsinki auf eigene Faust
Nach der Pracht von St. Petersburg wirkt Helsinki fast bescheiden. Aber gerade das macht den Reiz aus. Die finnische Hauptstadt ist übersichtlich, sauber, entspannt.
Vom Hafen in die Innenstadt fährt eine Straßenbahn. Der Dom, der Marktplatz, das Designviertel – alles ist zu Fuß erreichbar. Helsinki eignet sich perfekt für einen selbstorganisierten Tag.
Wer Zeit hat, nimmt die Fähre zur Festungsinsel Suomenlinna. UNESCO-Weltkulturerbe, Picknickwiesen, alte Kanonen. Ein Ort zum Durchatmen.
Stockholm – Die Königin der Ostsee
Stockholm ist vielleicht die schönste der Ostseemetropolen. Das Kreuzfahrtterminal liegt etwas außerhalb, aber Shuttlebusse bringen die Gäste ins Zentrum.
Stockholm auf eigene Faust bedeutet: Gamla Stan erkunden, die Altstadt auf ihrer eigenen Insel. Durch enge Gassen schlendern, den Königspalast von außen bestaunen, in einem der vielen Cafés einen Kanelbullar essen.
Das Vasa-Museum ist Pflicht. Ein originales Kriegsschiff aus dem 17. Jahrhundert, das bei seiner Jungfernfahrt sank und fast vollständig erhalten geborgen wurde. Beeindruckender als jedes Modell.
Visby – Das Juwel auf Gotland
Visby auf der Insel Gotland ist ein Überraschungsstopp. Die mittelalterliche Stadtmauer ist noch fast vollständig erhalten, Rosenhecken säumen die Kopfsteinpflastergassen. Hier fühlt man sich in eine andere Zeit versetzt.
Der Hafen liegt direkt an der Altstadt. Kein Transfer nötig, einfach von Bord gehen und losschlendern. Das ist der Vorteil kleinerer Häfen: unmittelbarer Kontakt zur Stadt.
Mein Fazit zur Ostseekreuzfahrt
Hat mich die Kreuzfahrt bekehrt? Jein. Das Konzept funktioniert für die Ostsee, weil die Distanzen überschaubar sind und die Häfen interessant. Man sieht viel in kurzer Zeit, ohne ständig Koffer packen zu müssen.
Aber das Gefühl des echten Reisens stellt sich nicht ein. Man bleibt Tourist, gleitet über die Oberfläche. Nach zwei Stunden ruft das Schiff, und man muss zurück.
Für einen ersten Eindruck der Ostsee-Metropolen ist eine Kreuzfahrt ideal. Wer tiefer eintauchen will, muss wiederkommen – mit dem Rucksack, dem Mietwagen oder der Fähre. Auf eigene Faust eben, ohne Zeitdruck und ohne Kabinen-Durchsagen.
„Eine Kreuzfahrt zeigt dir, wohin du reisen solltest. Die eigentliche Reise kommt danach."
Praktische Tipps für Landausflüge auf eigene Faust
- Klaipeda: Altstadt zu Fuß erreichbar, Kurische Nehrung nur mit Ausflug
- Tallinn: 15 Minuten Fußweg vom Hafen zur Altstadt
- St. Petersburg: Nur mit Visum oder organisiertem Ausflug
- Helsinki: Straßenbahn vom Hafen ins Zentrum
- Stockholm: Shuttlebus vom Terminal nach Gamla Stan
- Visby: Altstadt direkt am Hafen

